Wie oft denken Sie noch an den 25. Februar, den Tag des Olympia-Finales?

Sehr oft. Ich werde beinahe täglich damit konfrontiert. Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht darauf angesprochen werde auf diese Superleistung unserer Mannschaft. Man spürt, dass der Stellenwert unserer Sportart schlichtweg ein ganz anderer geworden ist. Bei den Fans, Medien, aber auch in der Politik. Wir sind jetzt bei der Spitzensportförderung plötzlich voll dabei. Das ist eine tolle Entwicklung.

Werden Sie auch im Welteishockey nun anders wahrgenommen?

Die deutsche Mannschaft wird jetzt total ernst genommen. Das ist nicht unbedingt immer von Vorteil, weil der Wettkampf dadurch noch härter wird. Aber natürlich sind wir auch stolz darauf. Nehmen Sie die Russen, die sprechen nach dem Finale jetzt ganz anders über das deutsche Eishockey. Oder auch in Kanada, ich war vor Kurzem einige Zeit da, wird man ständig auf Olympia und den großen Erfolg angesprochen. Die sagen dann natürlich, dass ihre großen Stars nicht dabei waren. Da sage ich nur: Unsere auch nicht. Wir sind jetzt nicht mehr der Außenseiter. Da sieht man sehr schön, welch große Bedeutung Olympia hat.

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Kurz nach Olympia folgte schon die WM, da verpasste das Team das Viertelfinale. Eine Enttäuschung?

Ich bin Realist. Ich weiß, dass nach solchen Erfolgen schnell der Alltag kommt. Und sind wir ehrlich: Einen solchen Überraschungserfolg, der der Mannschaft und dem Trainerteam in Südkorea gelungen ist, schafft man nur alle paar Jahrzehnte. Es ist nur verständlich, dass so etwas nicht zweimal in einem Jahr gelingt, besonders wenn 15 Silbermedaillengewinner nicht mehr dabei sind. Und trotzdem waren die Ergebnisse bei der WM in Dänemark in Ordnung. Das neuformierte Team hat sich der Herausforderung gestellt.

Ein ganz wichtiger Faktor in der Entwicklung des deutschen Eishockeys ist Bundestrainer Marco Sturm. Wie schätzen Sie seine Rolle ein?

Er ist als Neuling zu uns gekommen und hervorragend in seine Rolle hineingewachsen. Von außen hatten einige seine Verpflichtung als Risiko gesehen. Bei uns war das nicht so, sonst hätten wir ihn nicht verpflichtet. Mit ihm hat das Nationalteam ein Gesicht bekommen.

Der Erfolg bei Olympia ist das eine, was man daraus macht, das andere. Sind Sie mit den bisherigen Entwicklungen in der Vermarktung zufrieden?

Das Nationalteam hat auch die Aufgabe, für die Nachwuchsarbeit Geld zu generieren. Das ist für die Entwicklung ganz wichtig. Da sind wir auf einem guten Weg und haben unsere Ziele erreicht. Die Anzahl unserer Partner und Sponsoren ist gestiegen. Aber wir reden natürlich nicht von solchen Dimensionen wie im Fußball.

Werden Sie neidisch bei einem Blick auf den Fußball und die Summen, die dort umgesetzt werden?

Neid gibt es bei mir nicht und auch als Sportart sollte man nicht neidisch sein. Fußball ist außerhalb jeder Reichweite von uns auf einem anderen Stern. Wir konzentrieren uns auf den Wettbewerb mit den anderen Teamsportarten wie Handball oder Basketball und die anderen Wintersportarten wie Skispringen und Biathlon. Dort müssen wir um die Gunst der Zuschauer kämpfen. Und bei Olympia haben wir gesehen, dass das Eishockey da ganz vorne liegt.

Wo sehen Sie Eishockey im Vergleich zu den von Ihnen genannten Sportarten?

Wir sind die Nummer eins – hinter dem Fußball. Der ist in einer anderen Wertung. Auch wenn es nach der WM dort etwas holpert.

Sehen Sie auch die Eliteliga DEL auf dem richtigen Weg?

Ja, die Liga ist gut aufgestellt. Die Teams haben sich konsolidiert, es gibt keine Negativschlagzeilen mehr. Auch der Auf- und Abstieg wird bald kommen, das ist schon besprochen. Auch in der Liga war die Euphorie nach Olympia groß. Der Jubel für die Spieler, die Ehrungen in allen Stadien, das war einzigartig. Mir läuft es noch immer kalt den Rücken runter, wenn ich daran denke. Jetzt ist es wichtig, dass auch die gut ausgebildeten jungen deutschen Spieler ihren Platz finden – wegen ihrer Qualität und nicht weil sie Deutsche sind.

Und doch ist die Entwicklung des deutschen Eishockeys noch nicht am Ende.

Es geht natürlich immer mehr. Wir waren durch unsere ganzen Projekte gut nach dem Erfolg von Olympia vorbereitet. In erster Linie müssen natürlich die Clubs an der Basis die Arbeit leisten, da lässt es sich als Verband leicht reden. Wichtig ist, dass wir alle zusammenarbeiten, auch wenn man nicht immer der gleichen Meinung ist. Bei den unter Zehnjährigen haben wir deutschlandweit einen Zuwachs von zehn bis 15 Prozent. Das sind bei rund 25 000 aktiven Spielern rund 2500 Kinder. Das sind keine gewaltigen Zahlen, bei uns können wir aber schon von einem kleinen Boom sprechen. Wichtig ist, dass die Eltern sehen, dass sie ihr Kind bedenkenlos zum Eishockey geben können.

Auch wenn das natürlich kein ganz günstiger Spaß ist. Eine Ausrüstung mit Schlittschuhen und Schlägern kann schnell teuer werden.

Das stimmt, vor allem wenn es in Richtung Leistungssport geht. Aber wenn man einmal vom Virus Eishockey befallen ist, nimmt man das gerne in Kauf und bekommt den Virus nicht mehr los.

Bleibt noch das Problem der Infrastruktur. Gibt es in Deutschland überhaupt genug Eisflächen?

In der Infrastruktur fehlt es noch hinten und vorne. Es gibt natürlich viele regionale Aushängeschilder wie zum Beispiel Mannheim oder auch Schwenningen mit seinen zwei Eisflächen. Andererseits gibt es aber auch viele alte Stadien wie zum Beispiel in Freiburg. Viele sind 40 bis 50 Jahre alt und überhaupt nicht mehr zeitgemäß. Infrastrukturell hinken wir noch gewaltig hinterher. In den nächsten vier bis fünf Jahren brauchen wird 30 Eisflächen. Da geht es nicht nur um das Eishockey, sondern um alle Eissportarten. Auch der Behindertensport jammert gewaltig wegen fehlender Eiszeiten. Da müssen natürlich die Clubs und Kommunen zusammenarbeiten, letztlich aber auch die Länder und der Bund.

Fragen: Marco Scheinhof