Viel Luft hatte er nicht mehr, aber für eine deftige Verwünschung reichte es dann doch noch. „Ihr elenden Mörder“, fauchte Oscar Lapiz den Chefs der Tour de France entgegen, die gemütlich im offenen Auto saßen, als der 23-jährige Rennfahrer sich als Erster über die Passhöhe des Tourmalet quälte. Das war im Juli 1910 und es war das erste Mal, dass das Radrennen auch über Pyrenäenpässe rollte.

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Die Vogesen und die Alpen waren schon seit dem Beginn 1903 im Programm, aber das Tour-Spektakel gierte schon in jungen Jahren nach immer neuen Sensationen, also ging es sieben Jahre nach der Gründung ins Grenzgebirge zu Spanien. Eine böse Schinderei. Fakt ist, dass damals in den zerklüfteten Hochlagen tatsächlich noch Bären lebten und dass die Pässe selbst für damalige Verhältnisse nur bessere Pfade für Hirten und Holzfäller waren. Zudem wird die Luft in 2100 Meter Höhe langsam dünn.

Der Géant du Tourmalet (Riese des Tourmalet) ist eine Skulptur, die an die erste Überquerung des Col du Tourmalet im Rahmen der Tour de France 1910 erinnert.Weil der französische Radrennfahrer Octave Lapize der führende Fahrer bei dieser Überquerung war, hat die Skulptur den Beinamen Octave le Géant erhalten.
Der Géant du Tourmalet (Riese des Tourmalet) ist eine Skulptur, die an die erste Überquerung des Col du Tourmalet im Rahmen der Tour de France 1910 erinnert.Weil der französische Radrennfahrer Octave Lapize der führende Fahrer bei dieser Überquerung war, hat die Skulptur den Beinamen Octave le Géant erhalten. | Bild: imago sportfotodienst

Octave Lapiz musste sein Rad jedenfalls zeitweise schieben, obwohl der dreifache Sieger des hammerharten Klassikers Paris-Roubaix Kraft wie ein Ochse hatte. Aber ihm blieb trotzdem der Platz im Geschichtsbuch der Tour, weil er als Erster oben war. Er gewann auch die Etappe und später auch die Tour. Den Sonderpreis für den Tourmalet bekam er aber nicht. Die 100 Francs Prämie sicherte sich Gustave Garrigou, weil er als Einziger sein Rad auf dem langen Anstieg keinen Meter schieben musste.

Andy Schleck triumphierte bei der letzten Zielankunft auf dem Tourmalet.
Andy Schleck triumphierte bei der letzten Zielankunft auf dem Tourmalet. | Bild: DIRK WAEM

Die Verwünschung, die Lapize an der Passhöhe ausstieß, hätte aber eigentlich einem anderen gelten müssen, als den Offiziellen im Auto. Alphonse Steinès, der Assistent von Tourgründer Henri Desgrange, hatte die Strecke im Frühjahr 1910 teilweise zu Fuß erkundet. Der Mann wäre auf den verschneiten Wegen beinahe erfroren, kabelte aber trotzdem nach Paris: „Gut über den Tourmalet gekommen – Straße in gutem Zustand – Kein Problem für die Fahrer“. Das war eine dicke Lüge, der Tourmalet aber seither im Programm.

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Und zwar so oft wie kein anderer Pass. Bereits Zum 83. Mal geht es heute auf den Tourmalet. Allerdings erst zum dritten Mal als Zielankunft. Die Etappe ist zudem eine der neueren Art bei der Tour. Mit nur 117,5 Kilometer ziemlich kurz, aber dafür sehr schwer. Für die Sprinter und Helfer wird es wieder ein Kampf gegen das Zeitlimit, für die Sieganwärter der Tour vor allem im Finale die Hölle. 19,5 Kilometer mit durchschnittlich 7,4 Prozent misst die Steigung ab Luz-Saint-Sauveur, 1410 Höhenmeter sind zu überwinden. Auf den letzten zwei Kilometern wird es dann mit fast elf Prozent noch einmal richtig fies steil. Das Finale am Tourmalet wird also eine große Herausforderung für die Topfahrer und ihre Helfer werden, natürlich auch für Emanuel Buchmann und sein Team Boras Hansgrohe. „Emu“ kennt den Berg, ist ihn bei seinen drei Tourteilnahmen schon zweimal gefahren, wenn auch nicht als Bergankunft.

Die Fahrer konkurrieren bis heute zuweilen mit den Schafherden.
Die Fahrer konkurrieren bis heute zuweilen mit den Schafherden. | Bild: imago sportfotodienst

Der Tourmalet ist vor allem durch seine Länge extrem schwer. Und weil bei einer Bergankunft die Favoriten am Anschlag fahren. „Du siehst die 20 Kilometer Marke – und dann hast du noch eine Stunde vor dir“, erinnert sich EX-Profi Rolf Aldag. „Der Berg kann dir so richtig den Stecker ziehen.“

Im Tal ist es schön, auf dem Tourmmalet ist es oftmals dennoch ungemütlich.
Im Tal ist es schön, auf dem Tourmmalet ist es oftmals dennoch ungemütlich. | Bild: BENOIT DOPPAGNE

Es könnte also gut sein, dass am Tourmalet wieder mal ein Stück Tourgeschichte geschrieben wird. Wie schon so oft. 1913 brach Eugène Christophe in Führung liegend in der Abfahrt die Gabel, die er selbst und ohne Hilfe nach einem langen Fußmarsch in einer Schmiede reparierte, weil das Reglement nichts anderes zuließ. Über zwei Stunden Zeit verlor er, natürlich auch die Führung. Und als ihm dann im Ziel die Jury noch ein paar Zusatzsekunden aufbrummte, weil der Lehrling in der Schmiede den Blasebalg für ihn bedient hatte, antwortete Christophe frei nach Götz von Berlichingen, dessen Zitat sicherlich auch heute wieder mancher Fahrer im Sinn haben wird.

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