Sid Deihim ist ein höflicher junger Mann. Er lächelt viel, redet ruhig und überlegt, als könne ihn kein Wässerchen trüben. Kaum zu glauben, dass dieser 34-Jährige sich in seinem Beruf verwandelt, wie Clark Kent, der in einer Telefonzelle zu seinem Alter Ego Superman wird. Deihims Alter Ego heißt Diablo. Der gelernte Konstruktionstechniker hat seinen früheren Job im Metallbau vor einigen Jahren an den Nagel gehängt und gegen eine kurze Hose getauscht. Er ist zum Wrestler geworden, zu einem Ringkämpfer mit nacktem Oberkörper und furchterregendem Blick, der seine Gegner mit großen Augen aus einer dunklen Maske anstarrt. Sid Deihim führt ein Leben zwischen Schauspiel und Kampfsport.

Wrestling ist wie Hollywood 

Im Wrestling, dem in den USA so populären Bühnensport, ist es wie in Hollywood. Die Welt ist klar getrennt in Gut und Böse. Die Zuschauer johlen und applaudieren, wenn der sympathische Kämpfer dem Stinkstiefel eins überbrät. Sie schimpfen und pfeifen, wenn der Fiesling auf einen Pfosten in der Ringecke klettert und mit lautem Knall auf ihrem Liebling landet. Das ist die Welt des Wahl-Konstanzers. Der nette Herr Deihim, der seit sieben Jahren am Bodensee lebt, spielt eine teuflische Rolle als Diablo. „Weil ich so schön böse schauen kann“, sagt er mit sanfter Stimme.

Diablo ist Profi bei Swiss Wrestling Entertainment in Bern, doch für Sid Deihim ist es schwer, den Lebensunterhalt mit Auftritten vor einigen hundert Fans zu bestreiten. In Europa, weit weg von den amerikanischen Geldtöpfen, ist Wrestling ein Überlebenskampf, mehr noch abseits des Rings als zwischen den Seilen. Also verdient sich der gebürtige Hamburger ein paar Euro als Schauspieler dazu. In Werbespots oder Musikvideos. Ein geplanter Filmdreh? Geplatzt. Eine Rolle in einer TV-Serie als Bösewicht hatte er in Aussicht. Auch dieses Projekt liegt auf Eis. Wäre nicht der Verkauf von Merchandising-Artikeln wie T-Shirts oder Autogrammkarten, der Sohn persischer Eltern könnte seinen persönlichen Traum niemals leben. „Als Jugendlicher habe ich im Fernsehen ständig Wrestling geschaut. Das wollte ich schon immer machen“, sagt Deihim. Ein Mime im Ring sein, Kämpfer und Entertainer in Personalunion.

Wrestling ist aber mehr als Schauspiel 

Wrestling lediglich auf das Schauspiel zu reduzieren, wäre jedoch zu kurz gedacht. Eine gute Show zeigen, heißt nicht, dass es nicht anstrengend sein kann oder auch mal richtig wehtun. Sid Deihim trainiert jeden Tag im Fitnessstudio, geht joggen oder feilt bei Treppenläufen an der Ausdauer. Zweimal die Woche fährt er ins schweizerische Rorbas bei Winterthur, wo er in einem speziellen Ring, der besser federt als ein Boxring, seine Kampf-Techniken verfeinert. „Natürlich muss man auch ein guter Entertainer sein“, sagt Deihim, „aber Wrestling erfordert auch sehr viel Kondition, Kampferfahrung und Nehmerqualitäten. Das ist harte Arbeit, vor allem konditionell. Mein längster Kampf hat 35 Minuten gedauert.

Ohne Pause.“ Nicht selten verletzt sich ein Akteur im Ring. „Ich habe eigentlich fast immer blaue Flecken“, sagt der Konstanzer. Einige Kämpfer bringen sich selbst Schnittwunden mit Rasierklingen bei. Wenn Blut fließt, grölt die Zuschauermeute umso lauter. Die meisten Blessuren passieren aber unabsichtlich, so wie Deihims Kieferbruch vor einigen Jahren, der ihn aber nicht davon abhielt, den Auftritt zu Ende zu bringen. „The show must go on“, sagt er. Sport als Spektakel.
 

 

Das Ende steht bereits am Anfang fest 

Anders als bei herkömmlichen Wettkämpfen ist der Ausgang im Wrestling stets vorbestimmt. „Der Promoter organisiert einen Kampf, sagt dir Ort und Gegner“, erklärt Sid Deihim, „dann sagt er dir, wer gewinnt, manchmal sogar, mit welcher Aktion.“ Vor der Show gehen die Kontrahenten, die mehr miteinander als gegeneinander kämpfen, einige Szenen der Choreografie durch. „Das Wichtigste wird vorher besprochen, der Rest im Ring. Fast alle Zuschauer wissen, dass es eine abgesprochene Sache ist“, gibt Deihim zu. Seine Maske trägt er dabei nicht nur, um böse auszusehen. Unter ihr lässt sich auch vortrefflich mit dem Gegner sprechen, ohne dass es jemand mitbekommt. „Andere verstecken sich hinter langen Haaren, wenn sie miteinander reden“, so Deihim. Auch der Schiedsrichter ist in alles eingebunden. Ganz wichtig dabei ist eines: „Vor dem Kampf muss man wissen, wo die Hardcam, die feststehende Kamera über dem Ring, montiert ist. Man muss alle Moves mit dem Gesicht zur Hardcam machen“, sagt er. Kampfsport und Schauspiel. Am Ende werden die Auftritte auf DVD gepresst und an das zahlungskräftige Publikum verkauft.

Es gibt jetzt auch einen Film, an dessen Ende der Konstanzer Sid Deihim als Süddeutscher Meister der OWG, der Outlaw Wrestling Germany, gefeiert wird. Auch dieser Triumph war vorher klar. „Man erarbeitet sich den Lohn des Promoters“, sagt Diablo. Ein Wrestler weiß, dass sein Schicksal in fremden Händen liegt. „Es ist schon traurig, wenn man verlieren muss“, seufzt Sid Deihim und fährt grinsend fort: „Ich muss damit leben. Das Geld bleibt eh gleich.“ Am Ende ist es so profan wie paradox: Wenn es ums Überleben geht, ist im Wrestling der Schauspieler stärker als der Sportler.
 

Zur Person

Sid Deihim ist gebürtiger Hamburger, lebt aber seit einigen Jahren in Konstanz. Unter dem Namen Diablo ist der 34-Jährige als Wrestling-Profi aktiv. Im Mai gewann Deihim, der seit 2008 in den Ring steigt, den Southern-District-Championgürtel der Outlaw Wrestling Germany (OWG).