Nun denn, die Bundesliga ist kein Wunschkonzert und so kann man auch nicht freiwillig auf sein Heimrecht verzichten. Sonst wäre es echt eine Alternative gewesen für den SC Freiburg, sein Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg lieber in der Volkswagen-Arena hoch droben in Niedersachsen zu absolvieren statt im Schwarzwaldstadion. Denn ebendort haben die Freiburger siebeneinhalb Jahre lang nicht mehr gegen Wolfsburg gewonnen und die letzten fünf Partien mit einem Torverhältnis von 3:15 verloren. Allerdings hatten die Schützlinge von Trainer Christian Streich zuletzt in Stuttgart Selbstvertrauen getankt, wo sie ein gutes Spiel gemacht hatten gegen den VfB, trotzdem in Rückstand geraten waren, um in der Nachspielzeit noch ein 2:2 zu ertrotzen. Also sollte nun auch gegen das Team von Trainer Bruno Labbadia der Bock umgestoßen und der erste Heimsieg gegen den VfL seit dem 27. August 2011 eingefahren werden.

Wolfsburg geht früh in Führung

Doch dann beginnt es wie fast immer gegen die Niedersachsen. Ein bisschen hin und her, dann der erste Schuss der Wolfsburger – und schon führen die Gäste. Brekalo hat auf der linken Seite viel zu viel Platz, serviert den Ball dem in den Strafraum vorgerückten Außenverteidiger Roussillon und der vollendet gekonnt zum 0:1. Gespielt waren da gerade mal elf Minuten. Einerseits also genügend Zeit zur Korrektur für die Freiburger, andererseits lähmt der Tiefschlag. 25 Minuten lang bringen die Sportclub-Kicker kaum Produktives zustande.

Yannick Gerhardt, Jerome Roussillon und Josip Brekalo (l-r) von Wolfsburg bejubeln das 1:0.
Yannick Gerhardt, Jerome Roussillon und Josip Brekalo (l-r) von Wolfsburg bejubeln das 1:0 gegen Freiburg. | Bild: Patrick Seeger

Dann hilft ihnen VfL-Verteidiger Brooks auf die Sprünge. Der fängt einen langen Pass ab, spielt den ihn bedrängenden Nils Petersen gekonnt aus, hat dabei aber übersehen, dass ihm auch Florian Niederlechner auf den Fersen ist. Der „Flo“, in Stuttgart als später Einwechselspieler Torschütze zum 2:2, ist diesmal von Anfang an dabei und viel unterwegs. Jetzt stibitzt er Brooks den Ball und legt sofort quer auf Vincenzo Grifo, der aus 14 Metern Entfernung direkt und unhaltbar zum 1:1 einschießt. Aus heiterem Himmel steht es nach 37 Minuten 1:1.

Mike Frantz, Robin Koch, Christian Günter, Torschütze Vincenzo Grifo, Florian Niederlechner, Nils Petersen und Janik Haberer (l-r) von Freiburg nach dem 1:1.
Mike Frantz, Robin Koch, Christian Günter, Torschütze Vincenzo Grifo, Florian Niederlechner, Nils Petersen und Janik Haberer (l-r) von Freiburg nach dem 1:1. | Bild: Patrick Seeger (dpa)

Szene vor der Halbzeit kein Foul

In den letzten Sekunden der zweiminütigen Nachspielzeit ereignet sich dann noch eine Szene, die Gesprächsstoff bietet für die Halbzeitpause. Wolfsburgs Weghorst ist nach einem Konter in halblinker Position frei vor SC-Torhüter Alexander Schwolow, verzichtet aber auf den Abschluss und legt den Ball in den Fünfmeterraum, wo Steffen eigentlich leichtes Spiel haben sollte, die Kugel über die Linie zu schieben. Doch der Schweizer im VfL Dress verfehlt den Ball und landet stattdessen auf der Nase.

Der Fall scheint klar, Freiburgs Christian Günter hat Steffen in den Rückens gestoßen – das müsste Elfmeter und Rot für Günter nach sich ziehen. Schiedsrichter Felix Brych aber lässt ungerührt weiterspielen und auch Videoassistent Günter Perl meldet sich nicht aus dem Kölner Keller. Schiedsrichterbeobachter Knut Kircher, früher selbst ein exzellenter Unparteiischer, liefert auf der Haupttribüne kurz vor Beginn des zweiten Durchgangs eine „mögliche Begründung“. Brych habe eine großzügige Linie und erkannt, dass Weghorst den Ball in den Rücken Steffens gespielt habe und der schon von alleine ins Straucheln gekommen sei, noch ehe Günter herangesaust kam. Es klingt verwegen.

Freistoß und Elfmeter für Wolfsburg

Die erste Chance in Halbzeit zwei hat wieder der VfL Wolfsburg. Brekalo kommt zum Kopfball, doch Schwolow pariert reaktionsschnell. So passiert in der 60. Minute. Eine Minute später zeigt Brych Janik Haberer Gelb für ein Foul, das keines war. Der falsche Freistoß führt zum erneuten Wolfsburger Ballbesitz und in der Folge nach einem Foul von Robin Koch an Weghorst auch zum Elfmeter für den VfL. Weghorst verwandelt sicher zum 1:2 (62.).

Torwart Alexander Schwolow von Freiburg ist beim 1:2-Elfmeter geschlagen.
Torwart Alexander Schwolow von Freiburg ist beim 1:2-Elfmeter geschlagen. | Bild: Patrick Seeger

Der erneute Rückstand aber stachelt die Freiburger nun richtig an. Und nach der siebten Ecke (7:1), die Grifo von links auf die kurze Ecke zirkelt, ist Nils Petersen zur Stelle und köpft zum 2:2 (72.) ein. Die Freude währt aber nicht lange. Steffen spielt sich im Duett mit Weghorst geradezu locker durch die wacklige Defensive der Gastgeber und besorgt die dritte Führung für Wolfsburg (75.). Alles sieht also nach dem sechsten VfL-Sieg in Serie im Breisgau aus, doch dann legt Petersen für Waldschmidt auf, der erzielt aus der drehung das Tor zum 3:3.

Luca Waldschmidt von Freiburg bejubelt das 3:3.
Luca Waldschmidt von Freiburg bejubelt das 3:3. | Bild: Patrick Seeger

Videoentscheid in der Nachspielzeit

Und das ist noch nicht das Ende. Dritte von vier Nachspielminuten, wieder Ecke für Freiburg, Waldschmidt zirkelt sie nach innen, Philipp Lienhart steigt hoch und setzt den Ball im hohen Bogen über VfL-Keeper Casteels ins Netz. Das Schwarzwaldstadion erlebt eine Eruption der Gefühle, die Fans toben vor Glück, von der SC-Bank spurtet alles, was Beine hat, auf den Platz. 4:3, der Sieg, Wahnsinn. Doch dann greift sich Felix Brych ans Ohr, geht Fernsehgucken und nimmt den Treffer zurück.

Schiedsrichter Felix Brych zeigt den Videobeweis an.
Schiedsrichter Felix Brych zeigt den Videobeweis an. | Bild: Patrick Seeger

Dominique Heintz hat tatsächlich im Abseits gestanden, allerdings kein bisschen eingegriffen und auch den Wolfsburger Torwart nicht behindert. So etwas nennt man eigentlich passives Abseits, doch Brych sah das nach Studium der Fernsehbilder anders. 

Das 3:3 bringt dem SC Freiburg wenigstens einen Punkt – und die Niederlagenserie zuhause gegen Wolfsburg ist auch gestoppt. Darüber mochte sich aber niemand richtig freuen.