Das Cover des offiziellen News Bulletins Nummer 71 des Fußball-Weltverbands Fifa vom April 1969 zierte ein ungewöhnliches Foto. Darauf zu sehen: Die Büste eines Jungen, der eine Kugel, überzogen mit einem sechskantigen Netz, in der Hand hält. Es handelt sich dabei um ein Grabmal aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus, das den siebenjährigen römischen Jungen Gaius Laberius aus Tilurium zeigt. Für die Fifa war damals wohl klar, dass dieses Motiv das älteste bekannte Zeugnis des Fußballs, so wie wir ihn heute kennen, sein muss. Aus dem damaligen Römerlager Tilurium hat sich mittlerweile das Städtchen Trilj im dalmatinischen Hinterland, im Herzen Kroatiens, entwickelt.

Zieht man also in Betracht, dass in Kroatien – wie von der Fifa offiziell anerkannt – schon vor knapp 2000 Jahren Fußball gespielt wurde, ist klar, dass „It’s coming home“, der wiederkehrende Leitspruch der britischen Fans, nicht viel Sinn machte. Von wegen der Fußball kommt nach Hause! Spätestens seit Mittwoch, als die kroatische Elf die Auswahl aus England mit 2:1 zurück auf die Insel schickte, ist zumindest für die kroatischen Fans klar, wo das Zuhause für den WM-Pokal sein sollte.

Esther ist 32 Jahre alt und arbeitet in einer Bank in Kroatiens Hauptstadt Zagreb. Sie ist bei jedem Public-Viewing dabei und fiebert mit der kroatischen Nationalmannschaft mit. „Das ist alles vergänglich, selbst wenn wir gewinnen. Aber für einen Moment vergesse ich meine Sorgen.“ Sie spricht aus, was viele Kroaten denken. Die Feiern auf den Plätzen, die Autokorsos, die Feuerwerke – sie sind Balsam für die kroatische Seele, denn im harten Alltag haben die meisten Kroaten nicht viel Grund zur Freude.

Der historische Einzug ins WM-Finale bedeutet für die Kroaten vor allem Hoffnung, denn außer dem Erfolg der „Vatreni“, der Nationalelf, läuft nicht viel nach Plan im jüngsten EU-Mitgliedsland. Die Wirtschaft zeigt zwar Zeichen der Erholung von der Finanzkrise, die nun schon seit knapp zehn Jahren andauert, ist jedoch immer noch europäisches Schlusslicht. Jahrelange Vetternwirtschaft, Korruption und die fragwürdige Privatisierung staatlicher Firmen, trieb die kroatische Wirtschaft an den Rand des Ruins, bevor ihr die Weltwirtschaftskrise den Todesstoß versetzte. Das ganze Ausmaß der Krise zeigte sich erst nach dem EU-Beitritt Kroatiens am 1. Juli 2013, als es plötzlich einfacher war, ins europäische Ausland auszuwandern. Schätzungen gehen davon aus, dass aufgrund der anhaltenden Arbeitslosigkeit in Kroatien 40 000 Menschen pro Jahr ihrem Heimatland den Rücken kehren, um ihr Glück im Ausland zu versuchen.

Nun steht Kroatien zum ersten Mal in der Geschichte im Finale der Fußball-Weltmeisterschaft. Esther glaubt fest an einen Sieg der „Vatreni“, wie die kroatische Nationalmannschaft gennant wird. Doch selbst wenn sie das Finale verlieren sollte, haben die aktuellen Spieler mehr erreicht als alle anderen vor ihnen. Und sie haben – wie es im Land derzeit überall zu hören ist – der geschundenen kroatischen Seele Hoffnung gegeben und die Menschen ihre Probleme und Sorgen einen Moment lang vergessen lassen. Robert Prosinecki, Nationalspieler der legendären Nationalelf von 1998, die es bis ins WM-Halbfinale schaffte, brachte es dieser Tage auf den Punkt: „Im Land fällt sowieso alles auseinander, lasst die Menschen wenigstens glücklich sein.“ Im Rückblick werden es vielleicht nur einige flüchtige Wochen im Sommer 2018 gewesen sein. Sollte Kroatien aber tatsächlich den Titel holen, wäre das mehr als eine Sensation.