Der erste Deutsche in Gelb nach Kurt Stöpel (1932) und Willi Oberbeck (1938) war 1962 Rudi Altig, der es bis 1969 ganze 18-mal in das Trikot schaffte. Übrigens auch 1964, als die Tour zum ersten Mal nach Deutschland fuhr und „Sacre Rüdi“ in Freiburg das Trikot überstreifen konnte. 18 Tage schaffte auch Jan Ullrich, der als einziger Allemande auch noch in Paris in Gelb ankam. Sein Toursieg 1997 ist der einzige deutsche Erfolg.

Jan Ullrich im Gelben Trikot mit Mutter Marianne Kaatz nach der 17. Etappe bei seinem Toursieg 1997.
Jan Ullrich im Gelben Trikot mit Mutter Marianne Kaatz nach der 17. Etappe bei seinem Toursieg 1997. | Bild: Denys Clement/Witters

Heute ist „Ulle“ ein suchtkranker Mann. Probleme mit dem Erfolg hatte auch Dietrich Thurau, der 1977 als 22-jähriger Jungprofi bei seinen Tourdebüt auf der dritten Etappe in den Pyrenäen über den Tourmalet ins Trikot fuhr, ein paar Tage später auch noch Merckx im Zeitfahren schlug (galt als unmöglich). Nach 15 Tagen spuckte ihn das Rennen aber hinauf nach Alpe d’Huez aus, Paris erreicht er als Fünfter. Danach verschleuderte er sein Talent bei Sechstagerennen, das Gelbe Trikot trug er nie wieder. Der bisher letzte Deutsche in Gelb war 2015 Tony Martin. Er trug es drei Tage, ehe er sich bei einem Sturz kurz vor dem Ziel in Le Havre das Schlüsselbein brach und als Führender ausscheiden musste. Nicht immer bringt das Trikot Glück.

Der bislang letzte deutsche Profi in Gelb: Tony Martin im Jahr 2015.
Der bislang letzte deutsche Profi in Gelb: Tony Martin im Jahr 2015. | Bild: Sebastien Boue/Witters

Das macht man doch nicht

Es gibt ungeschriebene Gesetze. Etwa, dass man das Maillot Jaune auf der letzten Etappe nicht mehr angreift. 1947 ist es aber doch passiert: Jean Robic attackierte 140 Kilometer vor Paris den Italiener Pierre Brambilla, den Mann in Gelb. Der war zu verdutzt, um zu reagieren. Der Bretone gewann die Tour und ist bis heute auch der Einzige, der dabei bis zur letzten Etappe nie das Gelbe Trikot erobern konnte. Der entsetzte Brambilla fuhr nach Hause, lud die Presse ein, schlug sein Fahrrad kurz und klein und vergrub den Schrott im Garten. 33 Jahre später versöhnten sich die beiden. Robic konnte sich an dem Happy End aber nur kurz erfreuen. Auf dem Heimweg krachte er mit seinem Auto in einen Lastwagen. Er war sofort tot. Was man mit dem Trikot auch nicht tun sollte: es gering schätzen. Bjarne Riis war das egal. Der Sieger von 1996 räumte nach seiner späteren Dopingbeichte ein, dass die Tour seine Trikots gerne haben könnte – sie lägen in einem Karton irgendwo in seiner Garage. Noch weniger Respekt zeigte 1937 der Belgier Sylvére Maes. Weil er sich von der Jury ungerecht behandelt fühlte, schmiss er das Trikot den Tourgranden vor die Füße und fuhr nach Hause. Das gab es davor nicht und danach auch nicht wieder.

Eddy, der Allesfresser

Wer vom Gelben Trikot spricht, kommt an dem Mann nicht vorbei. Vor exakt 50 Jahren startete Eddy Merckx in Roubaix zu seiner ersten Tour de France. Es dauerte nur drei Tage, bis der damals 24-jährige Belgier sein erstes Gelbes Trikot überstreifen konnte. Und dann ging es so richtig los: Bis zum Ende seiner Karriere 1978 gewann er fünfmal die Tour und nahm 111-mal auf den Siegerpodien eines der begehrten Textilien in Empfang.

Eddy Merckx konnte je fünf Mal die beiden wichtigsten Rundfahrten, die Tour de France und den Giro d‘Italia, gewinnen. Von vielen Radsportexperten wird er als der größte Rennfahrer der Geschichte angesehen. Er dominierte bei Bergetappen, Zeitfahren und Sprints. Wegen seines Siegeshungers wurde er „Kannibale“ genannt.
Eddy Merckx konnte je fünf Mal die beiden wichtigsten Rundfahrten, die Tour de France und den Giro d‘Italia, gewinnen. Von vielen Radsportexperten wird er als der größte Rennfahrer der Geschichte angesehen. Er dominierte bei Bergetappen, Zeitfahren und Sprints. Wegen seines Siegeshungers wurde er „Kannibale“ genannt. | Bild: Presse Sports/Witters

Dass dies am Ende „nur“ 96 Tage waren, lag daran, dass damals immer mal wieder Halbetappen, also zwei an einem Tag, gefahren wurden. Mit 34 Etappensiegen steht er heute noch an der Spitze der Rekordliste. Bei seinem Tourdebüt holte sich Merckx nicht nur Gelb, er gewann dazu die Sprint- und die Bergwertung und auch noch sieben Etappen. Danach nannte man ihn den Kannibalen, auch weil er von Taktik nichts hielt. Der Mann schwang sich in den Sattel und gab Vollgas. Nur eines gelang ihm nie – das Gelbe Trikot von der ersten bis zur letzten Etappe einer Tour zu tragen. Das schaffte nur der Italiener Ottavio Botecchia im Jahr 1924.

Seidentrikot

Die Macher der Tour de France sind oft gar nicht so, wie wir uns Franzosen vorstellen. Von wegen Laisser-faire, die Veranstalter regeln alles bis ins Detail. Das bekam einst René Vietto zu spüren. Der Bergspezialist aus Cannes hatte 1947 in den Alpen das Gelbe Trikot erobert und es drei Tage vor dem Ende in Vannes immer noch auf seinen schmalen Schultern. Kurz vor dem Finale hatte die Tour aber ein mit 139 Kilometern extrem langes Zeitfahren angesetzt.

Ein Teil des Starterfelds im Jahr 1919, als das Gelbe Trikot erstmals vergeben wurde (v.li.): Leon Scieur (Belgien), Jean Alavoine (Frankreich), Firmin Lambot (Belgien) und Eugene Christophe (Frankreich).
Ein Teil des Starterfelds im Jahr 1919, als das Gelbe Trikot erstmals vergeben wurde (v.li.): Leon Scieur (Belgien), Jean Alavoine (Frankreich), Firmin Lambot (Belgien) und Eugene Christophe (Frankreich). | Bild: Sebastien Boue/Witters

Der einsame Kampf gegen die Uhr war aber nie die Stärke Viettos und so musste er technische Tricks nutzen, um seine Chance zu wahren. Vietto zog die leichtesten Reifen auf, verzichtete auf Brille und Mütze, um jedes mögliche Gramm zu sparen. Zum Abschluss bestellte er bei einer Spezialfirma in Lyon ein Gelbes Trikot aus reiner Seide, weil man ihm gesagt hatte, das hätte einen geringeren Luftwiderstand als die gängigen Wolltrikots. Aber all das half am Ende nichts, Vietto hatte nach dem Zeitfahren sein Führungstrikot los, Seide hin oder her. Im Ziel bekam er dann noch einmal zehn Strafsekunden aufgebrummt, weil das Seidentrikot gegen die Regel der Tour verstoßen hatte, die eben Wolltrikots vorschrieb.

Das Tuch der Tücher

Ältere erinnern sich: Früher mussten sich die Profis bei der Siegerehrung das Trikot umständlich über den Kopf ziehen, wobei sie bei der Fuchtelei auch die Damen links und rechts von ihnen gefährdeten. Seit einigen Jahren haben die Trikots für die Ehrung einen Reißverschluss hinten – ist einfacher. Mit Ausnahme einer Pause hat sich nicht geändert, dass die Initialen von Tourgründer Henri Desgrange eingestickt werden. In diesem Jahr wird übrigens auch das erste Mal der Name des Fahrers, der es gewinnt, und der Etappenort verewigt. Der Glückliche bekommt am Abend nach dem Sieg übrigens einen kompletten Satz ins Hotel geliefert – mit Reißverschluss vorne und zum persönlichen Gebrauch. Dazu noch zehn, die er signieren muss und die die Veranstalter sammeln.

Bernard Hinault konnte wie Anquetil, Eddy Merckx (Belgien) und Miguel Induráin (Spanien) fünf Tour-Siege erringen. Sieben Erfolge gelangen Lance Armstrong (USA), die ihm aber wegen Dopings aberkannt wurden. Hinault ist nach seinem Sieg von 1985 der seitdem letzte Franzose, der den Wettbewerb gewinnen konnte.
Bernard Hinault konnte wie Anquetil, Eddy Merckx (Belgien) und Miguel Induráin (Spanien) fünf Tour-Siege erringen. Sieben Erfolge gelangen Lance Armstrong (USA), die ihm aber wegen Dopings aberkannt wurden. Hinault ist nach seinem Sieg von 1985 der seitdem letzte Franzose, der den Wettbewerb gewinnen konnte. | Bild: Denys Clement/Witters

Richtig begehrt sind die Trikots von zwei Franzosen. Bernard Hinault gewann bei seinem zweiten Toursieg auch die letzte Etappe in Paris im Sprint im Gelben Trikot. Das macht man nicht, ist auch nie wieder passiert. Laurent Fignon verlor das Trikot 1989 bei der letzten Tour-Etappe in Paris im Einzelzeitfahren an den Amerikaner Greg LeMond, der nach 3285 Kilometern acht Sekunden vorne war. Knapper war es nie.