Es gibt ungeschriebene Gesetze im Sport, sogenannte Gentlemen Agreements, also Vorgaben, wie sich Athleten in bestimmten Situationen zu verhalten haben. Der Gesamtführende der Tour de France darf am letzten Tag der Radrundfahrt beispielsweise nicht mehr angegriffen werden. Und im Eishockey sollte man Torhüter nicht unfair attackieren, ansonsten bekommt man es mit der kompletten gegnerischen Mannschaft zu tun.

Im Fußball ist es Brauch, das Spiel zu unterbrechen, wenn ein Akteur verletzt auf dem Boden liegt. Dazu spielt ein Mitspieler oder ein Mitglied der gegnerischen Mannschaft den Ball einfach ins Aus. Das Gentlemen Agreement besagt in solchen Fällen, dass das Spielgerät mit oder nach dem Einwurf an die Mannschaft zurückgespielt wird, die den Ballbesitz zuvor freiwillig aufgegeben hat, um eine Verletzungsbehandlung zu ermöglichen.

Als knapp zehn Minuten vor Schluss ein Spieler der Frankfurter Eintracht am Boden lag, wollte der Torwart der Hessen, Frederik Rönnow, die Partie unterbrechen. Er traf den Ball allerdings nicht wie gewünscht, sodass das Spielgerät nahe der Mittellinie liegen geblieben wäre, wenn es nicht von einem Freiburger Spieler vom Feld getreten worden wäre. Um die Etikette zu wahren, hätten die Gäste den fälligen Einwurf also zu den Freiburgern spielen müssen, die wiederum hätten ihn zu Frankfurts Torwart spielen können, was den Herrn von Knigge und alle Fußballromantiker zu Tränen gerührt hätte. Die Frankfurter taten allerdings nichts dergleichen, sondern spielten munter drauflos und erzielten wenige Spielzüge später durch Haller das 2:0 gegen einen verdutzten Gegner. Frei nach dem Motto: guten Freunden gibt man ein Schüsschen.

„Das gehört sich nicht“, wetterte Freiburgs Präsident Fritz Keller daher noch lange nach dem Abpfiff, als die wütenden Pfiffe der Breisgauer Publikums längst verhallt waren. So sehr die Aktion auch die Gemüter reizte, verantwortlich für die Auftaktniederlage war sie nicht. Auch Keller wusste, „dass wir uns da naiv angestellt haben“. Außerdem: „Wenn man selbst kein Tor schießt, kann man kein Spiel gewinnen. Und wenn der Gegner aus zwei Chancen zwei Tore macht, ist das einfach nur bitter“, suchte auch Christof Günter nach der Partie lieber bei sich und seinen Teamkollegen.

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Lars Voßler, der den mit einem leichten Bandscheibenvorfall kämpfenden Christian Streich als Trainer vertrat, bemängelte ebenso die kleinen Fehler, die sich seine Mannschaft geleistet habe, etwa vor dem 0:1, das Haller in der zehnten Minute mit der Hacke für Nicolai Müller vorlegte. Jenem Nicolai Müller, der sich vor einem Jahr – damals noch im Trikot des Hamburger SV – beim Torjubel das Kreuzband gerissen hatte. Diesmal fiel die Freude kontrollierter aus („Mit so einem Tor, so einem Spiel, so einem Sieg: es geht nicht schöner“) und schmerzte ausschließlich die Gastgeber, die davor und danach 22 Torschüsse abgaben, die allerdings allesamt das gegnerische Gehäuse verfehlten oder Frankfurts Torwart Rönnow vor keine größeren Probleme stellten.

Die eigene Abschlussschwäche relativierte bei den Fans dann auch den Ärger über die ungeschriebene Regelverletzung der Frankfurter beim Einwurf vor dem zweiten Tor, denn ein eigener Treffer wäre den Breisgauern an diesem Tag wohl auch nicht gelungen, wenn die Partie noch einmal 90 Minuten gedauert hätte. Es gibt halt solche Tage. Und da die Freiburger keines ihrer ersten Bundesligaspiele in den vergangenen 17 Jahren gewinnen konnten, kam die Niederlage auch nicht überraschend. Wer das Positive suchen wollte, befand, dass man immerhin selbst Abschlusssituationen kreieren konnte. Und irgendwann werden die dann auch mal reingehen.

Das ist kein ungeschriebenes Gesetz, kein Gentleman Agreement, aber zumindest eine Hoffnung für den weiteren Saisonverlauf.