Von wegen Formel Fad! Das letzte Drittel im Großen Preis von Österreich ist pure Dramatik, und Max Verstappen schnappt sich zum zweiten Mal in Folge den Heimsieg, obwohl er am Start fast stehen geblieben ist. In einem umstrittenen Manöver drei Runden vor Schluss hat er dem Ferrari-Piloten Charles Leclerc den schon sicher geglaubten ersten Sieg noch weggeschnappt. Erstmals in diesem Jahr ist Mercedes damit geschlagen, Valtteri Bottas wird Dritter. Sebastian Vettel schnappt kurz vor Schluss Lewis Hamilton noch den vierten Rang weg. Aber die Stars sind diesmal die beiden 21-Jährigen. Ein Ausblick auf die Zukunft der Formel 1?

Harter Rennsport

Von einer Rüpelei am Ende seiner Aufholjagd will der geborene Raufbold nach seinem sechsten Sieg, dem 60. von Red Bull Racing und dem ersten mit Honda nichts wissen, obwohl die Rennkommissare wieder ermitteln: „Das ist nur harter Rennsport. Sonst könnten wir auch zuhause bleiben.“

Schlechter Start von Verstappen

Die jüngste erste Startreihe der Formel-1-Geschichte hält nur ein paar Meter, dann ist Charles Leclerc aus der zweiten Pole-Position seiner Grand-Prix-Karriere davongezogen, und Vorjahressieger Max Verstappen im Red-Bull-Honda wird auf Rang sieben durchgereicht, weil er nicht richtig in die Gänge kommt. Lewis Hamilton, der eigentlich die zweitbeste Qualifikationszeit herausgefahren hatte, wurde wegen einer Behinderung von Kimi Räikkönen um drei Plätze zurückgestuft. Dass er doch als Vierter starten durfte, hängt mit der komplizierten Arithmetik in diesem Sport zusammen, in der die Reihenfolge der Strafen zählt. Die Fans sind für jede Abwechslung der festgefahrenen Hackordnung dankbar.

Wettstreit der Reifen-Strategen

Der Weltmeister folgt schnell dem Teamkollegen Bottas und ist Dritter, das schön bunte Bild der ersten Zehn wird schnell wieder das gewohnte Rot-Silber-Gemisch. Sebastian Vettel, der wegen eines Pneumatik-Schadens am Top-Ten-Qualifying gar nicht erst teilnehmen konnte, ist nach sieben Runden Vierter. Damit kommt es bei 34 Grad Luft- und 51 Grad Asphalttemperatur zum üblichen Wettstreit der Reifen-Strategien: Die beiden Ferrari-Piloten sind mit den weichen Reifen unterwegs, Mercedes setzt zunächst auf die Medium-Mischung. Beide Top-Rennställe planen nur einen Stopp, falls die Gummis in dieser Extreme durchhalten. Gleiches gilt für Bremsen und Motoren. „Push hard“ bekommen die beiden Rot-Runner von der Ferrari-Box gepredigt, während die Silberpfeile den Schongang vorziehen.

Fehler im Funkverkehr

Reifentaktiken und Realitäten halten sich selten an Prognosen, und so kommen in Runde 22 Bottas und Vettel trotz der unterschiedlichen Mischungen zeitgleich an die Box und sich fast ins Gehege. Aber nur bei der Anfahrt, denn beim Ferrari sind die harten Vorderreifen nicht gleich zur Hand, ein Fehler im Funkverkehr. Scuderia Miseria. 6,1 Sekunden dauert der Wechsel an Vettels Auto, einen Umlauf später schafft es die Crew bei Spitzenreiter Leclerc in 2,6 Sekunden. Hamilton bleibt draußen, seine Pneus sind gut für schnellste Runden, aber der Frontflügel zickt und kostet ihn eine Sekunde pro Runde. Die Strategen hätten ihn früher als in Runde 31 reinholen müssen, und dann muss auch noch die ganze Fahrzeugfront gewechselt werden, das kostet acht Sekunden. Damit fällt der Brite hinter Vettel und Verstappen zurück auf Rang fünf. Solche Fehler unterlaufen Mercedes selten. Hamilton verliert seinen Rhythmus und fällt zurück. Platz fünf, so schlecht war er zum letzten Mal vor einem Jahr, in dieser Saison war er bis zu diesem Sonntag nur Erster oder Zweiter.

Verstappen ist zu schnell

„Hol ihn Dir“, funkt der Renningenieur von Max Verstappen in Runde 49, als der Red Bull sich in den Windschatten von Sebastian Vettel schiebt. Der Heppenheimer wehrt sich, aber hat keine Chance. Hup, Holland, Hup. Ferrari reagiert auf den Frust mit einem neuerlichen Reifenwechsel, die weichsten Gummis sollen die Revanche oder zumindest den Ehrenpunkt für die schnellste Runde bringen. Es regiert einmal mehr die Verwirrung, selbst unter versierten Formel-1-Anhängern – Ferrari will Rang vier absichern. Verstappen ist drauf und dran, Bottas und den zweiten Platz zu kassieren, da kommt 17 Runden vor Schluss der Hilferuf aus dem Cockpit: „Ich verliere Power!“ Renningenieur GianPiero Lambiase gibt ihm einen Rettungs-Code für den Motoren-Modus durch, aber so schlimm kann es nicht sein, wohl nur ein Sensorfehler – kurz darauf holt er sich den Finnen.

Aufregung am Ende

Jetzt geht die Jagd auf Leclerc los. Fünf Sekunden, 15 Runden. Und die Box gibt die volle Motorenleistung frei. Jetzt oder nie! Das sagt sich auch Vettel, der Hamilton jagt. Wird Leclerc nervös, als Verstappen direkt im Rückspiegel auftaucht? Den ersten Angriff wehrt er ab, den zweiten auch, die Aufregung steigert sich zum Drama. Vier Runden vor Schluss schießt der Niederländer vorbei, dann kontert Leclerc auf der Außenbahn. Noch drei Runden, und sie kollidieren mit den Vorderrädern, aber Verstappen bleibt auf Linie, Leclerc wird abgedrängt: „Was zur Hölle war das!?“ Die Rennkommissare ermitteln. Der schwache Trost im Ferrari-Frust: Vettel schnappt sich Hamilton noch.