Herr Nagelsmann, haben Sie vor der Rückrunde mehr Respekt, weil es Ihre letzte bei der TSG Hoffenheim ist?

Vom Sportlichen her grundsätzlich nicht, vom Emotionalen her schon ein bisschen. Es gibt besondere Momente. Zum Beispiel, wenn dir bewusst wird, dass das gerade eben die Besprechung mit Mannschaft und Trainerteam für deine letzte Vorbereitung in Hoffenheim war. Mit jedem Spiel geht es halt mehr Richtung Ende zu. Ein wenig traurig bin ich, dass das letzte Spiel kein Heimspiel ist. Emotional wird es sicher etwas Besonderes.

Wie emotional wird der Abschied?

Es wird nicht nur berufsbedingt emotional nach neun Jahren hier in diesem Verein. Bei uns kommt die private Komponente dazu, weil sich meine Frau hier sehr, sehr wohlfühlt, viele Freunde gefunden hat. Für sie ist die Region hier fast schon mehr Heimat als München. Es werden auf jeden Fall ein paar Tränchen vergossen werden. Da bin ich mir sicher.

Weiß Ihr vierjähriger Sohnemann denn schon, dass er ab dem Sommer in einen anderen Kindergarten geht, dass er mit Mama und Papa umzieht?

Er hat das schon realisiert, er weiß bereits, dass es woanders hingeht. Er war in Leipzig mit seiner Mutter schon im Zoo. Er hat sich schon unsere neue Wohnung angeschaut. Im Gegensatz zu mir kennt er sie also schon. Ich bezahle sie nur.

Sind Sie hier in Hoffenheim eigentlich in Ihre Nachfolge-Frage mit eingebunden?

Ich habe meinen Rat immer angeboten, auch im Gespräch mit Dietmar Hopp. Letztlich muss ich nicht involviert sein, weil es nicht meine Baustelle ist. Natürlich hoffe ich, dass der Club den bestmöglichen Nachfolger findet und biete dem neuen Trainer bei der Übergabe meine Hilfe an, weil ich den Kader besser kenne als jeder andere in diesem Club. Aber wenn es nicht gefragt ist, bin ich auch nicht böse.

Wurden die Vorgänge mit Hoffenheim abgesprochen, wann Sie wie mit Leipzig Kontakt haben?

Natürlich hatte ich auch in der Winterpause ein Gespräch mit Leipzig, das ist ja völlig normal, dass es Austausch gibt. Aber das tangiert meine Arbeit hier nicht. Es läuft alles in einem überschaubaren Rahmen, und ich finde es gut, wie Hoffenheim und Leipzig das handhaben. Grundsätzlich gab es in Leipzig für mich nur einmal eine Sitzung, auf welchen Positionen ich gerne neue Spieler hätte. Und da gab es einmal den Austausch mit Namen, die auf der Liste stehen. Der Rest wird nun dort vorbereitet und ich muss nur noch Ja oder Nein sagen. Es ist also nicht so, dass ich jeden Tag drei Stunden investieren muss und in Hoffenheim etwas darunter leidet.

Ist es klar, wer vom TSG-Stab zu RB mitgeht?

Das ist schon bekannt – Benjamin Glück (Spielanalyst, Anmerkung d. Red.) und Timmo Hardung (Teammanager).

Wechseln auch Spieler mit Ihnen nach Leipzig?

(lacht) Nö, ich glaube, die sind hier alle ganz zufrieden. Ich werde aktiv keinen Spieler abwerben. Natürlich gibt es Spieler, die sagen, das war schön mit Julian und ich würde gerne mit ihm weitermachen. Dann ist das der Spielerwunsch und der Spieler darf es gerne selbst regeln.

Der Hoffenheimer Kader war und ist groß. Wie halten Sie alle Jungs bei Laune? Wie viel Platz nimmt die Rolle als „Moderator der Unzufriedenen“ ein?

Ich verstehe grundsätzlich, dass ein Profi unzufrieden ist, wenn er nicht spielt. Auf der anderen Seite ist es aber doch so, dass es einem Spieler alles in allem nicht schlecht geht, auch wenn er mal nicht spielt. Im Jugendfußball war das dramatischer: Wenn du da einen Spieler nicht für den Kader nominierst, entfernt er sich immer ein Stück weiter von seinem Traum. Ein Profispieler bekommt trotzdem sein Gehalt, und es geht ihm am Ende des Monats trotzdem gut.

Wie hat sich das Trainergeschäft in den vergangenen drei Jahren entwickelt?

Der rasante Anstieg der Erwartungshaltung im Fußball ist schon heftig. Das Vergangene ist nichts mehr wert, wenn es in der nächsten Woche mal nicht so läuft. Das ist schon extrem, das gibt es in wenigen anderen Berufen.

Was lässt sich dagegen tun?

Entweder auf die Euphoriebremse treten – wovon ich eigentlich kein Freund bin –, oder einfach gewinnen. Etwas anderes bleibt dir nicht übrig.

Fußballerisch waren Sie mit der Vorrunde zufrieden. Wollen Sie noch den einen oder anderen neuen Trend setzen?

Viele lechzen danach, immer neue Trends zu sehen. Doch das ist extrem schwer. Das letzte große Ding waren die nach innen gerückten Außenverteidiger von Pep Guardiola. Was aber jetzt auch nicht die Riesen-Umwälzung war, da die anderen Positionen genauso besetzt waren wie zuvor. Dieser Sport ist mittlerweile so stark aufgedröselt in seine Einzelteile, dass es einfach wenig Trends zu setzen gibt. Grundsätzlich wollen wir fußballerische Lösungen finden.

Das hat ja bisher auch gut geklappt.

Ob da jetzt ein Trend daraus wird, weiß ich nicht. Ich glaube auch nicht, dass es in den nächsten Jahren einen großen Trend geben wird. Extreme Neuerungen wird es wohl erst dann geben, wenn es eine Regeländerung geben sollte, wie zum Beispiel mehr Wechsel. Dann könnte sich schon etwas verändern, wenn man beispielsweise mal einen Standardspezialisten für fünf Minuten reinbringt.

Besteht im Fußball die Gefahr, dass man das Spiel „zu Tode“ analysiert?

Ich sehe eine Gefahr eher in der Fülle der Spiele. Mir werden beispielsweise rund um eine Partie immer dieselben Journalisten-Fragen gestellt. Auf dem Weg von den TV-Interviews zur Pressekonferenz nach Abpfiff denkt man sich: Könnten die jetzt nicht mal was Neues fragen? Aber dann stellt man ehrlicherweise fest: Es gibt ja auch nix anderes zu fragen. Es besteht einfach die Gefahr, dass man zu viele Wettbewerbe installiert, und die Fans so überfrachtet, dass sie keine Lust mehr haben, das alles zu sehen – und lieber etwas anderes machen.

Weniger Fußball wäre also mehr.

Es gibt extrem viel Fußball-Spiele und Übertragungen und Berichte dazu rund um die Uhr, das begeistert dann vielleicht nicht mehr so. Da sucht man sich etwas Neues. Diesen Trend sieht man doch überall. Selbst im Fußball gibt es ein Vereinssterben wie noch nie in der Bundesrepublik.

Woran liegt das?

Es gibt bestimmt eine Übersättigung bei Fans, Zuschauern oder Amateurfußballern durch die Vielzahl der Spiele und tausendfachen Analysen von all den Experten. Fußball ist grundsätzlich ein einfaches Spiel, das die Massen bewegt. Es darf aber nicht inflationär werden. Die Kinder gehen dann irgendwann nicht mehr auf den Fußballplatz und rennen dem Ball hinterher. Selbst bei meinem Heimatverein gab es früher vier F-Jugend-Mannschaften. Jetzt ist da eine Spielgemeinschaft, damit sie überhaupt eine Mannschaft zusammenbekommen.

Fragen: Florian Huber