Sehr geehrter Uli Hoeneß,

als mich die Meldung von Ihrem Rückzug beim FC Bayern ereilte, ging es mir wie vielen Menschen. Der Hoeneß ohne den FCB? Freiwillig? Für immer? Das kann nicht sein. Man mag über Art und Weise der „Bild“-Berichterstattung streiten, aber als Quelle einer solchen Nachricht ist sie verlässlich. Zumal Sie zwei führenden Bild-Köpfen freundschaftlich verbunden sind.

Sie haben das dementiert, weil sich das nicht schickt. Aber wie vielen vertrauten Personen wollten Sie denn von Ihrer Absicht erzählt haben, die das hätten ausplaudern können? Aber wie es sich wirklich zugetragen hat, ist auch unwichtig. Die entscheidende Botschaft ist, dass Sie den Kern der Nachricht nicht dementiert haben. Halten Sie den Aufsichtsrat nicht für eine Ansammlung von Hanswurschteln, können Sie am 29. August nichts anderes als Ihren Rückzug mitteilen.

Das lässt keinen zufrieden zurück

Also, Herr Hoeneß, antworte ich auf die Frage, „was macht der Uli?“, in zwei Sätzen. Erstens, dass Sie öffentlich nichts gesagt haben, und zweitens, dass die Nachricht stimmen dürfte. Das aber lässt keinen zufrieden zurück, was zeigt, welche Bedeutung Sie haben oder gar welche Popularität Sie besitzen – so oder so.

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Die einen sagen, es sei inzwischen höchste Zeit, dass Sie aus der Öffentlichkeit verschwinden. Das sind die, die Sie nicht mögen. Denen Sie oft zu großspurig aufgetreten sind, auch mit politischen Statements. Denen Sie im Gedächtnis eher als skrupelloser Steuerhinterzieher haften denn als erfolgreicher Fußballmacher.

Die anderen schütteln den Kopf, erinnern sich an positive Eigenschaften des Uli Hoeneß. Das sind die, die Sie mögen. Die Ihren Klartext schätzen in der hyperventilierenden Welt des Fußballs. Die sagen, ein Steuerhinterzieher sei zwar kriminell, aber kein Schwerverbrecher, der andere Menschen persönlich schädigt. Für die Sie mit 50-Millionen-Steuer-Rückzahlung und anderthalb abgesessenen Haftjahren Ihre Schuld gesühnt haben. Und es sind natürlich alle Fans des FC Bayern.

Bald nur noch Familienpatriarch?

Alle Bayern-Fans? Nein, das nicht mehr, wie sich auf der Hauptversammlung im November 2018 gezeigt hatte. Da ernteten sie erst den Widerspruch eines Mitglieds und nach Ihrer schroffen Reaktion laute Buhrufe. Es heißt, Sie hätten in jener Nacht über einen sofortigen Rückzug nachgedacht. Das wäre aber nicht der Hoeneß gewesen, der alles in Händen hält und steuert wie er möchte. Es heißt, damals sei Ihre Ehefrau Susi, die gute Seele an Ihrer Seite, endlich durchgedrungen bei Ihnen mit dem Wunsch, der Patriarch des FC Bayern solle sich bald begnügen mit der Rolle des Familienpatriarchen.

Den Rückzug haben Sie perfekt vorbereitet. Wie Sie die Rollen zu verteilen gedenken, passt zu meinem Hoeneß-Bild von einigen direkten Kontakten. Mit Herbert Hainer rückt Ihr Freund an Ihre Stelle, mit Oliver Kahn kommt 2020 ein weiterer Vertrauter dazu. Und Sie behalten als einfaches Mitglied Sitz und Stimme im Aufsichtsrat. Was für Entscheidungen sollten da getroffen werden, die nicht Ihren Segen haben?

Buhrufe werden Sie auch keine mehr entgegennehmen müssen. Deshalb, Herr Hoeneß, wünsche ich Ihnen und Ihrer Ehefrau Susi, dass Sie endlich mehr Zeit am Tegernsee verbringen. Trotz oder auch wegen des cleveren Rücktritts.

Mit freundlichem Gruß, Ralf Mittmann, Leiter der SÜDKURIER-Sportredaktion

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