Selbst in den Zeiten, als Radprofis bei der Tour nachts auf dem Hotelflur joggen gingen, um das vom Epo dickflüssige Blut in Wallung zu bringen, gab es das nicht. Nein, alle großen Rundfahrten am Stück zu gewinnen, das wagte, das schaffte selbst Lance Armstrong nicht.

Doch, das geht: Chris Froome hat die Tour de France 2017 gewonnen, danach die Spanien-Rundfahrt, im Frühjahr 2018 die Italien-Rundfahrt und wird am Sonntag vielleicht erneut die Frankreich-Schleife für sich entscheiden. Viele der Besten des Radsports sind schon beim Versuch kaputt gegangen, nur zwei dieser Rennen nacheinander zu gewinnen.

Chris Froome (r) vom Team Sky erreicht als achter die Ziellinie der 17. Etappe. Foto: Yorick Jansens/BELGA
Chris Froome | Bild: dpa

Der muss doch gedopt sein, oder? Nimmt man die Reaktionen der Fans als Maßstab, gibt es daran keinen Zweifel. Froome und seine Kollegen vom Team Sky wurden ausgebuht, egal wo sie in Frankreich langfuhren, auf dem Weg nach L'Alpe d'Huez wurde der Brite sogar bespuckt und körperlich angegriffen.

Froome war stets sauber

Zu frappierend sind die Parallelen zu Lance Armstrong, der erst nach einer Hodenkrebserkrankung den Radsport dominierte, sieben Mal die Frankreich-Rundfahrt gewann – und dabei vollgepumpt mit Dopingmitteln war. Froome dagegen war vor einer Bilharziose-Diagnose ein durchschnittlicher Fahrer. Mehrere Monate kämpfte er mit der den Körper auszehrenden Tropenkrankheit, um danach bald alle Gegner in Grund und Boden zu fahren, bislang vier Gesamtsiege bei der Tour inklusive.

Entsprechend schienen alle Kritiker bestätigt, als Froome mit einem zu hohen Wert des Asthmamittels Salbutamol aufflog. Doch statt einer Sperre erkämpfte sich der Brite in den Monaten vor dem Tourstart den Freispruch. Die Begründung der Welt-Anti-Doping-Agentur? Der Test sei fehleranfällig. Andere Fahrer waren allerdings genau wegen gleicher Vergehen und Tests in der Vergangenheit gesperrt worden. Ein Armutszeugnis.

Apropos Tests: Bei der Tour de France müssen die Fahrer ständig mit Dopingkontrollen rechnen. Direkt nach jeder Etappe werden der Tagessieger, der Gesamtführende und einige andere Fahrer getestet. Und es gibt unangekündigte Kontrollen in den Team-Hotels. Froome war stets sauber.

Und anders als bei der Fifa, die bei der Fußball-Weltmeisterschaft sämtliche Dopingtests in Eigenregie erledigte, kontroliert bei der Tour eine unabhängige Anti-Doping-Organisation, in Zusammenarbeit mit der französischen Anti-Doping-Agentur.

Gerüchte von einem angeblichen Wundermittel, das nicht nachweisbar sein soll, bestätigten sich bislang nicht, wenngleich sich einige Fans damit die Dominanz der britischen Fahrer – vor der Froome-Dynastie gewann 2012 Bradley Wiggins – nur allzugerne erklären würden.

41 Minuten und 16 Sekunden

Verdächtig ist, was verdächtig ausschaut. Das gilt aber auch im Gegenteil. Froome schwächelte in den Pyrenäen, war weit entfernt von der Dominanz der vergangenen Jahre. Und ausgerechnet sein Teamkollege Geraint Thomas, ebenfalls ein Brite, der vor den finalen Etappen als Gesamtführender die Favoritenrolle übernommen hat, lieferte mit seinem Sieg in Alpe d'Huez gute Argumente für die Hoffnung aus saubere Erfolge.

41 Minuten und 16 Sekunden benötigte er für den Aufstieg und liegt damit noch nicht einmal unter den Top 100 der seit 1994 geführten Tabelle. Rekordhalter Marco Pantani benötigte zur Doping-Hochzeit 1995 übrigens lediglich 36:40 Minuten. Und die Streckenführung mit dem Kopfsteinpflaster von Roubaix und dem anschließenden direkten Einstieg in die Alpen zwang viele Fahrer – vor allem die Sprinter – zur Aufgabe. Schlechtere Zeiten und Misserfolge als Beleg für sauberen Sport?

Geraint Thomas stellte sich und seinen Kollegen auf jeden Fall schon vor den drei abschließenden Etappen einen Persilschein aus: "Ich bin zu 99 Prozent sicher, dass alle Fahrer im Peloton das Richtige tun und hart arbeiten." Man möchte ihm glauben – und erinnert sich gleichzeitig an Zitate von Lance Armstrong, die ähnlich klangen.