Wenn Peter Zeidler durch St. Gallen geht, dann bleibt er längst nicht mehr unerkannt. Die Menschen stürmen dann zwar nicht wie verrückt auf ihn zu oder fragen permanent nach Selfies. Sie sprechen ihn stattdessen auf ihre ganz eigene Art und Weise an. „Wenn ich über die Straße gehe, dann sagen die Leute einfach nur Danke“, erzählt Zeidler mit einem Schmunzeln. Danke dafür, dass der gebürtige Schwabe aus Schwäbisch Gmünd mit dem FC St. Gallen völlig überraschend nach der Meisterschaft in der Schweizer Liga greift. Und das mit einer Mannschaft, in welcher ein Innenverteidiger 17 und der Kapitän 22 Jahre alt ist.

Team ist punktgleich mit Bern

Trotzdem führt der Club mit 44 Punkten die Tabelle der Schweizer Liga punktgleich mit den BSC Young Boys aus Bern an. An diesem Sonntag (16.00 Uhr) treffen beide Teams zum Topspiel in St. Gallen aufeinander. 19 500 Zuschauer werden dann ins Stadion kommen, die Partie ist längst ausverkauft, auch das ist eine Besonderheit. „Das ist schon etwas Grandioses, bei dieser Geschichte dabei zu sein“, sagt Zeidler. „Das ist so ein bisschen Fußball-Romantik: Wir Ost-Schweizer fahren jetzt mal durchs Land, und zeigen, was wir drauf haben.“ Das ist der jungen Truppe bislang eindrucksvoll gelungen.

Jugendtrainer beim VfB Stuttgart

57 Jahre ist Zeidler alt, und wer sich die Trainer-Vita des einstigen Gymnasiallehrers aus Schwäbisch Gmünd anschaut, der wird vergeblich nach den großen Namen suchen. Stattdessen stehen dort unter anderem die Stuttgarter Kickers, der FC Tours, FC Liefering, FC Sion oder FC Sochaux. Sein bislang größter Erfolg war 2013 der Aufstieg mit Liefering, dem Farmteam von RB Salzburg, in die 2. österreichische Liga. Ralf Rangnick hatte ihn als RB-Sportdirektor damals nach Österreich geholt, genauso wie Rangnick ihn schon Anfang der 1980er-Jahre als Jugendtrainer zum VfB Stuttgart sowie 2008 als Co-Trainer des Bundesliga-Teams zur TSG 1899 Hoffenheim geholt hatte.

Jonathan Klinsmann ist der Sohn von Jürgen Klinsmann und Torhüter des FC St. Gallen.
Jonathan Klinsmann ist der Sohn von Jürgen Klinsmann und Torhüter des FC St. Gallen. | Bild: Fischer, Eugen

„Peter ist ein super Typ, ein toller Mensch, den man mögen und schätzen muss“, schwärmt Rangnick. Trotzdem fand Zeidler erst über Umwege sein Glück als Trainer. Sein Kontakt zu Rangnick nahm ein wenig ab, seit dieser ihn im Sommer 2015 zum neuen Chefcoach von RB Salzburg machte, aber nach wenigen Monaten schon wieder beurlaubte. In der Abgeschiedenheit von St. Gallen könnte Zeidler nun der größte Coup seiner langen Trainerkarriere gelingen. Das hat auch Rangnick mitbekommen. „Es freut mich riesig für ihn, dass er wegen seiner tollen Arbeit in St. Gallen als Cheftrainer endlich auch international wahrgenommen wird“, sagte Rangnick.

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Zeidlers großer Traum ist ein Job als Chefcoach in der Bundesliga, die ihn vor allem deshalb so begeistert, weil sie jedes Wochenende Menschenmassen in die Stadien lockt. „Ich finde es faszinierend am Fußball, dass er Menschen bewegt. Wenn die Bundesliga ruft, wäre das sicher spannend“, sagt Zeidler, der in St. Gallen noch einen Vertrag bis 2022 besitzt.

Tipp von Ralf Rangnick

Sollte er mit dem Außenseiter FC St. Gallen den Titel holen, wäre das aber sicher nicht das schlechteste Bewerbungsschreiben. „Wenn er es mit St. Gallen tatsächlich schaffen sollte, Meister zu werden, dann wird das auch in Deutschland wahrgenommen werden. Ich traue ihm die Bundesliga definitiv zu“, sagt Rangnick. (dpa)