In der Schänzlesporthalle in Konstanz wollte er schon immer einmal spielen verrät Michael Kraus, den alle immer noch Mimi rufen. Vier Tage vor dem Duell der HSG Konstanz gegen die SG BMM Bietigheim sitzt der Handballprofi mit seiner Frau Bella und Baby Maddy, dem jüngsten seiner drei Kinder, bei seinem Lieblingsitaliener in Göppingen. Kraus verfolgt schon länger die Entwicklung der Konstanzer.

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„Die Leute da machen einen großartigen Job, in der Mannschaft spielen viele Studenten, das hat alles irgendwie Charme“, sagt Kraus. Mimi Kraus wird Freitagabend (20.00 Uhr) von seinem eigenen Fanclub in Konstanz unterstützt, wenn der Aufsteiger den Absteiger fordert, denn seine Tante aus Stockach hat gleich mehrere Tickets geordert. „Wir fahren mit viel Respekt dahin, zumal wir auch diese Blockade aus unserem ersten Spiel rausbekommen müssen“, sagt Kraus. 18:27 hatte Bietigheim gegen Hamm daheim verloren. „Das war ein Schuss vor den Bug, du musst auch in der zweiten Liga den besten Handball zeigen, wenn du aufsteigen willst.“

Gespräch vor der Partie in Konstanz: Unsere Mitarbeiterin Elke Rutschmann mit Michael Kraus.
Gespräch vor der Partie in Konstanz: Unsere Mitarbeiterin Elke Rutschmann mit Michael Kraus. | Bild: sk

In Bietigheim haben sie dieses Ziel klar formuliert, wohlwissend, dass es eine Mammutaufgabe wird. „Man steigt nicht einfach wieder auf, da musst du in einen Flow kommen“, sagt Kraus. In den vergangenen Jahren habe nur der Bergische HC die sofortige Rückkehr geschafft. Kraus traut seinem Club die Rückkehr in die Bundesliga zu. Er selbst nahm sich eine innere Einkehr, nachdem sein Team den Klassenverbleib verfehlt hatte. „Es stand auch im Raum, dass ich ganz aufhöre“, sagt er.

Karriere-Ende ist nicht mehr fern

Er hat keine leichte Zeit hinter sich – erst der sportliche Abstieg und dann ist auch im Juli sein Vater verstorben. Da kam ein Engagement in Frankreich für den Familienmenschen nicht infrage. Demnächst wird der ewige Lausbub 36 Jahre alt. Doch wieviel Mimi steckt eigentlich noch in Michael? „Der Mimi ist immer noch da, aber natürlich kann ich als Familienvater inzwischen besser relativieren, war wirklich wichtig ist“, sagt Kraus. Seine Frau Bella, die eine erfolgreiche Influencerin ist, und die drei Kinder haben die ernsthafte Seite in ihm geweckt. Die Hamburgerin hat er 2013 auf der Abendschule kennengelernt, als die beiden das Abitur nachgemacht haben. Bella war am Ende besser als Mimi.

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Das Abi hat Kaus natürlich mit Blick auf die Zeit nach dem aktiven Sport gemacht und wollte eigentlich Business Management studieren. Aber mit drei Kindern und dem Fulltimejob als Handballprofi war das bislang nicht möglich. „Im Moment sind viele Gedanken in meinem Kopf, was nach der Karriere kommt“, sagt Mimi Kraus. Trainer will er erst mal nicht werden, eher in die Fitnessbranche einsteigen.

Eine Laufbahn mit vielen Titeln

In der vergangenen Saison in der Hinserie hat Mimi Kraus für den TVB 1898 Stuttgart in den Spielen gegen den TSV Hannover-Burgdorf und die Füchse Berlin 29 Treffer erzielt und gezeigt, was für ein toller Handballer er sein kann. Wenn er fit ist. Wenn sein Körper in Form ist und sein Kopf bei der Sache. Der einstige Bravo-Boy des Jahres (2000) war nicht immer mit dem nötigen Ernst bei der Arbeit, hatte Flausen im Kopf. Der 1,87 Meter große Rechtshänder hat sein Können als Torjäger und Spielmacher aber auch oft bewiesen: Er hat die DHB-Auswahl bei der Heim-WM 2007 zum Titel geführt, als der etatmäßige Regisseur Markus Baur verletzt ausfiel, 2011 ist er mit dem HSV Hamburg Deutscher Meister geworden, 2013 hat er dem Club zum Champions-League-Titel verholfen. 401 Tore hat er in 128 Länderspielen erzielt.

Der WM-Triumph 2007 (von links): Nationaltrainer Heiner Brand, Michael Kraus, Henning Fritz und Markus Baur.
Der WM-Triumph 2007 (von links): Nationaltrainer Heiner Brand, Michael Kraus, Henning Fritz und Markus Baur. | Bild: Franz-Peter Tschauner/DPA

Kraus musste auch schwierige Phasen meistern, war oft verletzt, nicht diszipliniert genug und gilt bis heute als unvollendetes Genie. Das ist die Sichtweise von außen. Mimi Kraus aber ist mit sich selbst im Reinen. „Ich habe viele Fehler gemacht, aber ich bereue nichts“, sagt er. Auch nicht, dass er Angebote von Barcelona und Kiel ausgeschlagen hat. „Meine Entscheidungen haben mich genau hierhergeführt, und ich könnte nicht glücklicher sein.“ Jetzt hoffen sie auch in Bietigheim beim Unternehmen Wiederaufstieg auf die genialen Momente von Kraus, in denen er ein gegnerisches Team nahezu allein überwältigen kann. Bei der HSG werden sie sich wünschen, dass er sich diese Kunst für ein anderes Spiel aufhebt.

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