Die verkorkste WM. Der störrische Löw. Fan-Gewalt in Wort und Tat auf den Rängen. Jetzt die Enthüllungen von Football Leaks rund um eine geplante Super League für die reichen Klubs, die ein weiteres Mal Indizien liefern, dass gerade jene Personen, die sich so gerne als die großen Macher gerieren, in Wahrheit die schamlosesten Zeitgenossen sind – angefangen beim Boss des Weltfußballverbands Gianni Infantino über Real Madrids Präsidenten Florentino Perez bis hin zu Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge. Nein, der Fußball bringt’s irgendwie nicht in diesen Tagen.

Frust über die drei großen G

Immer mehr Fußballanhänger wenden sich ab. Auch uns, im Sportressort des SÜDKURIER, fällt es bisweilen schwer, die Begeisterung für diese eigentlich großartige Sportart aufrechtzuerhalten. Wenn dann noch, wie am Wochenende auf dem Sportplatz des SC Konstanz-Wollmatingen geschehen, ein Spiel im Amateurfußball abgebrochen werden muss, wenn die Recherche um Tumult statt um Tore gehen muss, kann sich schon mal Frust breitmachen.

Das könnte Sie auch interessieren

Frust über Typen wie eben diesen Infantino, gegen den der frühere, wegen unlauterer Geschäftsmethoden aus dem Amt gescheuchte, Fifa-Präsident Sepp Blatter geradezu ein Waisenknabe war. Frust über die drei großen G im Profifußball: Geld, Gier und Größenwahn. Frust über die Ultras im Publikum, die sich als einzig wahre Instanz aufspielen und abseits guter, diskutabler Gedanken längst Vernunft und Anstand über Bord geworfen haben und ein ums andere Mal Zeugnis ablegen von der Verrohung der Sitten.

Etwa sogenannte Fans von Borussia Dortmund, die sich nicht schämen, den Hoffenheimer Mäzen Dietmar Hopp und seine Mutter aufs Schlimmste zu beleidigen. Oder solche von Hertha BSC, die beim Auswärtsspiel in Dortmund einfach mal schiere Gewalt anwenden gegenüber Ordnungshütern. Oder all jene, die Pyrotechnik ins Stadion schmuggeln und inmitten dicht besetzter Ränge gefährliche Verletzungen in Kauf nehmen.

Dazu addiert sich der Frust über die Vereine, die meistens nur so tun, als wollten sie die Übeltäter ausfindig machen und bestrafen, sowie eine Sportgerichtsbarkeit, die daherkommt wie ein zahnloser Tiger und, wie im Falle Dortmund/Hopp geschehen, lächerliche Alibistrafen verhängt. Und dann eben noch im Amateurlager der gefühlt zigste Spielabbruch in wenigen Wochen – was stimmt nicht im Fußball, was stimmt womöglich nicht in unserer Gesellschaft? Eine Gedankensammlung.

Der Profifußball: Geld, Geld, Geld

Die Einführung einer Super League würde die nationalen Ligen degradieren, sagen die Pessimisten. Die bombastische Geldmaschine würde ein zunehmend seelenloses Eigenleben führen und die Bedeutung der nationalen Ligen überhaupt nicht tangieren, sagen die Optimisten. Beispiel Deutschland: Ist eine Bundesliga ohne den FC Bayern München unmöglich? Oder braucht vielmehr der FC Bayern die Bundesliga?

Beim Blick zur Südtribüne konnten die Herren Rummenigge und Hoeneß am Samstag sehen, was Sache ist: Ein klares Nein zur Super League. Welche deutschen Bayern-Fans würden ein Gigantenspiel gegen Real Madrid in Shanghai anschauen? Vor Ort so gut wie keine und im Fernsehen zu seltsamer europäischer Zeit womöglich auch nicht so viele. Wie auch immer soll das Gesamtpaket Klubs wie dem FC Bayern einen viermal höheren Umsatz bescheren. Geld, Geld, Geld, nur wofür am Ende, wenn hierzulande, also in der Kernregion, die Akzeptanz leidet?

Die Münchner Granden geben sich prompt ahnungslos, wollen nichts wissen von geheimen Hinterzimmer-Verhandlungen. Wer glaubt das denn? Es ist genau diese Abgehobenheit, die zur Verschärfung des Konflikts zwischen Machern und zahlender Kundschaft beiträgt. Die überwiegende Mehrheit der Zuschauer bleibt ja ruhig und gibt den Bossen das Gefühl der selbstgerechten Unbeschwertheit, am Ende alles so machen zu können, wie es ihnen beliebt.

Die Ultras aber schweigen nicht und wehren sich mit Mitteln jenseits der Legalität, weil es mit dem Deutschen Fußball Bund und der Deutschen Fußball Liga keinen Konsens gibt – was freilich nicht verwundert, weil sich die beiden Institutionen selbst stramm auf dem kommerziellen Pfad befinden. Als Bonbon liefert DFB-Präsident Grindel den Verzicht auf Kollektivstrafen und die Sportgerichtsbarkeit hängt in der Luft. Die Folge: Wo keine Strafen sind, wird es weiter Täter geben. Es ist ein ewiger Kreislauf, der ohne ernsten, ehrlichen, zähen und lang anhaltenden Dialog nicht durchbrochen werden kann.

Der Amateurfußball: Zu wenig Spaß

Auch bei den Amateuren gibt’s Geld, mancherorts selbst bei Kreisligisten. Das verschiebt Ziele, und es verändert die Mittel, mit denen man diese Ziele erreichen will. Wo Fußball noch Mannschaftssport sein sollte und das Wort Spaß noch Bedeutung haben könnte, wird so oft künstlicher, bisweilen gar lächerlicher Druck erzeugt. Natürlich will kein Verein absteigen, und wenn es doch passiert, wie etwa dem SC Konstanz-Wollmatingen, der von der Landes- in die Bezirksliga runter musste, gibt es schon mal Häme, weil in der Erinnerung bessere Zeiten gespeichert sind.

Das könnte Sie auch interessieren

In Wirklichkeit waren diese schon vorbei, als noch der FC Konstanz und der FC Wollmatingen selbstständig kickten, und seit der Fusion ist der SC ein Verein wie jeder andere auch. Mal besser, mal schlechter – wie etwa am Wochenende, als ein Kicker im Spiel gegen Anadolu Radolfzell der Auslöser war für tumultartige Szenen auf dem Rasen und den folgenden Spielabbruch.

Die Rolle der neuen Medien

Womit wir bei zwei anderen Themenbereichen wären. Erstens: Die Häufigkeit solcher Vorfälle. Zweitens: Die Medien. Da existiert fraglos ein Zusammenhang, denn heutzutage wird jedes vorzeitig beendete Spiel Gegenstand der Berichterstattung. Diese beginnt stets in den sogenannten sozialen, dank möglicher Anonymität aber oft genug asozialen Medien, mal mit Videos, mal mit Bildern, aber immer mit subjektiven Kommentaren.

Das spinnt sich dann auf mehreren Kanälen fort und viele, die besser schweigen würden, geben ihren Senf dazu. Von der flotten Übertreibung bis zur glatten Lüge ist es nicht weit. Die Wortwahl ist oft grenzwertig bis radikal, Stimmungen schaukeln sich hoch, auch bei Ereignissen, die es gar nicht wert sind. Das ist im Übrigen nicht mehr fußballspezifisch, das gibt es so ja schon in Parlamentsgebäuden!

Am Hochrhein gab es unlängst die rassistische Beleidigung eines schwarzen Fußballers sowie den doppelten Ausraster eines Kickers, der an einem Wochenende in zwei Teams am Ball war und jeweils einen Spielabbruch provozierte. Und nun Konstanz, was das Gefühl verstärkt, Spielabbrüche im Amateurbereich häuften sich. Beim DFB verneint man die Frage. Schlussfolgerung: Der falsche Eindruck entsteht aus den Möglichkeiten medialer Interaktion und wird durch fahrlässige oder gar wissentliche Manipulation von Fakten befördert.

Lösungen? Schwierig! Mögliche Ansätze sind hier beschrieben, mehr nicht. Am Ende steht der Wunsch nach mehr Fairness, nach mehr Gelassenheit und nach besserer Selbsteinschätzung. Und die Forderung, nicht jeden Blödsinn zu überhöhen und am Ende darüber auch noch den Anstand zu verlieren.

Vor der WM porträtierten wir alle deutschen Spieler jeweils auf einer Seite. Ein einfältiger Zeitgenosse wickelte die Seiten mit Mesut Özil und Ilkay Gündogan in unbenutztes Klopapier und schickte sie uns zu.

Eine menschliche Verirrung, aber die Annahme, dass es so was früher nicht gegeben hätte, ist falsch. Vor vielen Jahren erreichte uns die anonyme Zuschrift eines Fans des Karlsruher SC: der SÜDKURIER-Sportteil, eingewickelt in Klopapier – mit Kot! Für unsere Scheiß-Berichterstattung, die natürlich dafür gesorgt hatte, dass der KSC aus der Bundesliga abgestiegen war.