Was sagt die Reproduktionszahl R aus?

Die Reproduktionszahl gibt an, wie viele Menschen ein Infizierter im Schnitt ansteckt. Würde man keinerlei Maßnahmen zur Einschränkung treffen, läge R für den Erreger Sars-CoV-2 bei ungefähr drei. Das geht aus verschiedenen Studien hervor. Das bedeutet, jeder Infizierte würde das Virus an rund drei Menschen weitergeben.

Die Maßnahmen der Politik zielen darauf, diesen Wert auf unter eins zu senken. Dann nämlich gibt nicht mehr jeder Infizierte das Virus an einen Mitmenschen weiter. Die Pandemie verlangsamt sich. Liegt der Wert über eins, breitet sich die Pandemie schneller aus.

Wie errechnet sich R?

Das Robert-Koch-Institut (RKI) vergleicht Zeiträume über vier Tage miteinander. Grob gesagt wird die Summe der Infizierten der letzten vier Tage durch die Summe der Infizierten der vier Tage davor geteilt.

Dazu ein einfaches Beispiel: Wir gehen von einer Bevölkerung von 100 Personen aus.

An vier Tagen infizieren sich fünf Personen, an den folgenden vier Tagen infizieren sich zehn Personen. Zehn geteilt durch fünf ergibt zwei – also liegt die Reproduktionszahl R bei zwei. Ganz einfach – zumindest im Modell. In der Realität ist die Sache doch etwas komplizierter.

Das könnte Sie auch interessieren

Ist die Berechnung wirklich so einfach?

Leider nicht, sonst könnte sie jeder am heimischen Rechner durchführen. Um R seriös berechnen zu können, braucht es genauere Daten zum Infektionsgeschehen. Die veröffentlichten Infektionszahlen reichen dazu nicht aus. Sie geben nur wieder, wann die Menschen positiv getestet wurden, nicht aber, wann sie sich angesteckt haben und erkrankt sind. Letzteres ist aber ausschlaggebend für R.

Der Zeitpunkt der Erkrankung ist nicht immer genau zu bestimmen. Die Wissenschaftler behelfen sich daher mit einer Schätzung. Und wie das mit Schätzungen so ist, ist sie ungenau und unscharf. Außerdem berücksichtigen die Wissenschaftler nur Daten, die mindestens drei Tage alt sind. Dann wirken sich Meldeverzüge nicht so stark aus.

Entsprechend ist auch der aktuelle R-Wert nicht haargenau, sondern liegt immer innerhalb einer Spanne.

Heißt das, dass R gar nicht als Kennwert zu gebrauchen ist?

Doch, aber man sollte sich seiner Schwächen bewusst sein. Zum einen greifen die Wissenschaftler auf Daten aus der Vergangenheit zurück. Hinzu kommt die Inkubationszeit des Virus. R beschreibt also nicht die aktuelle Lage, sondern das Infektionsgeschehen von vor ein bis eineinhalb Wochen. Zum anderen ist der Wert alles andere als sicher.

Das RKI gibt neben der eigentlichen R-Schätzung auch immer einen Bereich an, in dem der tatsächliche Wert aller Voraussicht nach liegt. Im Situationsbericht vom 12. Mai lag die R-Schätzung bei 0,94. Der genaue Wert lag irgendwo zwischen 0,79 und 1,1. Und auch das nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent. Berücksichtigt wurden außerdem nur Erkrankungen, die bis zum 8. Mai aufgetreten sind.

Es könnte also sein, dass sich die Pandemie beschleunigt. Es könnte aber auch sein, dass sie sich verlangsamt. Die folgende Grafik zeigt die R-Werte der vergangenen beiden Wochen mitsamt dem Korridor, in dem der tatsächliche Wert mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit liegt.

 

Sieht aus, als wäre die Unsicherheit größer, je aktueller R ist...

Das ist richtig. Das RKI sammelt über die Zeit mehr Daten zu den Infizierten und muss sich so weniger auf die Schätzung verlassen. Dadurch verändert sich rückwirkend der R-Wert und dessen Fehler. R wird also laufend neu berechnet – auch für die Vergangenheit.

Deswegen lassen sich die täglich kommunizierten Werte auch nicht miteinander vergleichen, sie gelten immer nur für den Status quo. Der Wert von gestern ist heute schon wieder überholt.

Ein Beispiel: Im Lagebericht vom 11. Mai hat das RKI den R-Wert zwischen 0,88 und 1,29 verortet. Berücksichtigt wurden dabei nur Erkrankungen bis zum 7. Mai. Einen Tag später hat sich der Korridor für denselben Wert verkleinert. Er liegt jetzt zwischen 0,88 und 1,21. R wurde mit besseren Daten neu berechnet und lässt sich so besser verorten.

Wozu ist R denn nun gut?

Die Reproduktionszahl ist wichtig, um den allgemeinen Trend der Pandemie zu erkennen. Sie sollte aber nicht isoliert, sondern in ihrer Entwicklung betrachtet werden. Mithilfe des Wertes lässt sich zum Beispiel vorhersagen, wann unser Gesundheitssystem kollabiert, sofern keine weiteren Maßnahmen getroffen werden. Außerdem hilft der Wert bei der Einschätzung, wie effektiv bereits getroffene Maßnahmen sind.

R ist aber nur ein Faktor bei der Bewertung der Situation. Andere sind etwa die absoluten Infektionszahlen, die Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in den letzten sieben Tagen, oder auch, wo die Infektionen auftreten.

Aktuell sehen wir insgesamt vergleichsweise wenige Neuinfektionen. Dadurch haben lokale Ausbrüche wie in Schlachthöfen oder Pflegeheimen einen höheren Einfluss auf den Wert.

Unser bestes Angebot ist wieder da: die Digitale Zeitung + das neuste iPad für 0 €