Am Sonntag spielen die Grasshopper Zürich beim FC Luzern, am Donnerstag darauf dann geht es zu Meister Young Boys Bern. Immerhin – der Abstieg des traditionsreichsten Fußball-Vereins der Schweiz wird auswärts besiegelt. Abzuwenden ist er nicht mehr – es sei denn, es geschieht ein Wunder. Vier Spiele vor Saison-Ende in der Super League beträgt der Rückstand zwölf Punkte. „Es ist sehr bitter, wie tief GC gefallen ist. Aber wir kämpfen bis zum Schluss“, sagte Torhüter Heinz Lindner. Der Österreicher ist die einzig positive Erscheinung des Vereins. Ansonsten hat das Chaos die Grasshopper fest im Griff.

Verein leidet unter Machtkämpfen

Wirtschaftlich am Rande des Abgrunds sowie zerrissen durch interne Machtkämpfe taumelt das einstige Aushängeschild des Schweizer Fußballs durch die Saison und dem ersten Abstieg seit 70 Jahren entgegen. 27 Meistertitel, 19 Pokalsiege sowie das Halbfinale im Uefa-Cup 1978 sind Dokumente einer glänzenden Vergangenheit – die Gegenwart hingegen ist trist.

In den bisherigen 32 Saison-Spielen wurden lediglich 24 Punkte geholt, nur fünfmal hüpften die Blau-Weißen als Sieger vom Feld. Es ist das rasante Ende einer Entwicklung, die sich seit Jahren schleichend angedeutet hat.

Rainer Gut und Fritz Gerber ziehen sich zurück

Rückblickend begann alles im März 2003. Damals gaben Rainer Gut und Fritz Gerber als Besitzer des Vereins bekannt, dass sie ihre Unterstützung einstellen werden. Gut und Gerber waren Wirtschaftsköpfe der Schweiz und damit ein Synonym dafür, wie der Club funktionierte. Das Mitgliederverzeichnis deckte sich weitgehend mit dem der Schweizer Wirtschaftslenker. Nur dank ihnen konnte GC wirtschaftlich überleben und sich Ausgaben erlauben, die die Einnahmen Jahr für Jahr um acht Millionen Franken überstiegen. Geld gegen noch mehr gesellschaftliches Renommee. So hat es funktioniert, doch so funktioniert es schon länger nicht mehr. Da bei den Gönnern sozial eine Umschichtung stattfand, werden diese inzwischen nämlich eher von Kleinunternehmern verkörpert.

Trainer und Manager wechseln fast im Jahres-Rhythmus

Doch viele Köche können ein Fondue auch verderben. Irgendwie hatte jeder eine Idee, jeder wollte mitreden, jeder mitbestimmen. Also wechselten Trainer und Manager fast im Jahres-Rhythmus, dazu kamen und gingen allein in der 2014 begonnenen Amtszeit des vor wenigen Tagen zurückgetretenen Präsidenten Stephan Anliker rund 170 Spieler. So entwickelte sich eine Abwärtsspirale, deren Dynamik sich seit einem Jahr massiv beschleunigt hat. Der Verein zerstritt sich auf allen Ebenen. Die Besitzer sind uneins, die Geschäftsleitung ist hilflos und die Mannschaft derart schlecht zusammengestellt, dass sich Niederlage an Niederlage reiht.

Thorsten Fink übernimmt

Da half auch „Made in Germany“ nichts. Trainer Thorsten Fink – als Spieler mit dem FC Bayern Champions-League-Sieger – wurde Anfang März gefeuert. In 28 Spielen schaffte der 51-Jährige nur sechs Siege und flog dazu gegen Drittligist Nyon aus dem Pokal. Doch wie konfus die Lage beim GC ist, zeigt die Wahl für Tomislav Stipic als Nachfolger. Der Deutsch-Kroate stieg 2015 mit dem FC Erzgebirge Aue aus der zweiten und 2016 mit den Stuttgarter Kickers aus der dritten Liga ab. In Zürich blieb er einen Monat.

Nur noch 5000 Zuschauer besuchen die Speile

„Die Grasshopper haben immer noch internationale Strahlkraft“, hatte Stipic gesagt. Sie haben noch nicht mal mehr nationale. Es fehlt an Geld, Erfolg und Fans. Nur noch 5000 Zuschauer besuchen die Grasshopper in ihrem Exil im Letzigrund. Seit elf Jahren besitzt der Verein kein eigenes Stadion mehr. Weil es die Wirtschaftsmetropole des reichen Landes seit dem Abriss des legendären Hardturms noch immer nicht geschafft hat, in der Stadt eine moderne Fußball-Arena bauen zu lassen.

Heimatlos, identitätslos und aktuell ohne Perspektive

In jeder Saison muss ein Millionendefizit gedeckt werden. Der Abstieg des 133 Jahre alten Clubs könnte auch die letzten Gönner abschrecken und die Grasshopper damit sogar in ihrer Existenz bedrohen. Doch seit der Abstieg als unvermeidbar wahrgenommen wird, verliert er irgendwie den Schrecken. Nach 16 Jahren Leiden wirkt er fast wie eine Erlösung. Die Grasshopper stehen vor der Stunde Null. Zeit zur Besinnung. Zeit für einen kompletten Neustart.