Eins steht fest: Würde sich Christian Streich mal in Rhythmischer Sportgymnastik versuchen, er wäre absolut chancenlos. Wie der Trainer des SC Freiburg nach dem 2:2 gegen Borussia Dortmund auf den Platz hoppelte, hatte nichts von dem Filigranen an sich, mit dem seine Spieler den Gegner in einer fulminanten zweiten Halbzeit überraschten. Dafür erinnerte nach Abpfiff Streichs Känguru-Jack-Gedächtnislauf zu seinen Spielern sehr wohl an Einsatzfreude und Kampfgeist seiner Kicker. 57 Prozent der Zweikämpfe entschieden die Freiburger für sich, „diese Quote ist unglaublich“, sagte Streich. Sie spricht für das Überraschungsteam dieser jungen Saison, aber auch gegen den Klub aus dem Pott, der sich selbst zum Titelanwärter ausgerufen hat. Denn während die Freiburger geschickt und mutig in die Zweikämpfe gingen, zog der ein oder andere Borusse mal eben das Füßchen zurück oder wich dem körpernahen Duell gleich ganz aus.

„Wir waren auf Augenhöhe mit Dortmund“, befand Christian Streich. Der dienstälteste Trainer der Bundesliga war gar völlig aus dem Häuschen. „Die Leistung in der zweiten Halbzeit war herausragend und das Unentschieden hochverdient. Die Zuschauer waren begeistert, ich war es auch.“

An solchen Tagen ist der 54-Jährige gesprächiger als sonst. Er lobte Amir Abrashi für „Balleroberungen“, Janik Haberer für „geschicktes Zweikampfverhalten“ und Christian Günter für dessen „großartige Laufleistung“. Er lobte Luca Waldschmidt für „ein großes Pensum und Torgefahr“. Er lobte Nicolas Höfler, „der in der zweiten Halbzeit im Mittelfeld doch alles bestimmte“. Er adelte die drei Eingewechselten – Roland Sallai, Nils Petersen und Vincenzo Grifo – mit den Worten: „Sie haben dafür gesorgt, dass wir unentschieden spielen.“ Und jene, deren Namen Streich im Überschwang der Gefühle nicht über die Lippen kamen, waren im Pauschallob enthalten. „Wir alle haben uns das brutal erarbeitet, und das freut mich saumäßig.“

Damit war Streich noch immer nicht am Ende. Im tiefen Süden der Republik weiß man vielleicht besser als anderswo, dass nicht nur Fußballer, die auf dem Rasen wirbeln, Anteil am Erfolg haben, sondern auch jene, die nicht kicken dürfen. „Es ist auch eine Leistung der Spieler, die im Moment nicht im Kader sind, aber im Training Vollgas geben, und die man enttäuschen muss“, sagte der Sportclub-Trainer, „es funktioniert, weil wir empathische und sozial intelligente Spieler haben.“

Zum Lohn gab es von Streich zwei freie Tage, ehe einige Spieler zu Nationalteams unterwegs sind – wie etwa Luca Waldschmidt, der vor den Augen von Joachim Löw eine starke Vorstellung mit einem blitzsauberen Tor bot und zum Dank vom Bundestrainer die Auskunft erhielt, dass er gegen Argentinien am Mittwoch oder in Estland am Sonntag zu seinen ersten Minuten im Nationaltrikot kommen wird. Marco Reus solte da eigentlich zuschauen müssen, so enttäuschend war dessen Auftritt in Freiburg. Von „Bild am Sonntag“ erhielt der BVB-Kapitän eine glatte Sechs, sein Trainer Lucien Favre immerhin noch eine Vier. Dabei bringt er einige seiner Akteure nicht in Bestform, andere, bei denen es läuft (etwa Julian Brandt), lässt er anfangs auf der Bank, aus Standards macht die Borussia viel zu wenig – in Freiburg resultierte aus elf Eckbällen ein Tor durch Axel Witsel, aber nur, weil der Belgier den Ball volley grandios traf. Die restlichen Versuche versandeten komplett. Und wieder brachten die Schwarzgelben eine 2:1-Führung nicht ins Ziel, zum zweiten Mal wegen eines eigentors (Akanji, 90. Minute).

Favre, heißt es, sei in Dortmund nicht mehr unantastbar, weil möglicherweise eher Teil denn Lösung des Problems. Es folgen Wochen der Wahrheit mit den Partien gegen den neuen Tabellenführer Mönchengladbach, auf Schalke, gegen Wolfsburg und bei den Bayern.