Loriot, gesammelte Werke. Auch dabei: der Kosakenzipfel, der in dem Sketch als „Mokka-Trüffel-Parfait mit einem Zitronencreme-Bällchen“ bezeichnet wird. Einfach großartig, wie sich die Ehepaare Hoppenstedt und Pröhl einen harmonischen Abend ruinieren, weil sich die Herren der Schöpfung einen Kosakenzipfel teilen sollen und sich dabei gegenseitig der Übervorteilung bezichtigen. Am Ende geifern auch die Damen, „Jodelschnepfe“ hier, „Winselstute“ dort. Köstliche TV-Kost, mit fünf Minuten Dauer gut geeignet zum Beispiel für die Halbzeitpause eines deutschen WM-Spiels.

Mir kam dabei in den Sinn, dass vor langen Jahren ein freundlich-konservativer Mann, der unser Fußballtrainer war, nach einem fulminanten 5:0-Sieg uns Spieler lobte mit den Worten: „Über die seid ihr hergefallen wir die Kosaken.“ Nachgefragt hatte damals keiner.

Die Kosaken? Waren die nicht ein wildes Reitervolk, das im Zweifel kein Erbarmen kannte mit Gegnern? Richtig ist, dass die Kosaken eine seltsame Rolle spielen in der russischen Geschichte. Der Begriff ist den Turksprachen entlehnt und bedeutet so viel wie „freier Reiter“. Sie waren aber vor allem „frei“ an Rechten und lebten am Rande der Gesellschaft an der Steppengrenze des russischen Reiches.

Zum einen gelten sie als Symbol für nationale Traditionen und Überzeugungen. Zum anderen waren sie über Jahrhunderte hinweg das Feindbild einer Gesellschaft, die geprägt war von Autokratie, Hierarchie und brutalem Ordnungsstreben. Da hatte etwa Diktator Stalin gute Kosakenfreunde, und doch verloren in dessen Säuberungen Hunderttausende von Kosaken Heimat und Leben.

Im heutigen russischen Präsidial-Imperium des ehemaligen KGB-Offiziers Wladimir Putin übernehmen Kosaken paramilitärische Aufgaben. Sie arbeiten als Wachschutz, Marktaufseher oder Förster, geschätzt sollen fast eine Million Kosaken für Putin im „staatlichen Dienste“ tätig sein. Und sie sind verlässliche Garde der orthodoxen Kirche. Das Motto der Kosaken lautet: Ordnung schaffen. Ganz sicher werden also auch während der WM etliche im Einsatz sein.

Dann doch lieber Kosakenzipfel für die Herren und vielleicht ja einen Kosakenkaffee für die Damen. Das ist ein nach wie vor im Handel erhältlicher Mokka-Likör. Ohne Zitronenschaum-Bällchen. 

 

Der Autor dieses Textes Ralf Mittmann.