Mit dem Zuspruch hatte keiner gerechnet, weder die Veranstalter, noch die Polizei: Mehr als zehntausend Menschen haben am Samstag im Südwesten gegen Rassismus demonstriert. Der Blick geht in die USA – aber auch vor die eigene Haustüre.

Viel mehr Menschen gingen auf die Straße als erwartet

Angekündigt waren die Proteste eigentlich als „Silent Demos“, also stille Demonstrationen. Der Plan: Mit Transparenten und Körpersprache auf das Problem aufmerksam machen. Anlass ist der Tod des Afroamerikaners George Floyd, der am 25. Mai in den USA starb, nachdem ihm ein Polizist minutenlang ein Knie auf den Hals gedrückt hatte. Ganz so ruhig blieb es in Stuttgart dann doch nicht: Es gab Reden, Musik und „black lives matter“-Rufe.

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Und es kamen weit mehr Teilnehmer als erwartet: In Stuttgart waren 700 Teilnehmer angemeldet gewesen. Doch es strömten Tausende in den Schlosspark vor der Oper. In Mannheim kamen laut Polizei 6000 Menschen zu einer „Silent Demo“ zusammen, in Karlsruhe rund 3000. Darüber hinaus gab es weitere Demos mit teils mehr als 1000 Teilnehmern gegen Rassismus unter anderen Mottos, zum Beispiel in Karlsruhe, Tübingen und Konstanz.

„Black Lives Matter“ steht auf dem Mundschutz einer Teilnehmerin der Stuttgarter “Silent Demo„ gegen Rassismus und Polizeigewalt geschrieben.
„Black Lives Matter“ steht auf dem Mundschutz einer Teilnehmerin der Stuttgarter “Silent Demo„ gegen Rassismus und Polizeigewalt geschrieben. | Bild: Christoph Schmidt/dpa

Rassismus ist auch in Deutschland ein Problem

„Ich stehe heute hier, weil der Traum von Martin Luther King nicht in Erfüllung gegangen ist“, sagte der Demo-Mitorganisator Lionel Njoya in Stuttgart: Rassismus töte. Der von einem Polizisten getötete Floyd, die rechtsextremen Taten in Halle und Hanau – „all diese Vorfälle sind Teil einer langen Serie von Diskriminierung, rechtem Terror und Rassismus“ sagte Njoya. „Ist es noch ein Einzelfall, wenn es ständig irgendwo passiert?“ Rassismus begegne ihm im Fitnessstudio, im Zug, in den Medien oder im Urlaub. „Wann seht ihr mich endlich als Subjekt und nicht Vertreter einer Gruppe an“, fragte er.

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Ein Polizeisprecher sagte angesichts des großen Andrangs, es sei offensichtlich sehr vielen ein Anliegen gewesen. Eine Auflösung der Demo wäre unverhältnismäßig gewesen. Und eine Auflage aufgrund der Corona-Pandemie, dass nicht mehr als 700 Teilnehmer kommen dürfen, habe es auch nicht gegeben.

Zahlreiche Menschen nehmen in Stuttgart an einer Demonstration gegen Rassismus und Polizeigewalt teil.
Zahlreiche Menschen nehmen in Stuttgart an einer Demonstration gegen Rassismus und Polizeigewalt teil. | Bild: Christoph Schmidt/dpa

Nadia Asiamah hat die stillen Demonstrationen initiiert

Die „Silent Demos“ hatten ihren Anfang mit der Idee von Nadia Asiamah genommen. Die 22-jährige Stuttgarterin hatte die Demo in Stuttgart angemeldet. „Für mich war es nicht genug, wenn man auf Social Media postet. Man muss mehr dafür tun“, sagte Asiamah. Für sie ist es die erste Demo, die sie organisiert. Anfangs habe sie 20 Mitstreiter gesucht. Bald habe sich aber herausgestellt, dass viel mehr kommen wollen. Außerdem hätten sich bald auch Aktivisten aus anderen Städten gemeldet.

Mehr als 20 „Silent Demos“ waren schließlich am Samstag in ganz Deutschland angekündigt – nach dem Stuttgarter Vorbild. Die Demos wurden zwar von lokalen Organisationsteams angemeldet, gehen aber auf die Idee Asiamahs zurück, etwa was die Ausrichtung als „Silent Demo“ oder die Gestaltung der Flyer angeht.

Nadia Asiamah, Initiatorin der Stuttgarter „Silent Demo“, einer Demonstration gegen Rassismus und Polizeigewalt, hebt die Faust in die Höhe.
Nadia Asiamah, Initiatorin der Stuttgarter „Silent Demo“, einer Demonstration gegen Rassismus und Polizeigewalt, hebt die Faust in die Höhe. | Bild: Christoph Schmidt/dpa

Demo-Mitorganisator findet direkte Worte: Wegsehen sei unverzeihbar

Njoya sagte weiter in seiner Rede: Es sei immer einfach, mit dem Finger auf andere zu zeigen. „In meinen Augen sind Menschen, die ungerechte Zustände und ungerechte Taten sehen und wegsehen, schlimmer als die Täter, die sie begehen. Denn diese Menschen wissen, dass es Ungerechtigkeit ist und entscheiden sich trotzdem aktiv dafür, wegzusehen.“ Njoya setzte sich für friedliche Proteste ein: „Wir müssen nichts anzünden und zerstören, um Veränderung zu bringen. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir die Generation sind, die Veränderung bringen kann!“

Die Demos in Karlsruhe und Mannheim blieben laut Polizei friedlich, es habe keinerlei Probleme gegeben. Auch in Stuttgart sprach die Polizei zunächst von einem unspektakulären Verlauf. Später hieß es, am Rande der Demo sei es zu Vorfällen gekommen.

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(dpa)

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