Vielleicht ordnete Sebastian Kehl die Gefühlswelt von Borussia Dortmund mit einem Versprecher am treffendsten ein. „Die Niederlage“, sagte der Leiter der Lizenzspielerabteilung, ehe er stockte und fortfuhr, „ich meine natürlich das Unentschieden, haben wir uns selbst anzukreiden.“ So viel Wahrheit in einem holprigen Satz. Tatsächlich begriff der BVB das 3:3 (2:0) gegen die TSG Hoffenheim als Fehlschlag. Und de facto hatte er am ernüchternden Endergebnis mehr Anteil als der lange blasse Konkurrent. In nur zwölf Minuten gab Dortmund eine komfortable 3:0-Führung aus der Hand.

Zwischen Genie und Wahnsinn nistet sich mitunter ein Schuss Überheblichkeit ein. Das ist im Fußball so wie im richtigen Leben und in der Regel kontraproduktiv. Der BVB spielte lange Zeit sehr gut. Den Toren durch Jadon Sancho (32.), Mario Götze (43.) und Raphael Guerreiro (66.) gingen teils geniale Kombinationen voraus. Tempo, Doppelpass, Hackentrick – alles dabei.

Mutlose Gäste waren in Halbzeit eins nur Statisten. Und wären für Zählbares wohl auch nicht mehr infrage gekommen, wenn der überragende Sancho in der 75. Minute nicht den Pfosten, sondern ins Tor getroffen hätte. Im direkten Gegenzug gelang Ishak Belfodi das 1:3. Es traf den BVB nicht zufällig, schon früh nach der Pause hatte er sich von Konzentration und Konsequenz verabschiedet. Fehlpässe häuften sich, manchmal direkt vor dem eigenen Strafraum. Das sah sorglos und schludrig aus, manchmal sogar arrogant. Torhüter Roman Bürki pfiff seine Vorderleute mehrfach an. Mit zwei starken Paraden verhinderte der Schweizer das 1:2. Das 3:0 schien genau zur rechten Zeit zu fallen, das war’s, dachten alle, die mit dem BVB sympathisieren.

Eine halbe Stunde später hatte sich das ganze Glück aufgelöst. Riesenfrust brach sich nach den Gegentoren von Belfodil (75./87.) und Pavel Kaderabek (83.) Bahn. „Eigentlich lief es gut – bis wir angefangen haben, Fehler zu machen“, sagte Mittelfeldspieler Guerreiro. „Wir haben uns in der zweiten Halbzeit kaum noch freispielen können und nur die Lösung mit langen Bällen gefunden“, befand Verteidiger Julian Weigl.

3:3 nach 3:0, schon ein bisschen Wahnsinn, wie der lange Walzer tanzende Ligaprimus komplett aus dem Takt geriet und am Ende böse ausrutschte. Der Vorsprung auf Bayern München reduzierte sich auf fünf Punkte. Vor Beginn der Rückrunde waren es sechs. Das ist jetzt noch kein dynamischer Schrumpfungsprozess. Aber nach zuletzt drei Unentschieden (mit Pokal-K.o. gegen Bremen im Elfmeterschießen) jeweils nach Führungen werden sich die Protagonisten in Dortmund schon Gedanken machen müssen über die Balance im Spiel und allzu viel Sorglosigkeit auf dem Platz.