Es ist die dritte von vier Nachspielminuten, Ecke für Freiburg, Luca Waldschmidt zirkelt sie nach innen, Philipp Lienhart steigt hoch und setzt den Ball im hohen Bogen über VfL-Keeper Koen Casteels ins Netz. Das Schwarzwaldstadion erlebt eine Eruption der Gefühle, die Fans toben vor Glück, von der SC-Bank spurtet alles, was Beine hat, auf den Platz. 4:3, der Sieg nach dreimaligem Rückstand, Wahnsinn.

Doch dann spurtet der Wolfsburger Torwart zu Schiedsrichter Felix Brych, der greift sich ans Ohr, geht an den Spielfeldrand, um Videobilder zu studieren, und nimmt dann den Treffer zurück. Dominique Heintz hatte kurz vor der Torlinie hinter Casteels und vor VfL-Verteidiger Robin Knoche im Abseits gestanden, nach Brychs Auffassung, die er später vor TV-Mikrofonen zu Protokoll gab, soll der Freiburger sowohl Knoche als auch Casteels behindert haben. Deshalb, so Brych: „Strafbares Abseits.“

Aus grenzenlosem Freiburger Jubel wird bittere Enttäuschung, die der sich persönlich ungerecht behandelt fühlende Heintz in diese Worte kleidet: „Das war ein geiles Gefühl. Dann kommt der Videobeweis und nimmt die ganzen Emotionen. Da geht das Fußball-Herz unter.“ Der SC-Verteidiger schildert die Szene ganz anders, als sie der Unparteiische auf den bewegten Bildern erkannt haben will. „Ich stehe am Pfosten, werde von Knoche in den Sandwich genommen, mache gar nichts, bewege mich nicht. Casteels hatte einfach keine Chance, an den Ball zu kommen.“

Diese Meinung teilt der Wolfsburger Torhüter, allerdings schildert er alles wieder umgekehrt. Er sei von Heintz, behauptet Casteels gegenüber Sky-Reporterin Jessica Libbertz, „am Arm festgehalten worden“. Deren Nachfrage, ob er sich behindert gefühlt habe, weicht der Belgier aus: „Ich habe es dem Schiedsrichter gesagt und er hat eine Entscheidung getroffen.“ Es wird skurril, denn Libbertz hakt nach: „So etwas spürt man doch, wenn man behindert wird.“ Casteels fährt verbalen Slalom, vermeidet ein klares Ja. Warum?

Skurril bleibt’s auch. VfL-Trainer Bruno Labbadia möchte sich zur Aufregerszene nicht äußern, verweist stattdessen auf zwei Elfmetersituationen, in denen der Pfiff zugunsten seiner Elf ausgeblieben sei. Sein Kollege Christian Streich benutzt mehrfach das Wort Balance. „Die guten Schiedsrichter – und ich sage nicht, die schlechten – schaffen die beste Balance. Auch wenn sie es nie so sagen würden“, erklärt der Freiburger Trainer.

Mit Blick auf die von Labbadia angeführten fragwürdigen Strafstoßaktionen fügt Streich hinzu: „Dann machen wir das 4:3 – und dann hätte wohl die Balance nicht mehr gestimmt.“ Versöhnliche Worte oder eher Sarkasmus? Am Ende eines bemerkenswerten Tages musste sich wirklich jeder seine eigene Meinung bilden...