Zum Anschauen ist dieses Rennen großartig, wenngleich Überhiolmanöver so gut wie ausgeschlossen sind. 90 Jahre wird der Grand Prix von Monaco in diesem Jahr alt, zum 77. Mal wird das Rennen ausgetragen, 66 Mal davon im Rahmen der Formel-1-Weltmeisterschaft. Man nennt es die Krone der Formel 1. Königsklasse und Fürstentum, das passt ja auch zusammen. Steuerparadies ist ein wunderbar doppeldeutiges Wort. Die dunkle Wolke, die nach dem Tod über dem Mercedes-Rennstall hängt, wird auf den Party-Booten im Hafen und draußen in der Bucht mit dem Wedeln von Hermés-Taschentüchern vertrieben, man genehmigt sich ein letztes Schlückchen, vielleicht sogar auf den Österreicher, der hier 1975 und 1976 gewonnen hat. Kein Mythos ohne Pathos.

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Sebastian Vettel sagt tatsächlich den Satz, der auch beim Pokalfinale so gern zitiert wird: „Monaco hat seine eigenen Gesetze.“ Für die Rennwagen im Straßenverkehr gilt das ganz sicher. Egal, wie oft dieser Grand Prix ausgetragen wird, der Irrsinn bleibt immer gleich faszinierend. Hier noch eine VIP-Lounge, dort noch ein neuer noch hässlicherer Apartment-Bunker; Polizisten, die wie Stewards auf Kreuzfahrtschiffen angezogen sind; deutsche und englische Fan-Besatzungen, deren Mallorca-Sitten misstrauisch beäugt werden. Die Gegensätze machen den wahren Mythos aus.

Die härteste Partyzone der Cote d‘Azur

Es ist ein manchmal ein klebriges Gemisch, das dabei entsteht. Die mit 3,337 Kilometern kürzeste Strecke der Saison verändert sich über das Wochenende komplett. Dabei sind sich die Experten nur nicht ganz einig, ob das am Gummi der Rennwagen liegt, oder den vielen alkoholischen oder sonst wie aufputschenden Getränken liegt, die besonders im dritten Streckensektor jede Nacht auf den Asphalt gegossen werden. Über die Ideallinie zu schwanken gehört zum Jedermann-Vergnügen, dass auch Monaco-Novizen und Routiniers eint. Die Rascasse-Kehre ist, wenn sich die großen Metalltore zur improvisierten Piste nach dem letzten Training wieder öffnen, die härteste Partyzone der Cote d‘Azur. Die Festspiele in Cannes, die in einem Viertelstündchen mit dem Hubschrauber erreichbar sind, mögen das prominentere Publikum haben. Aber beim Großen Preis von Monaco läuft der verrücktere Streifen.

Lance Stroll aus Kanada.
Lance Stroll aus Kanada. | Bild: Luca Bruno/dpa

Die Formel-1-Piloten haben eine Hassliebe zu diesem Rennen entwickelt. Es fordert psychisch und physisch in jeder der 19 Kurven alles. Ein Millimeter zu nah an der Leitplanke, und alles ist vorbei. Ein paar Zentimeter zu weit, und die Runde ist kaputt. Die meisten Überholmanöver geschehen auf den 113 Metern vom Start bis zur ersten Kurve. Wenn nicht das Safety-Car ausrücken muss oder Strategen und Boxencrews patzen, dann war es das.

Ayrton Senna hat hier sechs Mal gewonnen

Das Schicksal liegt hier wirklich stärker in den Händen der Fahrer, dann aber wieder doch nicht. Ayrton Senna hat sechs Mal gewonnen, und in der Qualifikation schon mal das Atmen vergessen. Michael Schumacher und Graham Hill fünf Mal, Alain Prost vier Mal. Die Großen nehmen die Zufälligkeiten zwar gelassen hin, aber es ist ihnen eine Ehre, verbunden mit der Pflicht, Sonntagsabends zum Dinner im Palast zu erscheinen. Einen einzigen Toten im Rennen gab es zu beklagen, Lorenzo Bandini, dessen Ferrari 1967 in Flammen aufgegangen war.

Premiere fand 1929 statt

Das allererste Rennen 1929 gewann übrigens ein gewisser „Williams“, der später Geheimagent wurde und mit richtigem Namen William Charles Frederick Grover-Williams hieß. Der junge Brite fuhr unter Pseudonym, da seine Familie nichts von seiner rasenden Leidenschaft mitbekommen sollte. Mit 15 hatte er Motorradfahren gelernt, später wurde er Chauffeur eines Malers. Der Piratenfelsen der Grimaldis hat schon immer schillernde Persönlichkeiten angezogen. Zirkusfestival und Rennzirkus, das ist eine weitere dieser Paarungen, die an der Cote d‘Azur zuhause sind. Volle Konzentration, kein Netz, ob am Trapez oder im Cockpit.