Den Grundstein für seine außergewöhnliche Dominanz auf den Schanzen dieser Welt legte Ryoyu Kobayashi im Sommer – und er verdankt ihn auch Skisprung-Methusalem Noriaki Kasai, der mehr als doppelt so alt ist wie Kobayashi. Als der 22-Jährige im vergangenen August seine ersten Grand-Prix-Wettbewerbe gewann, nahm sich Kasai den japanischen Teamkollegen zur Seite und warnte ihn. „Er hat mir gesagt, dass ich nicht jubeln soll, weil das nichts wert ist im Sommer“, erzählte Kobayashi. Jetzt ist Winter, und der Überflieger aus der nördlichen Präfektur Iwate gewinnt immer noch pausenlos. Jetzt freut er sich auch ausgelassen. Was ist da passiert?

Schüchtern und wortkarg

Kobayashi hat die Verhältnisse im Skispringen seit November gehörig durchgemischt und prägt die Vierschanzentournee derzeit so sehr, wie man es selten gesehen hat. Trainer, Funktionäre, Athleten: Alle loben die einzigartigen Leistungen dieses schüchternen und wortkargen Japaners, der sich nach gelungenen Flügen so schön kindlich freuen kann, aber bei Interviews doch so wenig über sich preisgibt. „Ich bin ein ganz normaler japanischer Junge, ich mag Autos und interessiere mich für Musik“, erzählt Kobayashi. Sein Faible ist Geschwindigkeit, nicht nur im Schnee und auf der Schanze.

Er ist zum Vorbild geworden

Alle schauen ihn an, alle studieren ihn, alle wollen ihn im besten Fall kopieren. Kobayashi ist zu einem Vorbild geworden, auch für Kollegen, die jahrelang selbst Trends im Skispringen gesetzt haben. „Das ist sensationell, was er gerade macht“, sagte ÖsterreichsStefan Kraft, Weltrekord-Halter im Skifliegen mit 253,5 Metern. Für Sven Hannawald fehlt nur noch „ein Wimpernschlag“ zum perfekten Sprung, Bundestrainer Werner Schuster hat „selten sowas gesehen auf den Schanzen dieser Welt“.

Knappe Antworten

Was es mit einem jungen Sportler machen muss, zwei Wochen so dermaßen im Fokus zu stehen, hat er sich kaum anmerken lassen. Der 1,73 Meter große und schmächtige Kobayashi trägt meist große schwarze Kopfhörer, er grinst beinahe dauerhaft und beantwortet jede noch so krude Nachfrage höflich, aber knapp. Zum Tournee-Start erklärte er sich kurzzeitig zu einem etwas verrückten „Neo-Japaner“, um nur wenige Minuten später zurückzurudern. „Ich habe dieses Wort einfach so benutzt“, sagte er – und grinste frech.

Los geht es mit Langlauf

Kobayashi kommt aus einer Skisprung-Familie, er selbst startete mit elf Jahren mit dem Langlauf. Sein Vater ist Skilehrer in Iwate, seine Schwester springt, seine Brüder springen, der ältere Junshiro sogar ebenfalls erfolgreich im Weltcup. „Von ihm habe ich viel gelernt, das motiviert mich natürlich noch mehr“, sagte Kobayashi. Mit seinem Bruder teilt er sich bei der monatelangen Europa-Tour gerne ein Zimmer und lässt sich schon einmal beruhigen, wenn der Druck so groß wird wie in Oberstdorf, als plötzlich alle Kameras, Mikrofone und Lichter in seine Richtung gehalten wurden.

Introvertierter Trainer

Einen entscheidenden Anteil am plötzlichen Erfolg hat auch sein neuer Trainer Hideharu Miyahira, der selbst noch mit dem mittlerweile 46 Jahre alten Kasai und dem letzten japanischen Tournee-Sieger Kazuyoshi Funaki aktiv war. „Miyahira ist sehr gut als Coach, er hilft mir sehr viel“, sagte Kobayashi. Der neue Trainer gilt als still und introvertiert, wie viele Japaner. Mit dieser Art und seiner enormen Kompetenz scheint er Kobayashi aber ganz gut ein paar Flausen aus dem Kopf getrieben und ihm dafür mehr positive Energie und den absoluten Ehrgeiz eingeimpft zu haben. So viel, dass er nach Sven Hannawald und Kamil Stoch alle vier Tourneespringen gewonnen hat. (dpa)