Thomas Schneider wird nach dem WM-Debakel nicht mehr als Co-Trainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft fungieren. Wie Bundestrainer Joachim Löw auf einer Pressekonferenz am Mittwoch in München bekanntgab, soll Schneider zukünftig die Leitung der Scouting-Abteilung des DFB übernehmen.

Demnach wird der Trainerstab zukünftig neben Löw aus Assistent Marcus Sorg und Torwarttrainer Andreas Köpke bestehen. „Wir wollten ganz bewusst einen Fachmann im Scouting-Team haben, was die Gegneranalyse betrifft. Urs Siegenthaler wird selbstverständlich weiter in diesem Bereich zuständig sein“, sagte Löw zur Personalie Schneider.

Sehen Sie hier die Stellungnahme im Video:

Auch der erweiterte Betreuerstab wird zukünftig deutlich kleiner sein. Im Vergleich zum WM-Aufgebot werden demnach elf, im Vergleich zu normalen Länderspielen sieben Person weniger im Einsatz sein.

Das Turnier war für den Trainer ein "absoluter Tiefschlag"

Löw hat das Vorrunden-Aus bei der Fußball-WM als „absoluten Tiefschlag“ bezeichnet. Es gebe nichts zu beschönigen, sagte Löw auf einer Pressekonferenz in München und fügte hinzu: „Wir sind weit unter unseren Möglichkeiten geblieben und haben zu Recht die Quittung dafür bekommen.“ Die ersten zwei, drei Tage nach dem Ausscheiden seien von Frust, Niedergeschlagenheit und einer großen Portion Wut geprägt gewesen.

Das könnte Sie auch interessieren

Löw trat für die Präsentation seiner WM-Analyse und anlässlich der Bekanntgabe des Aufgebots für die Länderspiele am 6. September in München in der neuen Nationenliga gegen Weltmeister Frankreich sowie drei Tage später in Sinsheim beim Test gegen Peru erstmals seit dem WM-Aus vor die Presse.

Löw selbstkritisch: „Es war fast schon arrogant"

Joachim Löw hat auch eigene Fehleinschätzungen eingestanden. „Mein allergrößter Fehler war, dass ich geglaubt habe, dass wir mit unserem dominanten Stil durch die Vorrunde kommen. Wenn wir dieses Spiel spielen, müssen alle Rahmenbedingungen stimmen, damit wir dieses hohe Risiko auch tolerieren können.

Das könnte Sie auch interessieren

Diese Rahmenbedingungen haben in diesen Spielen bei uns nicht gepasst“, sagte der Bundestrainer am Mittwoch auf einer Pressekonferenz in München. „Es war fast schon arrogant. Ich wollte das auf die Spitze treiben und es noch mehr perfektionieren. Ich hätte die Mannschaft vorbereiten müssen so wie es 2014 der Fall war, als es eine Ausgewogenheit gab zwischen Offensive und Defensive.“

Jogi Löw wirft einen kritischen Blick auf die WM.
Jogi Löw wirft einen kritischen Blick auf die WM. | Bild: Sven Hoppe (dpa)

Löw: "Thema Özil haben wir unterschätzt" 

Die Sportliche Leitung der Nationalmannschaft hat vor und während der Fußball-WM in Russland das Thema Mesut Özil „absolut unterschätzt“. Das räumte Bundestrainer Joachim Löw ein. „Wir dachten, dass wir das Thema aus der Welt schaffen mit dem Treffen beim Bundespräsidenten. Mein einziger wichtiger Gedanke war, uns richtig auf die WM vorzubereiten“, sagte der 58-Jährige zu den Fotos von Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan.

Das könnte Sie auch interessieren

„Dieses Thema hat Kraft gekostet, dieses Thema war nervenaufreibend, weil es immer wieder da war“, ergänzte Löw. Es sei aber nicht der Grund für das vorzeitige WM-Aus in Russland gewesen.

Die Art und Weise des Rücktritts von Özil kann der Bundestrainer nicht nachvollziehen. „Mit seinem Vorwurf über Rassismus hat Mesut ganz einfach auch überzogen. Es gab nie in der Mannschaft auch nur einen Ansatz von Rassismus, keinen Ansatz von rassistischen Äußerungen“, betonte Löw. Özil hatte unter anderem dem DFB-Präsidenten Reinhard Grindel Rassismus vorgeworfen. 

Bierhoff übt Kritik an DFB-Elf: „Selbstgefällig aufgetreten“

Auch Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff hat harsche Kritik am Auftritt des DFB-Teams bei der Fußball-WM in Russland geäußert. „Uns hat die richtige Einstellung gefehlt. Wir sind selbstgefällig aufgetreten, wir haben die Unterstützung der Fans für zu selbstverständlich gehalten“, sagte Bierhoff in München.

Man habe gedacht, dass das ein Selbstläufer sei, ergänzte Bierhoff. Deutschland hatte sich als amtierender Weltmeister bei der WM-Endrunde in Russland mit dem Vorrunden-Aus blamiert.

Teammanager Oliver Bierhoff spricht bei der Pressekonferenz.
Teammanager Oliver Bierhoff spricht bei der Pressekonferenz. | Bild: Sven Hoppe (dpa)

Weltmeister Khedira nicht im DFB-Aufgebot

Trainer Löw verzichtet beim Neustart der deutschen Fußball-Nationalmannschaft auf Weltmeister Sami Khedira. Insgesamt stehen 17 Spieler aus dem WM-Kader im Aufgebot für die Länderspiele gegen Weltmeister Frankreich am 6. September und drei Tage später gegen Peru.

Dass Khedira nicht mehr dabei ist, hatte sich bereits angedeutet. Der Mittelfeldspieler von Juventus Turin hatte dafür im Vorfeld bereits Verständnis gezeigt. „Wenn es aktuell Bessere gibt, dann werde ich das akzeptieren“, hatte sich Khedira zuletzt in seinen sozialen Kanälen geäußert. 

Löw sagte zu seiner Entscheidung gegen Khedira: „Ich habe ihm gesagt, dass ich jetzt Raum und Platz schaffen möchte auf dieser Position. Wir sprechen zu gegebener Zeit weiter.“

Nils Petersen ist wieder mit dabei

Aus dem WM-Aufgebot hatten zuvor Mesut Özil und Mario Gomez ihren Rücktritt erklärt. Dazu sind derzeit der dritte Torhüter Kevin Trapp sowie Marvin Plattenhardt und der Neu-Schalker Sebastian Rudy außen vor.

Dafür nominierte Löw die drei Neulinge Thilo Kehrer (Paris Saint-Germain), Nico Schulz (1899 Hoffenheim) und Kai Havertz (Bayer Leverkusen). Auch die kurz vor der WM aus dem Kader gestrichenen Leroy Sané (Manchester City), Nils Petersen (SC Freiburg) und Jonathan Tah (Bayer Leverkusen) sind von Löw wieder berufen worden.

Nichtberücksichtigung von Gündogan für Löw kein Thema

Für Joachim Löw war eine Nichtberücksichtigung von Ilkay Gündogan für die nächsten Länderspiele im Zuge der Erdogan-Affäre kein Thema. „Ich sehe in ihm einen Spieler, der den Durchbruch bei uns schafft. Sportlich war es für mich keine Frage, ihn einzuladen“, sagte Löw am Mittwoch auf einer Pressekonferenz in München.

Zugleich appellierte der Coach an die deutschen Fans, Gündogan nicht mehr auszupfeifen. „Ich hoffe auf das Verständnis von allen Fans. Er hat unter der Situation sehr gelitten“, sagte Löw und fügte hinzu: „Ilkay hat sich nochmals bekannt zu den deutschen Werten, zur Mannschaft.“

Löw verteidigt Spieler: „Sind wahnsinnig professionell“

Löw hat seine Mannschaft gegen Vorwürfe über mangelnde Professionalität im WM-Quartier verteidigt. „Unsere Spieler sind wirklich wahnsinnig professionell“, sagte der Bundestrainer. Gleichzeitig räumte Löw aber auch ein, dass einmal zwei Tage nach einem Spiel das Internet abgestellt worden sei.

„In der Regel sind unsere Spieler auf ihren Zimmern. Was sie da machen, werden wir auch nicht immer kontrollieren. Dass sie nachts mal im Internet sind, ist alles auch nicht völlig unnormal. Das waren nicht die entscheidenden Dinge, dass wir das vergeigt haben“, ergänzte Löw.

In den vergangenen Tagen hatte es Berichte gegeben, wonach einige Nationalspieler verstärkt Computer-Spiele gespielt haben.

(dpa)

75 Jahre Geschichte. 75 Jahre Erfahrung. 75 Jahre Journalismus. Sichern Sie sich jetzt für kurze Zeit ein ganzes Jahr zum Jubiläumspreis von 75 €.