Swetlana Tichanowskaja wollte nie Präsidentin werden – doch nun hat sie sich selbst zur Siegerin der Wahl in Belarus erklärt. Bis Mai war die 37-jährige ehemalige Übersetzerin eine Unbekannte, im Wahlkampf wurde sie zur stärksten Konkurrentin von Amtsinhaber Alexander Lukaschenko. Und auch nachdem sich der langjährige autokratische Herrscher zum Sieger des Urnengangs erklären ließ, gab Tichanowskaja nicht klein bei: Sie forderte den Rückzug von Lukaschenko und erklärte selbstbewusst: „Ich betrachte mich selbst als die Gewinnerin dieser Wahl.“

Ihr Mann wurde im Mai festgenommen

Dabei ging es der 37-Jährigen zumindest anfangs nicht um die Macht. „Jeder weiß, wie ich hier gelandet bin: Aus Liebe zu meinem Mann“, sagte Tichanowskaja. „Ich mache weiter, was er angefangen hat.“ Ihr Mann, der bekannte 41-jährige Youtuber Sergej Tichanowski, war im Mai festgenommen worden. Die Behörden warfen ihm Gewalt gegen einen Polizeibeamten vor. Die Wahlkommission belegte ihn mit einem Kandidaturverbot. Später wurde Tichanowski außerdem beschuldigt, Massenunruhen organisiert und mit russischen Söldnern zusammengearbeitet zu haben.

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Dies rief seine Frau, die zuletzt vor allem Hausfrau und Mutter war, auf den Plan. Die ausgebildete Englisch- und Deutschlehrerin kandidierte statt ihres Mannes – und nahm dafür viel in Kauf. Denn unter dem seit 1994 amtierenden Lukaschenko gehen die Behörden massiv gegen die Opposition vor. Mehrere potenzielle Präsidentschaftskandidaten kamen ins Gefängnis, mehr als tausend Menschen wurden allein bei Wahlkampfveranstaltungen festgenommen.

Swetlana Tichanowskaja gibt ihren Stimmzettel in einem Wahllokal während der Präsidentschaftswahlen ab.
Swetlana Tichanowskaja gibt ihren Stimmzettel in einem Wahllokal während der Präsidentschaftswahlen ab. | Bild: dpa

Einen Tag vor der Wahl wurden auch zwei enge Vertraute von Tichanowskaja festgenommen – und am Abend des Urnengangs ließen die Sicherheitskräfte alle Zurückhaltung fallen: Brutal schritten sie gegen demonstrierende Oppositionsanhänger ein, landesweit wurden nach Angaben der Regierung rund 3000 Menschen festgenommen.

Ihre Kinder hat sie zur Sicherheit ins Ausland gebracht

Tichanowskaja scheint so etwas geahnt zu haben. Ihre Kinder im Alter von fünf und zehn Jahren hat sie bereits vor geraumer Zeit zur Sicherheit ins Ausland gebracht. „Glaubt Ihr etwa, dass ich keine Angst habe?“, rief Tichanowskaja bei einer Wahlveranstaltung in der Kleinstadt Maladsetschna Ende Juli tausenden Zuhörern zu. „Jetzt ist die Zeit, dass jeder seine Angst überwinden muss.“

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Und genau das haben am Wahltag wohl viele Belarussen gemacht. Das offizielle Ergebnis – 80 Prozent für Lukaschenko und zehn Prozent für Tichanowskaja – mag kaum jemand glauben. Auch die Bundesregierung erklärte in Berlin, sie habe „große Zweifel“ an dem Resultat; die Berichte über Wahlfälschungen seien „glaubhaft“. Und in Belarus gingen unzählige Menschen auf die Straße, um für Tichanowskaja und gegen den Wahlbetrug zu demonstrieren.

Symbolfigur des Widerstands

Tichanowskaja, die sich als „ganz normale Frau und Mutter“ gibt, ist ganz klar zur Symbolfigur des Widerstands geworden. Trat sie zu Beginn noch zögerlich und unsicher auf, hat sie mittlerweile ihren Ton gefunden. Und ihren wenigen, übersichtlichen Zielen konnten viele Belarussen folgen: ihren Mann und andere Oppositionelle befreien, ein Verfassungsreferendum abhalten und freie Wahlen ansetzen.

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Tichanowskajas Positionen zu anderen politischen Themen sind bisher allerdings vage geblieben – gerade in Bezug auf das Verhältnis zu Russland. Ins Straucheln geriet die 37-Jährige etwa, als sie auf den Konflikt um die Krim-Halbinsel zwischen den Nachbarländern Russland und Ukraine angesprochen wurde. Die Krim sei ukrainisch, aber de facto russisch, sagte sie und fügte hinzu: „Quälen Sie mich nicht weiter.“

Doch so sehr sie bei derartigen Fragen ins Schwimmen geriet, so klar zeigte sie sich am Montag bei der Einforderung ihres Wahlsieges: Ihre Landsleute hätten „ihre Angst, ihre Apathie und ihre Unentschlossenheit überwunden“ und sie zur Wahlsiegerin gemacht, sagte die 37-Jährige vor Journalisten in Minsk. Die Regierung müsse darüber nachdenken, „wie sie die Macht friedlich an uns übergeben kann“.

(AFP)