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Das waren die Entwicklungen am Montag, 23. August:

19.20 Uhr: Bundeswehr weitet Evakuierungseinsatz aus

Die Evakuierungsaktion in der afghanischen Hauptstadt Kabul wird immer schwieriger und gefährlicher. Am Montagmorgen wurden deutsche Soldaten vor dem Flughafen erstmals in ein Feuergefecht mit unbekannten Angreifern verwickelt. Eine afghanische Sicherheitskraft wurde dabei getötet, drei weitere verletzt.

Wegen der dramatischen Situation und der teils blockierten Zugänge zum Flughafen ändert die Bundeswehr nun ihre Strategie und operiert auch außerhalb des geschützten Airports, um Menschen sicher zu den Evakuierungsflügen zu bringen. Es sei im Moment fast nicht mehr möglich, zum Flughafen zu gelangen, begründete Kramp-Karrenbauer den Schritt. „Deswegen müssen wir sehr viel stärker dazu übergehen, die Leute sozusagen abzuholen. Das tun wir.“

Das Verteidigungsministerium bestätigte die Rettung einer Münchner Familie, die nach Berichten von „Bild“ und „Spiegel“ von Elitesoldaten des Kommando Spezialkräfte (KSK) in den Flughafen gebracht wurde. Bei der Geheim-Operation „Blue Light“ hätten sich die deutschen Soldaten zu Fuß vorgearbeitet und eine 19-jährige Münchnerin, ihren kleinen Bruder und ihre Mutter gerettet, hieß es bei „Bild“ unter Berufung auf Sicherheitskreise. Die Operation habe rund eine Stunde gedauert.

Fallschirmjäger bereiten sich auf den bevorstehenden Einsatz während der Evakuierungsoperation vor. Nach der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan hat die Bundeswehr unter schwierigsten Bedingungen eine Luftbrücke zur Evakuierung von Deutschen und Afghanen eingerichtet.
Fallschirmjäger bereiten sich auf den bevorstehenden Einsatz während der Evakuierungsoperation vor. Nach der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan hat die Bundeswehr unter schwierigsten Bedingungen eine Luftbrücke zur Evakuierung von Deutschen und Afghanen eingerichtet. | Bild: Marc Tessensohn/Bundeswehr/dp

Bisher hatte sich die Evakuierungsmission der Bundeswehr auf das Flughafengelände beschränkt. Zwei Hubschrauber, die zur Evakuierung von gefährdeten Menschen aus dem Stadtgebiet nach Afghanistan gebracht worden waren, kamen bisher nicht zum Einsatz.

Es bleibt nicht mehr viel Zeit für die Rettungsaktion. Die militant-islamistischen Taliban, die vor gut einer Woche die Macht in Afghanistan übernommen haben, wollen einer Verlängerung der Evakuierungsmission westlicher Staaten über den 31. August hinaus nicht zustimmen. Diese Frist sei eine „rote Linie“, sagte ein Taliban-Sprecher dem britischen Nachrichtensender Sky News. „Wenn sie vorhaben, die Besatzung zu verlängern, wird das eine Reaktion hervorrufen“.

Die Bundesregierung versucht nun, eine Fortsetzung der Evakuierungsflüge nach dem für den 31. August geplanten Abzug der US-Truppen zu ermöglichen. Es würden mit den USA, der Türkei und den Taliban Gespräche geführt, um einen zivilen Weiterbetrieb des Flughafens für diesen Zweck zu erreichen, sagte Maas. Das könnte auch Thema beim Treffen der Staats- und Regierungschefs der großen westlichen Wirtschaftsmächte (G7) am Dienstag sein, an dem US-Präsident Joe Biden und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) teilnehmen.

16.40 Uhr: Lufthansa fliegt im Rahmen der Afghanistan-Luftbrücke mehr als 1500 Menschen nach Deutschland

Die Lufthansa hat in der ersten Woche ihrer Luftbrücke mehr als 1500 aus Afghanistan gerettete Menschen nach Deutschland ausgeflogen. Im Auftrag der Bundesregierung sei sie bis Montag zwölf Mal vom Luftwaffen-Drehpunkt im usbekischen Taschkent nach Deutschland geflogen, teilte das Unternehmen mit. Weitere Flüge seien geplant.

Nach Ankunft in Frankfurt am Main würden die Ankömmlinge von einem Lufthansa-Betreuungsteam mit Nahrung und Kleidung versorgt, erklärte das Unternehmen. Zudem werde eine medizinische sowie psychologische Erstversorgung angeboten. Für die vielen Kinder, die nun in Frankfurt landen, seien eine Spiele- und eine Malecke eingerichtet worden.

Die Menschen wurden von der Bundeswehr aus der afghanischen Hauptstadt Kabul nach Taschkent ausgeflogen. Den Weitertransport nach Deutschland besorgt dann im Auftrag des Auswärtigen Amts die Lufthansa.

14.26 Uhr: Bundeswehr hat fast 3000 Menschen aus Kabul ausgeflogen

Im Zuge der Evakuierungsaktion der Bundeswehr sind zwei weitere Flieger mit insgesamt 378 Schutzbedürftigen an Bord aus Kabul im usbekischen Taschkent gelandet. Das teilte die Bundeswehr am Montag auf Twitter mit. Einer der Militärtransporter des Typs A400M hatte auf seinem Hinflug in die afghanische Hauptstadt auch Hilfsgüter für die Menschen am Flughafen an Bord, darunter Lebensmittel und Kleidung.

Ankunft eines Airbus A400M der Bundeswehr mit Schutzbedürftigen aus Kabul. Die Bundeswehr hat weitere deutsche Staatsbürger und afghanische Ortskräfte aus Kabul evakuiert.
Ankunft eines Airbus A400M der Bundeswehr mit Schutzbedürftigen aus Kabul. Die Bundeswehr hat weitere deutsche Staatsbürger und afghanische Ortskräfte aus Kabul evakuiert. | Bild: Marc Tessensohn/Bundeswehr/dpa

Seit dem Start ihrer Evakuierungsaktion habe die Bundeswehr fast 3000 Menschen aus Kabul ausgeflogen, teilte das Verteidigungsministerium mit. Darunter waren laut Auswärtigem Amt mehr als 1800 Afghanen. „Wir evakuieren so lange es geht so viele wie möglich aus Afghanistan“, hieß es in einem Tweet. Wie viele der evakuierten Afghanen Ortskräfte etwa der Bundeswehr waren, ist unklar. Einige von ihnen könnten auch mit Flugzeugen anderer Länder ausgeflogen worden sein.

12.48 Uhr: Zoff bei Grün-Schwarz über Aufnahme von afghanischen Ortskräften

In der grün-schwarzen Koalition gibt es Streit über ein mögliches Landesprogramm zur Aufnahme von afghanischen Ortskräften. Hintergrund ist, dass CDU-Justizministerin Marion Gentges ein Landesprogramm, wie es Grünen-Landeschef Oliver Hildenbrand vorgeschlagen hatte, ablehnt. Es gebe deswegen „erheblichen Gesprächsbedarf“, hieß es am Montag in Stuttgart aus Grünen-Kreisen. Hildenbrand hatte am Freitag in einem Positionspapier erklärt: „Mit einem eigenen Landesaufnahmeprogramm für Menschen aus Afghanistan wollen wir getrennte Familien zusammenbringen.“ Das Papier sei mit der grünen Seite der Landesregierung und der grünen Fraktion abgestimmt, hieß es.

Gentges erklärte dagegen in einem Interview mit der „Stuttgarter Zeitung“ und den „Stuttgarter Nachrichten“ (Montag), man sei sich innerhalb der grün-schwarzen Landesregierung einig, dass man sich nur am Bundesprogramm zur Aufnahme der Ortskräfte beteiligen wolle. Die CDU-Politikerin fügte hinzu: „In einen gegenseitigen Überbietungswettbewerb zu gehen wird der Sache nicht gerecht.“

Nach der Machtübernahme durch die militant-islamistischen Taliban in Afghanistan infolge des Rückzugs ausländischer Streitkräfte will Deutschland Menschen aufnehmen, die als Übersetzer, Fahrer oder anderweitig für die Bundeswehr gearbeitet haben. Baden-Württemberg will demnach bis zu 1100 bedrohte Ortskräfte und Verwandte aufnehmen.

7.10 Uhr: Bundeswehr meldet Feuergefecht am Eingang zum Flughafen Kabul

Am Flughafen von Kabul hat es laut Angaben der Bundeswehr am Montagmorgen ein Feuergefecht zwischen afghanischen Sicherheitskräften und unbekannten Angreifern gegeben. Dabei sei eine afghanische Sicherheitskraft getötet und drei weitere verletzt worden, meldete die Bundeswehr im Onlinedienst Twitter. Im weiteren Verlauf des Gefechts seien auch US- und deutsche Soldaten beteiligt gewesen. Alle Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr seien unverletzt.

Das waren die Entwicklungen am Sonntag, 22. August:

20 Uhr: Lage in Kabul weiterhin kritisch – Sorge vor IS-Anschlägen wächst

Trotz einiger Zeichen der Entspannung am Flughafen der afghanischen Hauptstadt Kabul harren dort weiterhin Tausende verzweifelte Menschen bei großer Hitze und teils chaotischem Gedränge aus. Sieben Zivilisten kamen in einem Tumult ums Leben. Zugleich warnte die US-Regierung vor der Gefahr von Terroranschlägen am Airport.

Die Gefahr eines Anschlags der Terrormiliz Islamischer Staat am Flughafen Kabul oder in der Umgebung sei „real, akut und anhaltend“, sagte der Nationale Sicherheitsberater von US-Präsident Joe Biden, Jake Sullivan, am Sonntag im Sender CNN. Entsprechende Warnungen nehme man „absolut todernst“. Die militant-islamistischen Taliban und der regional aktive Zweig des IS sind verfeindet.

Die USA und ihre Verbündeten versuchen derzeit, so viele ihrer Staatsbürger sowie afghanische Ortskräfte wie möglich aus dem Land auszufliegen. Viele schaffen es jedoch derzeit gar nicht, den Flughafen zu erreichen. Ein großes Hindernis stellt dann das Gedränge vor den Toren des Flughafens dar. Nach Angaben aus US-Regierungskreisen haben US-Streitkräfte und ihre Koalitionspartner seit Beginn der US-Evakuierungsmission vor gut einer Woche mehr als 25.000 Menschen aus Kabul ausgeflogen.

Die G7-Staaten wollen am Dienstag auf einem Sondergipfel ihr Vorgehen in Afghanistan abstimmen, unter anderem bei den Evakuierungen. Für weitere Rettungsflüge bleibt absehbar nur noch eine gute Woche Zeit. Die USA wollen eigentlich zum 31. August den Abzug ihrer Truppen abschließen. Eine Fortführung des Evakuierungseinsatzes ohne die USA gilt als ausgeschlossen. Die britische Regierung, aber auch deutsche Politiker, setzten sich am Sonntag für eine Verlängerung der Rettungsmission ein.

Die USA aktivierten in einem seltenen Schritt dabei bereits die zivile Luftreserve und verpflichteten kommerzielle Fluggesellschaften zur Unterstützung. Dabei sollen 18 Flugzeuge von sechs US-Airlines helfen, Menschen von Zwischenstationen ans Ziel zu bringen, teilte das Pentagon mit. Kabul direkt anfliegen sollen sie nicht.

 

 

14 Uhr: Afghanin bringt Baby auf Landebahn in Ramstein zur Welt

Eine Afghanin auf der Flucht vor den Taliban hat auf der Landebahn der US-Luftwaffenbasis Ramstein ein Baby zur Welt gebracht. Die Frau befand sich in einer Maschine aus Nahost nach Deutschland, als ihre Wehen einsetzten, wie ein Sprecher des Stützpunktes am Sonntag sagte. Zudem gab es Komplikationen wegen niedrigen Blutdrucks – daher habe der Pilot die Flughöhe gesenkt, so den Luftdruck in der Maschine erhöht und damit geholfen, der werdenden Mutter das Leben zu retten.

Sie gebar ihr Baby demnach am Samstagnachmittag kurz nach der Landung noch im Flugzeug, mit der Hilfe von herbeigeeilten Sanitätern. Mutter und Kind seien wohlauf.

Eine afghanische Frau hat an Bord eines US-Evakuierungsflugzeugs auf der Landebahn in Ramstein ein Baby zur Welt gebracht.
Eine afghanische Frau hat an Bord eines US-Evakuierungsflugzeugs auf der Landebahn in Ramstein ein Baby zur Welt gebracht. | Bild: Air Mobility Command /dpa

Ramstein dient als Drehscheibe für Evakuierungen aus der afghanischen Hauptstadt, um den Stützpunkt in Katar zu entlasten. Bis Sonntagmittag kamen laut Sprecher 30 Maschinen auf der US-Basis in Rheinland-Pfalz an, insgesamt landeten so rund 5000 Menschen aus Afghanistan dort. Sie werden dort von US-Soldaten, deren Angehörigen sowie Freiwilligen betreut.

Am Flughafen von Kabul wird die Situation derweil immer dramatischer. Es werde weiter daran gearbeitet, so viele Schutzbedürftige „wie möglich“ aus Afghanistan zu retten, versicherte Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer. Doch den Nato-Staaten läuft bei ihren Rettungsaktionen die Zeit davon.

Nur noch wenige Tage – dann soll am 31. August die US-Evakuierungsmission am Kabuler Flughafen nach bisherigem Stand enden. Und ein Abzug der USA, das machten am Wochenende Brüssel und London unmissverständlich klar, würde ein Ende auch aller anderen westlichen Rettungsaktionen bedeuten. „Wenn die Amerikaner am 31. August abziehen, haben die Europäer nicht die militärische Kapazität, den Militärflughafen zu besetzen und zu sichern, und die Taliban werden die Kontrolle übernehmen“, warnte der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell.

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Die Aussicht auf ein baldiges Ende der westlichen Rettungsaktionen und eine neue Schreckensherrschaft der radikalislamischen Taliban versetzt zahlreiche Afghanen in Panik. Ein Journalist, der in dem Konvoi zum Flughafen gebracht wurde, beschrieb dramatische Szenen in der Stadt. Um den Bus habe sich eine riesige Menschentraube gebildet. „Sie haben uns ihre Pässe gezeigt und gerufen: „Nehmt uns mit, bitte nehmt uns mit.“

Verstörende Aufnahmen von der Situation im unmittelbaren Umfeld des Kabuler Flughafens veröffentlichte derweil der britische Sender Sky News. Auf den Videos sind mindestens drei in weiße Planen gehüllte Leichen zu sehen. Angesichts der Lage seien die Todesfälle „unausweichlich“, sagte Sky-Reporter Stuart Ramsay, der sich am Kabuler Flughafen befindet. Menschen würden in der Masse vor dem Flughafen „erdrückt“. Außerdem seien viele Menschen „dehydriert“ und hätten „große Angst“.

Sonntag, 22. August: Sieben Tote bei Gedränge vor Flughafen Kabul

Im Gedränge vor dem Kabuler Flughafen sind sieben Afghanen ums Leben gekommen. Wie das britische Verteidigungsministerium am Sonntag mitteilte, versammelten sich erneut tausende Menschen vor dem Flughafen in der afghanischen Hauptstadt, um das Land nach der Machtübernahme der radikalislamischen Taliban zu verlassen. Ein Sprecher bezeichnete die Bedingungen vor Ort als „nach wie vor äußerst schwierig“.

Das waren die Ereignisse am 21. August:

21.19 Uhr: US-Stützpunkt Ramstein Drehkreuz für Afghanistan-Flüge

Der weltweit größte US-Luftwaffenstützpunkt außerhalb der Heimat ist nun auch ein Drehkreuz für Flüchtlinge aus Afghanistan: Nach rund 300 Evakuierten am Freitagabend sind inzwischen viele weitere Menschen auf der Air Base im pfälzischen Ramstein gelandet. Bis Samstagabend wurden 2300 Evakuierte mit 17 Maschinen dorthin gebracht, wie die Pressestelle des US-Stützpunkts mitteilte. Ein Sprecher des Stützpunkts hatte der Deutschen Presse-Agentur zuvor gesagt, auch in den Folgetagen würden weitere Flüge erwartet. Ihre Zahl lasse sich vorerst noch nicht genau sagen.

Die ehemaligen Ortskräfte der USA in Afghanistan und ihre Familien, die aus Angst vor den militant-islamistischen Taliban ihre Heimat verlassen, kommen zunächst in Flugzeughangars der Air Base unter. „Nach ihren Registrierungen und medizinischen Erstleistungen sollen sie in die USA geflogen werden“, erklärte der Sprecher. Details entscheide das US-Außenministerium.

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Die am Freitagabend in Ramstein gelandeten ersten rund 300 Evakuierten kamen laut der Air Base in zwei C-17-Transportmaschinen der US-Luftwaffe von einem Zwischenstopp auf deren Stützpunkt in Katar. Dieser sei kleiner und habe weniger Platz für einen Aufenthalt von Schutzsuchenden. In Ramstein ist laut dem Sprecher vorerst nicht vorgesehen, dass die Afghanen das Militärgelände verlassen. Der Kreis Kaiserslautern habe zwar netterweise schon Hilfe angeboten, zunächst habe die Air Base aber selbst noch genug Platz und Kapazitäten.

Brigadegeneral Josh Olson, Kommandeur des dortigen 86. Lufttransportgeschwaders, sagte laut Mitteilung: „Das Personal in Ramstein arbeitet unermüdlich, um den Evakuierten einen sicheren Platz zum Durchatmen zu bieten. Ich bin unglaublich stolz auf die Anpassungsfähigkeit unseres Teams, um diese Herkulesaufgabe in kürzester Zeit zu realisieren.“ Hunderte von Angehörigen mehrerer Geschwader der Air Base hatten nach ihren Angaben die Aufnahme ehemaliger Ortskräfte vorbereitet. Nach der Machtübernahme der Taliban in ihrer Heimat fürchten sie dort um ihr Leben.

17.48 Uhr: Botschaft in Kabul: Grundsätzlich sicherer, zu Hause zu bleiben

Die deutsche Botschaft in Kabul hat dazu aufgerufen, angesichts der unübersichtlichen Lage am Flughafen und in der Stadt zu Hause oder an einem geschützten Ort zu bleiben. „Der Zugang zum Flughafen Hamid Karzai International Airport ist derzeit nur sehr eingeschränkt möglich. Das North Gate ist bis auf weiteres geschlossen“, hieß es in einem Landsleutebrief, der am Samstagabend (Ortszeit) verschickt wurde. „Derzeit ist es grundsätzlich sicherer, zu Hause oder an einem geschützten Ort zu bleiben.“ Es seien aber weiterhin Evakuierungsflüge der Bundeswehr geplant.

Am Samstag hatte die Bundeswehr mit zwei Flügen lediglich 15 Menschen von Kabul in die usbekische Hauptstadt Taschkent bringen können. Ein Augenzeuge berichtete der Deutschen Presse-Agentur von Tausenden Menschen, die am Flughafen in Kabul ausharrten. Für Samstag waren laut Verteidigungsministerium bis zu sechs Evakuierungsflüge geplant. Es war allerdings zunächst unklar, wie Passagiere angesichts des weiter geschlossenen Zugangstores und der Menschenmassen dort diese Flüge erreichen können.

12.07 Uhr: Afghanistan-Veteranen der Bundeswehr fragen vermehrt nach psychologischer Beratung – Verbandsvize: Erneute Traumatisierung durch Machtübernahme der Taliban

Seit der Machtübernahme durch die radikalislamischen Taliban wächst der Bedarf an psychologischer Beratung bei Afghanistan-Veteranen der Bundeswehr. Die Anfragen und Kontaktaufnahmen von ehemaligen Bundeswehrangehörigen wie auch von Familienangehörigen hätten „in den vergangenen Tagen sprunghaft zugenommen“, sagte der stellvertretende Vorsitzende des Bundes Deutscher Einsatzveteranen, David Hallbauer, den Zeitungen der Funke Mediengruppe (Samstagsausgabe).

Hallbauer betonte: „Die dramatischen Ereignisse in Afghanistan haben bei etlichen Veteraninnen und Veteranen zu einer Retraumatisierung geführt.“ Sie hätten derzeit „enormen Gesprächsbedarf oder suchen psychologischen Beistand“. Viele frühere Soldatinnen und Soldaten stellten sich seit der Machtübernahme der Taliban die Sinnfrage. „Sie haben den Eindruck, dass ihr monatelanger, harter Einsatz – oft unter Todesangst – letztlich vergebens war, und Erfolge aus 20 Jahren Afghanistaneinsatz jetzt von den Taliban mit einem Schlag zunichte gemacht werden“, sagte Hallbauer. Viele Veteranen würden denken, was sie dort geleistet hätten, habe nichts gebracht. „Das setzt vielen ehemaligen Soldatinnen und Soldaten ungeheuer zu“, hob Hallbauer hervor.

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Auch Familienmitglieder von ehemaligen Bundeswehrangehörigen würden sich derzeit vermehrt für Beratungsgespräche melden. Sie suchten Rat, „wie sie mit dem Trauma ihres Angehörigen umgehen können“. Hallbauer betonte: „Es ist für viele Familien im Moment eine sehr schwierige Situation.“

10.54 Uhr: Über Kabuler Flughafenmauer gereichtes Baby nach Behandlung wieder bei Vater

Ein Baby, das am Flughafen der afghanischen Hauptstadt Kabul über eine Mauer mit Stacheldraht hinweg an US-Soldaten übergeben wurde, ist nach einer medizinischen Behandlung wieder bei seinem Vater. Pentagon-Sprecher John Kirby äußerte sich am Freitag zu dem Vorfall, der auf einem Video festgehalten wurde und viel Mitgefühl auslöste.

„Das Elternteil hat die Marineinfanteristen gebeten, sich um das Baby zu kümmern, weil das Baby krank war“, sagte Kirby. Der US-Soldat habe das Kleinkind deswegen über die Mauer gezogen und zu einem norwegischen Krankenhaus auf dem Flughafengelände gebracht. Auf dem Video ist zu sehen, wie der Soldat das Baby an einen anderen Soldaten weiterreicht.

20.08.2021, Afghanistan, Kabul: In diesem vom US Marine Corps zur Verfügung gestellten Foto tröstet ein US-Soldat ein Kleinkind während einer Evakuierung am Hamid Karzai International Airport.
20.08.2021, Afghanistan, Kabul: In diesem vom US Marine Corps zur Verfügung gestellten Foto tröstet ein US-Soldat ein Kleinkind während einer Evakuierung am Hamid Karzai International Airport. | Bild: Sgt. Isaiah Campbell/U.S. Marine Corps/AP/dpa

„Sie haben das Kind behandelt und das Kind seinem Vater zurückgegeben“, sagte Kirby. Er sprach von einem „Akt des Mitgefühls“ der US-Soldaten. Wo sich das Baby und sein Vater inzwischen befinden, konnte der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums nicht sagen. „Ich weiß nicht, wo sie jetzt sind.“ Er wisse auch nicht, ob der Vater möglicherweise eine afghanische Ortskraft sei, die sich um ein Sondervisum für die USA bewerbe.

8.17 Uhr: Rund eine Woche nach der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan ist der Taliban-Mitbegründer Mullah Abdul Ghani Baradar zu Gesprächen über eine Regierungsbildung in Kabul eingetroffen.

Baradar werde „mit Dschihadistenführern und Politikern zusammentreffen, um eine inklusive Regierung zu bilden“, sagte ein hochrangiger Taliban-Beamter am Samstag gegenüber der Nachrichtenagentur AFP. Das Führungsmitglied der Taliban war am Dienstag nach Afghanistan zurückgekehrt.

Baradar wird als möglicher neuer Regierungschef gehandelt, die Taliban selbst haben jedoch noch keine genaueren Angaben zur geplanten Regierung gemacht. Der Taliban-Mitbegründer war im Jahr 2010 in Pakistan inhaftiert worden, bis er 2018 auf Druck der USA freigelassen und nach Katar überführt wurde.

Baradar hatte zuletzt das politische Büro der Taliban in Katar geleitet. Er verantwortete unter anderem die Unterzeichnung eines Abkommens mit der Regierung des damaligen US-Präsidenten Donald Trump im Februar 2020, das den Abzug der US-Truppen aus Afghanistan regelte.

Das waren die Entwicklungen am Freitag, 20. August:

21.40 Uhr: Zweiter Deutscher auf dem Weg zum Flughafen Kabul verletzt

In der Nähe des Flughafens Kabul in Afghanistan ist ein weiterer Deutscher verletzt worden. Das erfuhr die Deutsche Presse-Agentur am Freitag aus dem Auswärtigen Amt. Es soll eine leichte Verletzung sein. Ob es sich um eine Schussverletzung handelt, blieb zunächst unklar. Bereits zuvor war bekannt geworden, dass ein anderer Deutscher auf dem Weg zum Flughafen angeschossen wurde. Einer der beiden Verletzten wurde bereits ins usbekische Taschkent ausgeflogen. Der andere ist transportfähig, hält sich aber weiterhin in Kabul auf.

20.30 Uhr: USA und Verbündete bringen Tausende Menschen aus Kabul in Sicherheit

Die Bundeswehr hat bei ihrem größten Evakuierungseinsatz bislang mehr als 1700 Menschen aus Afghanistan in Sicherheit gebracht. Wie die Bundeswehr weiter mitteilte, handelt es sich dabei um Deutsche, afghanische Ortskräfte sowie Menschen aus insgesamt 36 weiteren Ländern. Den mit Abstand größten Teil an Schutzsuchenden flog die US-Armee aus. US-Präsident Joe Biden erklärte, seit dem Start der Mission vor etwa einer Woche seien rund 13 000 Menschen evakuiert worden. Allein am Donnerstag seien es 5700 gewesen.

Auch andere westliche Staaten haben nach der Machtübernahme der militant-islamistischen Taliban Luftbrücken gestartet. Tausende Menschen warten aber immer noch in zunehmender Verzweiflung auf eine Möglichkeit, Afghanistan verlassen zu können. Wie viele Schutzsuchende die USA genau in Sicherheit bringen müssen, ist nach Angaben des Verteidigungsministeriums unklar. Biden sprach am Donnerstag von etwa 50.000 bis 65.000 Helfern einschließlich ihrer Familien. Die US-Streitkräfte wollen die Zahl der täglich ausgeflogenen Menschen deutlich steigern. Flugzeuge stehen dem Pentagon zufolge für 5000 bis 9000 Menschen pro Tag bereit.

Die Regierung in London hatte angekündigt, täglich rund 1000 Menschen auszufliegen. Dieses Ziel sei in den vergangenen 24 Stunden erreicht worden, sagte Verteidigungsstaatssekretär James Heappey am Freitag. Frankreichs Außenministerium teilte mit, bis Donnerstagabend seien knapp 500 Menschen ausgeflogen worden. Darüber hinaus seien bereits zwischen Mai und Juli Hunderte Franzosen und afghanische Ortskräfte in Erwartung der aktuellen Krise außer Landes gebracht worden. Spanien hat mehr als 160 Menschen ausgeflogen. Eine weitere zweite Maschine startete am Freitagmorgen mit 110 Spaniern und Afghanen, wie Ministerpräsident Pedro Sánchez auf Twitter mitteilte. Insgesamt wolle Spanien rund 600 Menschen aus Afghanistan in Sicherheit bringen, berichtete die Tageszeitung „El Mundo“ unter Berufung auf die Regierung.

Italien hat im Zuge der Operation „Aquila Omnia“ eine Luftbrücke mit acht Militär-Transportflugzeugen eingerichtet. Die Menschen werden von Kabul nach Kuwait ausgeflogen und von dort weiter nach Italien. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums evakuierte Italien (Stand Freitagmorgen) seit Juni rund 900 frühere afghanische Mitarbeiter und ihre Familien. Ungefähr 800 davon wurden nach Italien gebracht. Mehr als 1500 italienische Soldaten seien an dem Einsatz beteiligt.

16.20 Uhr: Chaos, Gewalt und Panik am Flughafen Kabul werden immer größer

Angesichts eines wachsenden Zeitdrucks werden Chaos, Gewalt und Verzweiflung rund um den Flughafen von Afghanistans Hauptstadt Kabul immer größer. Tausende Afghanen hoffen immer noch auf eine Gelegenheit, sich nach der Machtübernahme der militant-islamistischen Taliban mit westlichen Flügen in Sicherheit zu bringen. Clarissa Ward vom US-Sender CNN beschrieb herzzerreißende Szenen und sprach vom „Überleben der Stärksten.“

Auf dem Weg zum Flughafen erlitt ein Deutscher, ein Zivilist, eine Schussverletzung. Zuvor hatte eine Beraterin der afghanischen Mission bei den Vereinten Nationen in den USA auf Twitter geschrieben, einem Familienmitglied sei am Donnerstag am Flughafen Kabul in den Kopf geschossen worden.

Trotz aller Gefahren hielt der Ansturm von Menschen, die auf das Flughafengelände gelangen wollen, den fünften Tag in Folge an. Taliban-Kämpfer feuerten am Eingang zum zivilen Teil des Flughafens in die Luft und schlugen mit Peitschen, um die Leute zu vertreiben, wie ein Augenzeuge der Deutschen Presse-Agentur dpa berichtete.

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Am Flughafen gibt es einen zivilen und einen militärischen Bereich. Die Menge am Zugang zum militärischen Teil sei groß und unberechenbar, berichtete ein Reporter des US-Senders CNN. Bilder zeigten, wie US-Soldaten in die Luft schossen, damit die Menschenmenge von den Außenmauern zurückweicht.

CNN-Reporterin Ward berichtete, wie in zwei Fällen afghanische Frauen ihre Babys US-Soldaten zugeworfen hätten, die in Höhe der Mauerkante innerhalb des Flughafenbereichs standen. Es gebe keinen Mechanismus, um die Menschen abzufertigen. Es gebe keine Zelte, in denen Frauen mit ihren Babys bei 35 Grad Celsius Schutz suchen könnten.

In einem Schreiben der deutschen Botschaft an Menschen, die auf einen Flug hoffen, hieß es: „Die Lage am Flughafen Kabul ist äußerst unübersichtlich. Es kommt an den Gates immer wieder zu gefährlichen Situationen und bewaffneten Auseinandersetzungen. Der Zugang zum Flughafen ist derzeit möglich. Zwischendurch kann es aber immer wieder kurzfristig zu Sperrungen der Tore kommen, auch weil so viele Menschen mit ihren Familien versuchen, auf das Gelände zu kommen. Wir können Sie leider nicht vorab informieren, wann die Tore geöffnet sein werden.“

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Die Nerven liegen bei vielen Menschen auch deshalb blank, weil der Zeitdruck wächst: Die USA wollen eigentlich bis zum 31. August den Abzug ihrer Truppen aus Afghanistan abschließen. Vom Schutz durch die derzeit 5200 US-Soldatinnen und -Soldaten hängen aber die Evakuierungseinsätze anderer Streitkräfte wie beispielsweise der Bundeswehr ab.

12.02 Uhr: Deutscher auf dem Weg zum Flughafen Kabul angeschossen

In der angespannten Lage in der afghanischen Hauptstadt Kabul ist ein Deutscher auf dem Weg zum Flughafen durch Schüsse verletzt worden. Es handele sich dabei um einen Zivilisten, sagte Vize-Regierungssprecherin Ulrike Demmer am Freitag in Berlin. Bei dem Mann bestehe keine Lebensgefahr. Er solle demnächst aus Kabul aufgeflogen werden. Laut Demmer wurden bisher mehr als 1600 Menschen von der Bundeswehr aus der afghanischen Hauptstadt in Sicherheit gebracht.

Bald sollen zwei Hubschrauber die Evakuierungsaktion unterstützen. Wie ein Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums in Berlin sagte, wurden die Helikopter bereits zum Transport nach Afghanistan verladen. Sie sollten dort schnellstmöglich zum Einsatz kommen.

Denkbar sei unter anderem die Rettung einzelner Menschen aus „Gefahrenlagen“ oder deren Abholung von abgelegenen Orten, sagte der Sprecher. Die Helikopter sollten insgesamt dafür sorgen, dass die Bundeswehr vor Ort ein „erweitertes Handlungsspektrum“ erhalte.

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7.16 Uhr: Über 9000 Menschen bisher bei Rettungsaktion aus Kabul ausgeflogen

Angesichts der dramatischen Lage in Afghanistan seit der Machtübernahme der radikalislamischen Taliban haben westliche Länder inzwischen weit über 9000 Menschen aus Kabul ausgeflogen – und Tausende warten immer noch verzweifelt auf ihre Rettung. Die Bundeswehr flog bis spät in die Nacht zum Freitag deutsche Staatsbürger und afghanische Ortskräfte aus Kabul aus, insgesamt nun mehr als 1640 Menschen. Gleichzeitig laufen weltweit hektische diplomatische Bemühungen, um in der Krise international eng zusammenzuarbeiten.

Ein Marine der 24. Marine Expeditionary Unit (MEU) sorgt für Sicherheit während einer Evakuierung am Hamid Karzai International Airport. Die US-Marines unterstützen das Außenministerium bei einem geordneten Abzug des vorgesehenen Personals in Afghanistan.
Ein Marine der 24. Marine Expeditionary Unit (MEU) sorgt für Sicherheit während einer Evakuierung am Hamid Karzai International Airport. Die US-Marines unterstützen das Außenministerium bei einem geordneten Abzug des vorgesehenen Personals in Afghanistan. | Bild: U.S. Marines/ZUMA Press Wire Service/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Zuletzt landete eine Transportmaschine der Bundeswehr vom Typ A400M mit 181 Menschen an Bord in der Nacht in der usbekischen Hauptstadt Taschkent. Zuvor war ein A400M mit 184 Menschen an Bord aus der afghanischen Hauptstadt eingetroffen. „Bisher wurden in elf Umläufen über 1640 Menschen aus Afghanistan evakuiert“, teilte die Bundeswehr im Onlinedienst Twitter mit. Die USA meldeten am Donnerstag, sie hätten in den vergangenen fünf Tagen rund 7000 Menschen aus Kabul ausgeflogen. Auch andere westliche Länder haben bereits hunderte Landsleute ausgeflogen, darunter Frankreich, die Türkei oder Großbritannien.

Am Flughafen der Stadt warten aber weiter tausende Afghanen, um einen Platz in einem rettenden Flieger zu bekommen. Nach unbestätigten Berichten gab es mehrere Tote am Flughafen, wo sich die Menschen in einem Streifen zwischen US-Soldaten und Taliban drängen.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron plädierte für eine enge internationale Zusammenarbeit in der Krise. In einem eineinhalbstündigen Telefongespräch mit dem russischen Staatschef Wladimir Putin vereinbarten beide nach Angaben des Elysée-Palasts, sich in den nächsten Tagen und Wochen eng abzustimmen – bilateral ebenso wie im Rahmen des UN-Sicherheitsrates und der G20. Bundeskanzlerin Angela Merkel will am Freitag bei einem Besuch in Moskau mit Putin auch über Afghanistan sprechen.

Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) stand derweil weiter wegen der von ihm selbst eingestandenen Fehleinschätzungen zur Lage in Afghanistan unter Druck, die mit zu der höchst riskanten Evakuierungsaktion der Bundeswehr in Kabul führte. Vize-Kanzler und SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz nahm ihn in Schutz, Maas sei „die flasche Adresse“. Auch gehe es jetzt vor allem um die Evakuierungsmission, sagte er der „Rheinischen Post“.

Auch Unionskanzlerkandidat Armin Laschet (CDU) wandte sich gegen kurzfristige personelle Konsequenzen. „Die Fehler müssen wir aufklären, aber nicht inmitten eines gefährlichen Einsatzes der Bundeswehr, um Menschenleben zu retten“, hob er in der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ hervor. Laschet plädierte zudem für einen direkten Dialog mit den Taliban, um den Menschen zu helfen, die aus Afghanistan hinaus wollten.

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Das waren die Entwicklungen am Donnerstag, 19. August:

21 Uhr: Womöglich noch Hunderte Deutsche in Afghanistan

Die Bundeswehr hat seit Montag mehr als 1000 Menschen aus Afghanistan in Sicherheit gebracht. Unter den Geretteten waren bis zum frühen Donnerstagabend neben afghanischen Ortskräften und anderen Hilfsbedürftigen 244 deutsche Staatsbürger – weit mehr als ursprünglich erwartet. Und immer noch könnten sich mehrere hundert im Land aufhalten. Auf der Krisenliste des Auswärtigen Amts hat sich inzwischen „eine mittlere dreistellige Zahl“ Deutscher registriert, wie die Deutsche Presse-Agentur aus dem Ministerium erfuhr. Ursprünglich waren es knapp 100. Viele haben sich wegen der dramatischen Lage in Afghanistan nach der Machtübernahme der Taliban nachgemeldet.

In Frankfurt landeten am Donnerstag weitere Maschinen mit Hunderten Geretteten. Nach ihrer Landung in Deutschland berichteten Passagiere von schlimmen Erlebnissen und chaotischen Verhältnissen am Flughafen in Kabul. Er habe Tote gesehen und Schüsse gehört. „Es ist schrecklich“, sagte Mahmud Sadjadi. „Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit. Nur Chaos“, beschrieb er die Zustände in Kabul.

Sadjadi, der sich drei Wochen in Kabul aufgehalten hatte, sagte, insbesondere am Flughafen der afghanischen Hauptstadt sei es gefährlich. „Man muss beispielsweise auch durch eine Barriere der Taliban durchgehen.“ Afghanische Sicherheitskräfte hätten geschossen. Er habe mitbekommen, wie Menschen gestorben seien. Ohne Pass sei kein Durchkommen zum Flughafen möglich gewesen.

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18 Uhr: Afghanistan-Debakel könnte Untersuchungsausschuss nach sich ziehen

Die von der Bundesregierung bereits eingestandene Fehleinschätzung der Lage in Afghanistan könnte einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss nach sich ziehen. Politiker von Grünen, FDP und Linken behielten sich heute die Einsetzung eines solchen Gremiums im Bundestag nach der Wahl am 26. September vor.

Die Opposition wirft der Regierung vor, die Ausreise der afghanischen Helfer von Bundeswehr und Bundesregierung verschleppt zu haben. „Es wäre absolut notwendig, dieses Riesendesaster und die unglaublich große Zahl von Fehlern aufzuarbeiten“, sagte der Grünen-Außenpolitiker Omid Nouripour. Man wolle aber zunächst die für Mittwoch kommender Woche geplante Regierungserklärung Merkels abwarten.

Nouripour beklagte, dass Maas und Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer in den Sondersitzungen der Bundestagsausschüsse für Auswärtiges und Verteidigung zentrale Fragen nicht beantwortet hätten. „Wäre das Ende der Legislaturperiode nicht schon in neun Wochen, hätten wir nach den nichtssagenden Auftritten von Maas und Kramp-Karrenbauer den Antrag schon gestellt.“

Selbst die CSU-Abgeordnete Andrea Lindholz zeigte sich dafür offen: „Sogar einen Untersuchungsausschuss will ich nicht für ausgeschlossen halten“, sagte die Vorsitzende des Bundestags-Innenausschusses. Dazu passt, dass nun auch CSU-Chef Markus Söder die Bundesregierung angreift – und gleichzeitig Alarm schlägt, was die Umfragewerte der Union im Wahlkampf angeht. „Insgesamt gibt die Bundesregierung kein starkes Bild in dieser Situation ab“, sagte Söder nach einer Sitzung des CSU-Parteipräsidiums in München. „Das reicht nicht! Es reicht nicht, nur zu sagen: „Sorry, wir haben uns verschätzt.““

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14 Uhr: Bundeswehr-General an Flughafen Kabul befürchtet weitere Eskalation – „Wir sehen die verzweifelten Augen der Afghanen“

Der Leiter der Bundeswehr-Evakuierungsmission am Flughafen der afghanischen Hauptstadt Kabul hat vor einer weiteren Eskalation der instabilen Lage dort gewarnt. „Ich befürchte, dass sich das Ganze noch zuspitzen wird“, sagte Brigadegeneral Jens Arlt am Donnerstag in einem Telefon-Briefing für Journalisten. Die Lage am Flughafen sei derzeit „dramatisch“.

Es gebe vor dem Airport einen Ansturm verzweifelter Menschen, die das Land verlassen wollen. „Wir sehen die verzweifelten Augen der Afghanen und der Staatsbürger anderer Nationen“, sagte der General. „Die Personen, die nach innen wollen, haben das Gefühl, dass die Zeit ihnen davonläuft.“ Unter den Ausreisewilligen spielten sich „dramatische Szenen“ ab. Arlt berichtete davon, dass im Umfeld des Flughafens regelmäßig Schüsse von afghanischen Kräften abgegeben würden.

Für die Bundeswehrkräfte bestünden große Schwierigkeiten, die Ausreisenden zu identifizieren und sicher zum Flughafen zu bringen, sagte Arlt. Zum einen sei es für viele Ausreisewillige schwierig, überhaupt zum Flughafen zu kommen, weil sie von Taliban-Kontrollpunkten aufgehalten würden. Zum anderen sei das Chaos auf dem Flughafengelände dermaßen groß, dass selbst diejenigen, die es bis dorthin geschafft haben, oft nicht bis zum Abflug-Gate gelangten.

Die Bundeswehrkräfte wagten sich deshalb auf das Gelände vor dem Flughafengebäude vor, um dort die Menschen zu finden, die ausgeflogen werden sollten. Es werde versucht, „wie die Nadel im Heuhaufen jemanden herauszupicken“, sagte Arlt. Diese Menschen müssten „dann in den inneren Bereich des Flughafens gebracht werden, das ist die große Herausforderung“.

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Größere Menschengruppen könnten auf diese Art und Weise aber nicht zum Gate gebracht werden: „Das führt sofort zu einem riesigen Auflauf, und die Menschenmassen drücken sofort rein“, sagte der Brigadegeneral.

Zu Berichten, dass Ausreisewillige, die von der Luftwaffe ausgeflogen werden sollten, am Flughafen Kabul von US-Kräften abgewiesen worden seien, sagte Arlt: „Dass es in Einzelfällen dazu kommen kann, möchte ich gar nicht ausschließen.“ Eigentlich müssten aber alle Ausreisewilligen, die über die nötigen Dokumente verfügten und deren Name auf den Ausreiselisten stehe, durchgelassen werden.

11.05 Uhr: Merkel will Regierungserklärung im Bundestag zu Afghanistan abgeben

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) will dem Bundestag in der kommenden Woche in einer Regierungserklärung Auskunft über die Afghanistan-Politik ihrer Regierung geben. Die Kanzlerin werde in der Sondersitzung des Bundestags am kommenden Mittwoch das Wort ergreifen, sagte ein Regierungssprecher am Donnerstag.

Forderungen nach einer solchen Regierungserklärung waren in den vergangenen Tagen von Oppositionspolitikern erhoben worden. Sie werfen der Bundesregierung Versagen in der Afghanistan-Politik vor.

Die Kritik zielt insbesondere darauf ab, dass die Bundesregierung nicht auf die schnelle Machtübernahme der radikalislamischen Taliban vorbereitet gewesen sei und die einheimischen Ortskräfte nicht rechtzeitig in Sicherheit gebracht habe.

Der Bundestag soll auf der Sondersitzung nachträglich seine Zustimmung zu der Evakuierungsmission der Bundeswehr am Kabuler Flughafen erteilen. Zudem will er über das milliardenschwere Wiederaufbaupaket für die Hochwasser-Gebiete im deutschen Südwesten diskutieren.

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7.13 Uhr: Bundeswehr hat bislang mehr als 900 Menschen aus Kabul ausgeflogen

Die Bundeswehr hat bislang mehr als 900 deutsche Staatsbürger und afghanische Ortskräfte aus Kabul ausgeflogen. Die Evakuierungsflüge wurden in der Nacht zu Donnerstag fortgesetzt, wie das Einsatzführungskommando der Bundeswehr auf Twitter mitteilte. Zuletzt startete demnach um 01.46 Uhr (MESZ) eine Maschine vom Typ A400M „mit über 200 zu Evakuierenden an Bord aus Kabul“.

Die Menschen werden in die usbekische Hauptstadt Taschkent ausgeflogen. Von dort sollen sie weiter nach Deutschland gebracht werden. Zuvor war eine weitere Maschine nach Angaben des Einsatzführungskommandos direkt aus Deutschland über Baku nach Kabul geflogen. Zusätzlich „zu den an Bord befindlichen Paletten mit Versorgungsmaterial aus Deutschland“ seien „noch 15 zu evakuierende Personen aufgenommen“ worden.

Das waren die Entwicklungen am Mittwoch, 18. August:

18 Uhr: Taliban treffen politische Kräfte – Evakuierungen nehmen Fahrt auf: Das ist der aktuelle Stand

Wenige Tage nach der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan hat der deutsche Evakuierungseinsatz heute Fahrt aufgenommen. Das Kabinett brachte nachträglich das für den Einsatz nötige Bundestagsmandat auf den Weg. In Afghanistan selbst führten die Taliban erste Gespräche mit politischen Kräften des Landes. Die Lage rund um den Flughafen der Hauptstadt Kabul blieb unübersichtlich.

Der Bundeswehr-Einsatz zur Evakuierung Deutscher sowie afghanischer Ortskräfte gewann zuletzt an Tempo. Zwei Militärmaschinen vom Typ A400M pendeln nun zwischen Kabul und der usbekischen Hauptstadt Taschkent. Sie flogen bis heute Nachmittag insgesamt 452 Menschen aus.

Im Bundestag beschäftigten sich die Ausschüsse für Verteidigung und Außenpolitik mit der überraschend schnellen Machtübernahme der Taliban. Die Opposition warf der Bundesregierung Schönfärberei und Versagen bei der Lageeinschätzung in den letzten Wochen vor. Aber auch im Koalitionslager gibt es Unmut. Der CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen bezeichnete die Situation in Afghanistan als „dramatischen Scherbenhaufen“.

Wie genau das Land in Zukunft geführt werden soll, ist unklar. Ex-Präsident Hamid Karsai und der Leiter des Hohen Rates für Nationale Versöhnung Abdullah Abdullah sprachen heute mit dem hochrangigen Taliban-Mitglied Anas Hakkani. Ein Mitarbeiter Karsais teilte mit, es sei um Pläne und weitere Treffen gegangen, wenn die politische Führung der Taliban-Bewegung in Kabul eingetroffen sein werde.

Am Flughafen Kabul hat sich die Lage etwas beruhigt. In den Straßen rund um das Flughafengelände hielten sich heute jedoch weiter Hunderte Kinder, Frauen und Männer auf – in der Hoffnung, das Land verlassen zu können. Die Bundesländer bereiten sich schon darauf vor, kurzfristig mehrere tausend ausgeflogene Afghanen aufzunehmen.

15.21 Uhr: Südwesten will 1100 afghanische Ortskräfte und Verwandte aufnehmen

Nach der Machtübernahme durch die militant-islamistischen Taliban in Afghanistan will Baden-Württemberg von dort bis zu 1100 bedrohte Ortskräfte und Verwandte aufnehmen. Die evakuierten Menschen würden nach dem sogenannten Königsteiner Schlüssel auf die Bundesländer verteilt, sagte ein Sprecher des Justizministeriums der dpa am Mittwoch. Auf Baden-Württemberg entfielen daher 13 Prozent der Betroffenen.

Bei bundesweit nicht mehr als rund 8000 weiteren Ortskräften, von denen derzeit ausgegangen werde, sei die Zahl für Baden-Württemberg „überschaubar“. Etwa 300 weitere Menschen, die in den vergangenen Jahren für deutsche Organisationen gearbeitet haben, seien in den vergangenen Monaten bereits aufgenommen worden.

Die Afghanen und ihre Verwandten werden nach Angaben des Justizministeriums direkt über die Landrats- und Bürgermeisterämter auf die Kreis und Kommunen verteilt. „In der Erstaufnahme müssen in Baden-Württemberg folglich keine zusätzlichen Plätze bereitgestellt werden“, sagte der Sprecher.

Allerdings ist nach Einschätzung der baden-württembergischen Justizministerin Marion Gentges nicht sicher, wie hoch die Zahl der Aufnahmen am Ende sein wird. Es sei „gegenwärtig völlig unklar, wieweit und in welchem Umfang weitere Ortskräfte aus Afghanistan nach Baden-Württemberg kommen werden“, heißt es in einem Schreiben der CDU-Ministerin an den Städte- und den Landkreistag, die Landräte und Oberbürgermeister der Stadtkreise. Die Lage vor Ort sei auch für den Bund mehr als unübersichtlich. Sie forderte schnelle Gespräche zwischen dem Bund und den Ländern „über weitere Folgen und Konsequenzen“.

13.40 Uhr: Hunderte Afghanen warten rund um Flughafen

Nach der faktischen Machtübernahme der militant-islamistischen Taliban harren in Afghanistans Hauptstadt Kabul weiterhin Hunderte Menschen rund um den Flughafen aus. Das berichteten Augenzeugen. Kinder, Frauen und Männer hielten sich in den Straßen um das Flughafengelände auf. Viele hätten dort auch übernachtet.

Viele Afghanen versuchen aktuell, das Land zu verlassen. Allerdings ist der Flughafen nur eingeschränkt in Betrieb. Derzeit bemühen sich zahlreiche westliche Länder, ihre Staatsbürger und Ortskräfte, die Angst vor Racheaktionen der Taliban haben, aus Afghanistan in Sicherheit zu bringen.

In der Stadt kursieren fälschlicherweise Gerüchte, wonach alle, die es auf den Flughafen schaffen, auch evakuiert werden. Deshalb fahren viele Menschen dorthin. Sie versuchen über Sprengschutzmauern oder anderen Wegen, auf das Gelände zu kommen. Am Mittwoch hieß es, das US-Militär entscheide abhängig von der jeweiligen Lage über Öffnung und Schließung bestimmter Zugänge zum Flughafen.

Die zivile Luftfahrtbehörde veröffentlichte auf Facebook Fotos, die zeigen, wie am zivilen Teil des Flughafens aufgeräumt wird. Kommerzielle Flüge seien noch nicht wieder gestartet, hieß es. Wenn diese wieder beginnen, sollten nur Menschen mit Pässen, gültigen Visa und Tickets zum Flughafen kommen. Wer für die ausländischen Streitkräfte gearbeitet habe oder für Botschaften, werde kontaktiert. Dann gelange man über den militärischen Teil des Flughafens durch ein spezielles Tor zu den Maschinen.

11.39 Uhr: Bundeswehr bringt 176 weitere Menschen aus Kabul in Sicherheit

Die Bundeswehr hat 176 weitere Menschen aus der afghanischen Hauptstadt Kabul ausgeflogen. Die Bundeswehrmaschine sei soeben in der afghanischen Hauptstadt gestartet, schrieb Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) am Mittwochvormittag im Onlinedienst Twitter. Die Menschen an Bord der Maschine vom Typ A400M werden nun in die usbekischen Hauptstadt Taschkent gebracht. Von dort sollen sie nach Deutschland ausgeflogen werden.

Ein US-Marine zusammen mit einer afghanischen Familie am Flughafen in Kabul.
Ein US-Marine zusammen mit einer afghanischen Familie am Flughafen in Kabul. | Bild: AFP PHOTO / US MARINES CORP / Lance Cpl. Nicholas GUEVARA

Seit der Einrichtung der Luftbrücke seien damit mehr als 400 gefährdete Menschen in Sicherheit gebracht worden, teilte das Bundesverteidigungsministerium mit. Die Bundeswehr hatte am Dienstagabend 139 Menschen aus der afghanischen Hauptstadt nach Taschkent ausgeflogen. An Bord dieses dritten deutschen Evakuierungsflugs befanden sich nach Angaben des Auswärtigen Amts „deutsche, andere europäische und afghanische Staatsbürger“. Im Laufe des Mittwoch waren insgesamt vier Evakuierungsflüge nach Kabul geplant.

11 Uhr: Kabinett billigt Evakuierungsaktion der Bundeswehr

Die Bundesregierung hat den Einsatz von bis zu 600 Bundeswehrsoldaten für die Evakuierungsaktion im afghanischen Kabul beschlossen. Das Kabinett billigte am Mittwoch den Entwurf für ein entsprechendes Bundestagsmandat, über das voraussichtlich in der kommenden Woche im Parlament abgestimmt werden soll. Der bereits seit Montag laufende Einsatz ist bis Ende September befristet. Mit dem Mandat wollen Regierung und Parlament nachträglich die rechtliche Grundlage dafür schaffen.

Der Bundestag muss jedem bewaffneten Einsatz der Bundeswehr zustimmen. In Ausnahmefällen ist das auch nachträglich möglich, vor allem, wenn Gefahr in Verzug ist. Das trifft nach Ansicht der Regierung auf die Evakuierung deutscher Staatsbürger und afghanischer Helfer von Bundeswehr und Bundesministerien zu.

„Die Entsendung bewaffneter deutscher Streitkräfte duldet keinen Aufschub“, heißt es in einem Begleitschreiben von Außenminister Heiko Maas (SPD) und Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) zum Mandatsentwurf, das der Deutschen Presse-Agentur vorliegt. „Jedes weitere Zuwarten, bis der Deutsche Bundestag abschließend entschieden hat, könnte eine erfolgreiche Durchführung des Einsatzes der deutschen Kräfte in Frage stellen oder jedenfalls deutlich erschweren und damit auch Leib und Leben der zu schützenden Personen gefährden.“

Die Zusatzausgaben für die Bundeswehr veranschlagt die Regierung auf 40 Millionen Euro. Es handelt sich um ein so genanntes robustes Mandat, dass auch den Einsatz militärischer Gewalt erlaubt, „insbesondere zum Schutz der zu evakuierenden Personen und eigener Kräfte, sowie im Rahmen der Nothilfe“.

7.09 Uhr: Lufthansa-Maschine mit Evakuierten aus Afghanistan in Frankfurt gelandet

Ein Lufthansa-Flugzeug mit dutzenden Evakuierten aus Afghanistan ist in der Nacht zu Mittwoch in Frankfurt gelandet. An Bord der Maschine befanden sich 131 Menschen, wie ein Lufthansa-Sprecher der Nachrichtenagentur AFP sagte. Der Airbus A340 kam aus der usbekischen Hauptstadt Taschkent und landete um 03.43 Uhr am Flughafen Frankfurt/Main. Zuvor hatte die Bundeswehr die Menschen nach Taschkent ausgeflogen.

Umarmungen am Frankfurter Flughafen in den frühen Morgenstunden des 18. August: Die ersten aus Kabul ausgeflogenen Menschen kommen in Deutschland an
Umarmungen am Frankfurter Flughafen in den frühen Morgenstunden des 18. August: Die ersten aus Kabul ausgeflogenen Menschen kommen in Deutschland an | Bild: Armando Babani, AFP

Die Bundesregierung hatte die Lufthansa-Maschine gechartert. Im regulären Linienverkehr fliegt die Airline Usbekistan derzeit nicht an. Lufthansa wird nach eigenen Angaben „im Rahmen der Luftbrücke und in Abstimmung mit der Bundesregierung“ in den kommenden Tagen weitere Flüge aus Taschkent, aber auch aus der katarischen Hauptstadt Doha und anderen Anrainerstaaten anbieten.

Die Planungen dafür wurden nach Lufthansa-Angaben innerhalb weniger Stunden umgesetzt. „Kurzfristig wurden Verkehrsrechte beantragt, die Crew-Einsatzplanung vorgenommen und das Flugzeug für den Einsatz freigestellt“, erklärte die Airline.

Insgesamt hat die Bundeswehr nach eigenen Angaben bislang mehr als 260 Menschen aus Afghanistan ausgeflogen. Ein dritter Evakuierungsflug mit 139 Menschen an Bord war am Dienstagabend in Taschkent gelandet. Sie sollen am Mittwoch mit der Lufthansa weiter nach Deutschland gebracht werden. Für Mittwoch sind weitere Evakuierungsflüge aus Kabul geplant.

Das waren die Entwicklungen am Dienstag, 18. August:

22.15 Uhr: Dritte Evakuierungsmaschine mit 139 Menschen in Kabul gestartet

In der afghanischen Hauptstadt Kabul ist am Dienstagabend eine dritte Bundeswehr-Maschine zur Evakuierung von Deutschen und Ortskräften gestartet. An Bord seien 139 Menschen, teilte Außenminister Heiko Maas (SPD) im „heute journal“ des ZDF mit. Eine weitere Maschine stehe bereit. „Im Moment sind die Tore am Flughafen geschlossen, sobald die wieder geöffnet sind, werden wir diesen Betrieb fortsetzen.“

Das in Kabul gestartete Transportflugzeug A400M fliegt zunächst in die usbekische Hauptstadt Taschkent. Laut Auswärtigem Amt werden die Menschen von dort am Mittwoch mit der Lufthansa weiter nach Deutschland gebracht. Das Verteidigungsministerium teilte auf Twitter mit, nunmehr seien mehr als 260 Personen aus Afghanistan ausgeflogen worden. „Und wir evakuieren solange es geht weiter“, betonte das Ministerium.

Die Evakuierten, die bereits am Nachmittag in Taschkent eingetroffen waren, werden „zur Stunde von dort nach Deutschland ausgeflogen“, twitterte Maas am Abend. Der Lufthansa-Airbus 340 startete am Abend in Taschkent in Richtung Frankfurt, wo er in der Nacht zum Mittwoch erwartet wird. An Bord sind nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur rund 130 Evakuierte aus Kabul. Die Bundesregierung hatte den Langstreckenjet gechartert.

Erste evakuierte Mitarbeiter der Botschaft in Kabul sind bereits zurück in Deutschland. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur landeten sie am Dienstagnachmittag mit einer Linienmaschine auf dem Berliner Flughafen Schönefeld. In der Nacht zu Montag waren sie unter den ersten 40 deutschen Staatsbürgern, die mit einem US-Flugzeug nach Doha im Golfemirat Katar ausgeflogen worden waren.

20.20 Uhr: Bundeswehr-Hauptmann hat wenig Hoffnung für Ortskräfte in Afghanistan

Bundeswehr-Hauptmann Marcus Grotian hat wenig Hoffnungen, dass noch Ortskräfte aus Afghanistan nach Deutschland geholt werden können. „Wenn wir hier noch überhaupt jemanden retten, dann haben wir viel Glück“, sagte Grotian vom Patenschafts-Netzwerk Afghanische Ortskräfte am Dienstag in Berlin. Die Taliban hätten den Flughafen in Kabul umzingelt. „Jede Sekunde, jede Minute, jede Stunde erreichen uns unzählige Nachrichten“, sagte Grotian. Diese Hilferufe werde er nie vergessen.

Grotian, der für die Bundeswehr in Afghanistan im Einsatz war, spricht auch von einer Verantwortung der Politik. Politiker und Bürokraten hätten einfach nur die Regeln umgesetzt und nicht geholfen. „Bürokratie bis zum Schluss. Wenn Sie nicht den richtigen Antrag dreimal ausgefüllt haben, würde man Ihnen keinen Rettungsring zuwerfen“, sagte Grotian. Hätte man stattdessen versucht Menschenleben zu retten, dann würde heute nicht von 8000 Menschen gesprochen werden, die zurückgelassen wurden, sondern vielleicht von 30.

Grotian hatte zuvor mit der Berliner Grünen-Spitzenkandidatin Bettina Jarasch über die Lage in Afghanistan gesprochen. „In der nächsten Zeit noch über Abschiebungen nur zu spekulieren, verbietet sich“, sagte Jarasch. „Wir werden hier in Berlin überlegen müssen, ob wir für die Menschen, die jetzt schon seit Jahren hier mit uns und unter uns leben, es endlich schaffen, Bleibe-Perspektiven zu eröffnen. Denn wir können niemand abschieben in ein Land, das von Taliban regiert wird.“

20.05 Uhr: Bundesregierung will mit Taliban über Ortskräfte sprechen

Die Bundesregierung will mit den militant-islamistischen Taliban über die Evakuierung der afghanischen Helfer von Bundeswehr und Bundesministerien sprechen. Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) sagte am Dienstag in Berlin, dass Botschafter Markus Potzel am Dienstag nach Doha ins Golfemirat Katar geschickt worden sei. Maas verwies darauf, dass auch die Amerikaner bereits mit den Taliban über die Evakuierung ehemaliger und derzeitiger afghanischer Mitarbeiter reden würden. Potzel werde in seinen Gesprächen in Doha darauf hinwirken, „dass die Möglichkeit geschaffen wird, dass sich auch Ortskräfte an den Flughafen begeben können“.

Die Taliban haben Kontrollpunkte in der Nähe des Flughafens errichtet und lassen nach Angaben des Außenministers nur Ausländer durch. Nach seinen Angaben halten sich derzeit 180 Menschen am Flughafen auf, die mit Bundeswehrmaschinen ausgeflogen werden sollen. Zwei Evakuierungsflüge mit zusammen 129 Passagieren aus 15 Ländern ins Nachbarland Usbekistan haben bereits stattgefunden. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) sagte, man werde so lange wie möglich Menschen aus Kabul ausfliegen.

Potzel ist bereits vor längerer Zeit als neuer Botschafter in Kabul benannt worden und sollte ursprünglich im August dorthin geschickt werden – dann begann der Vormarsch der Taliban. Die Botschaft in Kabul ist derzeit geschlossen und der größte Teil der Mitarbeiter ausgeflogen worden. Ein kleines Kernteam ist noch an dem von US-Truppen abgesicherten Flughafen tätig.

18.40 Uhr: Taliban verkünden Kriegsende

Zwei Tage nach ihrem Einmarsch in der afghanischen Hauptstadt Kabul haben die radikalislamischen Taliban das Ende des Krieges und eine allgemeine Amnestie verkündet. „Der Krieg ist zuendeist “, und „jeder“ sei begnadigt, sagte Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahid bei einer Pressekonferenz in Kabul. Er kündigte auch an, dass Frauen weiterhin arbeiten gehen dürften, sofern ihre Erwerbstätigkeiten im Einklang mit „den Prinzipien des Islam“ stünden.

Am Dienstag hatten die Taliban immer mehr Behörden und Ministerien übernommen. Als Reaktion auf den Machtwechsel stoppte die Bundesregierung alle Hilfszahlungen an das Land. Rund um den Flughafen der Stadt herrschte weiterhin Chaos. Die Start- und Landebahn konnte zwar wieder geöffnet werden, dennoch versuchten weiterhin Hunderte Menschen, auf das Gelände zu kommen. Die Taliban würden diese mit einer Peitsche schlagen und auch in die Luft schießen, um sie auseinanderzutreiben, berichtete ein Augenzeuge. Dennoch würden es die Menschen weiter versuchen.

In Kabul selbst folgten Regierungsangestellte am Dienstag dem Aufruf der Taliban, ihre Arbeit wieder aufzunehmen, wie ein Beamter eines Ministeriums, der namentlich nicht genannt werden wollte, der Deutschen Presse-Agentur sagte. Es seien viele seiner Kollegen zur Arbeit gekommen, aber keine Frauen.

Die Islamisten hätten Listen der Angestellten und würden nur jenen Zutritt erlauben, die auf der Liste stünden. Lokale Medien veröffentlichten Fotos, auf denen zu sehen war, dass auch Verkehrspolizisten wieder zu ihrer Arbeit zurückkehrten. Bewohner der Stadt sagten, es würden wieder vermehrt Geschäfte geöffnet haben und Menschen auf der Straße sein.

15.25 Uhr: Zweite Bundeswehrmaschine holt 125 Menschen aus Afghanistan

Nach dem Siegeszug der Taliban fliegen Deutschland und andere Staaten eilig Menschen aus der Afghanistan aus. Mit einem zweiten Bundeswehrflugzeug sind nach Angaben des Verteidigungsministeriums 125 Menschen aus Afghanistan ausgeflogen worden. „Mit 125 Evakuierten ist der A400M von Kabul wieder auf dem Weg nach Taschkent/Usbekistan“, schrieb das Ministerium am Dienstagnachmittag auf Twitter. „An Bord sind deutsche Staatsbürger und afghanische Ortskräfte sowie weitere zu Schützende.“ Die Bundesregierung will die Evakuierungsaktion nun mit Hochdruck fortsetzen. Die beiden A400M sollen zwischen Kabul und Taschkent pendeln. Wie weit sind andere Nato-Partner?

USA: Das US-Militär hat seit Montag 700 bis 800 Menschen aus Kabul ausgeflogen, wie der Sprecher des Verteidigungsministeriums, John Kirby, sagte. Sobald Sicherheit und Ordnung am Flughafen komplett hergestellt seien, könne das US-Militär 5000 bis 9000 Menschen pro Tag ausfliegen. Es seien schätzungsweise noch 5000 bis 10.000 Amerikaner in und um Kabul.

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Frankreich: In der Nacht zum Dienstag startete in Kabul ein erster Airbus A400M mit rund 40 Menschen unterschiedlicher Nationalitäten. Weitere Pendelflüge nach Kabul seien in Vorbereitung, so Verteidigungsministerin Florence Parly. Laut Präsident Emmanuel Macron seien in den vergangenen Wochen bereits zahlreiche Franzosen aus dem Land geflogen worden.

Großbritannien: Nach Angaben der britischen Regierung wurden in den vergangenen Wochen rund 150 Briten und 3300 afghanische Ortskräfte aus Afghanistan ausgeflogen. In den kommenden Tagen sollten Hunderte weitere Menschen per Flugzeug in Sicherheit gebracht werden. In London rechnet man zudem zeitnah mit einer Ankündigung von Premier Boris Johnson dazu, wie viele afghanische Flüchtlinge Großbritannien aufnehmen wird. Dem „Telegraph“ zufolge könnte ein ähnliches Programm aufgelegt wie 2015 für Asylsuchende aus Syrien: Damals nahmen die Briten rund 20.000 Syrer auf.

Italien: Italien hat rund 70 Botschaftsangehörige und frühere Mitarbeiter aus Afghanistan ausgeflogen. Als nächstes sollen auch Afghanen evakuiert werden, die früher mit dem italienischen Verteidigungs- und dem Außenministerium zusammengearbeitet haben.

12.50 Uhr: Taliban-Kämpfer kontrollieren offenbar rund um den Flughafen

Die Start- und Landebahn des Flughafens Kabul in Afghanistan ist nach Angaben eines Nato-Vertreters wieder geöffnet. Der zivile Repräsentant der Nato in Afghanistan, Stefano Pontecorvo, schrieb auf Twitter, er sehe Flugzeuge landen und abheben. Zuletzt war der Flugverkehr eingestellt, da sich Menschentrauben auf dem Flugfeld aufhielten. Viele Afghanen versuchen, nach der faktischen Machtübernahme der militant-islamistischen Taliban das Land zu verlassen.

Derzeit bemühen sich zahlreiche westliche Länder, ihre Staatsbürger und Ortskräfte, an denen Racheaktionen der Taliban befürchtet werden, aus Afghanistan in Sicherheit zu bringen. Es ist allerdings unklar, ob die zu Evakuierenden ohne Probleme auf das Flughafengelände gelangen können.

Afghanistan, Kabul: Das vom britischen Verteidigungsministerium herausgegebene Foto zeigt einen Flug mit 265 Personen, die von Mitarbeitern der britischen Streitkräfte an Bord eines Evakuierungsfluges vom Flughafen Kabul begleitet werden.
Afghanistan, Kabul: Das vom britischen Verteidigungsministerium herausgegebene Foto zeigt einen Flug mit 265 Personen, die von Mitarbeitern der britischen Streitkräfte an Bord eines Evakuierungsfluges vom Flughafen Kabul begleitet werden. | Bild: Lphot Ben Shread/Mod/PA Media/dpa

Der US-Sender CNN berichtete, Taliban-Kämpfer hätten in Humvees vor dem Flughafen Stellung bezogen und würden versuchen, die Menschenmassen rund um den Flughafen zu kontrollieren. Auf von CNN gezeigten Videos war zu sehen, wie Menschen versuchen, durch Tore oder über mehr als drei Meter hohe Sprengschutzmauern auf den Flughafen zu gelangen. Ortskräfte haben Angst, am Weg zum oder vor dem Flughafen von den Taliban kontrolliert zu werden. Sie sagen sie müssten Dokumente mitführen, die eine Berechtigung zur Evakuierung belegten.

Ein Augenzeuge sagte am Dienstag, Hunderte Menschen versuchten weiter, auf das Flughafengelände zu gelangen. Die Taliban würden diese mit einer Peitsche schlagen und auch in die Luft schießen, um sie auseinanderzutreiben. Nichtsdestotrotz würden es die Menschen weiter versuchen. Von der anderen Seite der Flughafenmauer sei Tränengas in die Menge gefeuert worden.

11.19 Uhr: Zweite Evakuierungs-Maschine der Bundeswehr soll bald starten

Die zweite Evakuierungs-Maschine der Bundeswehr soll noch am Dienstagvormittag vom usbekischen Taschkent aus Richtung Kabul starten. Das erfuhr die Deutsche Presse-Agentur aus Militärkreisen. Der erste Evakuierungsflieger vom Typ A400M war am Montagabend unter dramatischen Umständen in der afghanischen Hauptstadt gelandet. Wegen der gefährlichen Lage am Flughafen konnte er nur sieben Menschen ausfliegen: Fünf Deutsche, eine Person aus einem anderen europäischen Land und eine afghanische Ortskraft.

Mehr Menschen konnten die Maschine auf dem Rollfeld nicht erreichen. „Aufgrund der chaotischen Umstände am Flughafen und regelmäßiger Schusswechsel am Zugangspunkt war gestern Nacht nicht gewährleistet, dass weitere deutsche Staatsangehörige und andere zu evakuierende Personen ohne Schutz der Bundeswehr überhaupt Zugang zum Flughafen erhalten würden“, sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amts.

Ein Zugang von Personen, die sich am zivilen Teil des Flughafens aufgehalten hätten, sei „von den Partnern, die die Sicherheitsverantwortung am Flughafen ausüben, nicht ermöglicht“ worden, erklärte der Sprecher weiter. Das Flugzeug habe den Flughafen außerdem nach kurzer Zeit wieder verlassen müssen. „Aufgrund der gerade abends und nachts äußerst gefährlichen Lage auf den Zufahrtswegen zum Flughafen wäre es ein untragbares Risiko für Leib und Leben der Menschen vor Ort gewesen, die zu Evakuierenden vor Erteilung der Landeerlaubnis und vor Sicherung des Zugangs durch Bundeswehrkräfte aufzurufen, sich zum Flughafen zu begeben.“

Die Bundeswehr hatte erst mit dieser ersten Maschine die Fallschirmjäger der für Evakuierungsaktionen speziell ausgebildeten Division Schnelle Kräfte nach Kabul bringen können. „Mit Unterstützung der jetzt in Kabul eingetroffenen Kräfte der Bundeswehr arbeiten wir unter Hochdruck daran, dies im Laufe der nächsten Stunden für erste Evakuierungsgruppen zu ermöglichen“, erklärte der Sprecher.

8.40 Uhr: Erste Bundeswehrmaschine transportierte nur sieben Passagiere

Die erste Evakuierungs-Maschine der Bundeswehr hat am Montag nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur nur sieben Menschen aus der afghanischen Hauptstadt Kabul ausgeflogen. Der Airbus A400M ist offiziell für 114 Passagiere ausgelegt. Es heißt aber, dass während der Evakuierungsaktion bis zu 150 Menschen mit ihm transportiert werden könnten.

Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) hatte am Morgen in der ARD gesagt, dass der Flug unter äußerst schwierigen Bedingungen erfolgt sei. „Wir haben eine sehr unübersichtliche, gefährliche, komplexe Situation am Flughafen, vor allen Dingen durch die Menschenmengen“, sagte die CDU-Politikerin. Über die Zahl der Passagiere hatten zuvor auch andere Medien berichtet.

7.05 Uhr: Bundeswehr bringt erste Menschen aus Kabul in Sicherheit

Nach der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan hat die Bundeswehr eine erste Gruppe von Menschen aus der Hauptstadt Kabul in Sicherheit gebracht. Ein A400M-Transportflugzeug startete in der Nacht zum Dienstag in Richtung Taschkent in Usbekistan, wie das Bundesverteidigungsministerium mitteilte. Der Flug hatte sich zuvor stundenlang verzögert, weil das US-Militär nach einem Ansturm tausender Menschen den Flugverkehr ausgesetzt hatte. Erst am Abend wurde der Flughafen wieder freigegeben.

Wie viele Menschen an Bord des ersten Evakuierungsflugs der Bundeswehr waren, wurde zunächst nicht mitgeteilt. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums blieben aber Bundeswehr-Soldaten vor Ort in Kabul, um weitere Evakuierungsflüge vorzubereiten.

Die Luftwaffe will zwischen Kabul und Taschkent eine Luftbrücke einrichten. Deutsche Staatsbürger und afghanische Ortskräfte sollen zunächst in die Hauptstadt Usbekistans ausgeflogen und dann mit Charterflugzeugen nach Deutschland gebracht werden.

Das waren die Entwicklungen am Montag, 16. August:

22.56 Uhr: Biden droht Taliban bei Angriffen mit starker militärischer Reaktion

US-Präsident Joe Biden hat den Taliban für den Fall eines Angriffs auf US-Kräfte mit „einer raschen und starken“ militärischen Reaktion gedroht. Das gelte für jede Handlung der Taliban in Afghanistan, die das US-Personal oder deren Mission gefährden würde, sagte Biden am Montag (Ortszeit) im Weißen Haus. „Wir werden unsere Leute mit vernichtender Gewalt verteidigen, falls nötig“, versicherte er.

Zugleich verteidigte der US-Präsident vehement seine Entscheidung, die amerikanischen Truppen aus dem Krisenland abzuziehen. Er stehe felsenfest zu seiner Entscheidung, sagte Biden. Es hätte auch keinen Unterschied gemacht, wenn die US-Truppen noch etwas länger in Afghanistan geblieben wären, argumentierte er und warf den afghanischen Sicherheitskräften erneut mangelnde Kampfbereitschaft vor. Biden räumte aber ein, die Vereinigten Staaten hätten das Tempo des Vormarsches der Taliban unterschätzt: „Dies hat sich schneller entwickelt, als wir erwartet hatten.“

Biden sagte, das afghanische Militär sei kollabiert, „zum Teil ohne den Versuch zu kämpfen“. Die USA hätten die afghanischen Sicherheitskräfte ausgebildet und ausgerüstet. Die Vereinigten Staaten hätten ihnen aber nicht den Willen geben können, für ihre Zukunft zu kämpfen. Bereits in der vergangenen Woche hatte Biden mangelnden Kampfeswillen der afghanischen Sicherheitskräfte beklagt. Bidens Ansprache am Montag war seine erste öffentliche Äußerung seit der faktischen Machtübernahme der militant-islamistischen Taliban in Afghanistan und auch der Hauptstadt Kabul.

22.36 Uhr: Sichere Häuser für Afghanistan-Ortskräfte der Bundeswehr aufgegeben

Mehrere sogenannte „sichere Häuser“ in Kabul, in denen afghanische Ortskräfte der Bundeswehr und weiterer Institutionen zeitweise Zuflucht gefunden hatten, mussten offensichtlich aufgegeben werden. Das berichtete am Montag das ZDF-Magazin „frontal“ unter Berufung auf den Vorsitzenden des Patenschaftsnetzwerks Afghanische Ortskräfte, Marcus Grotian. „Ich habe 400 Menschen mitgeteilt, dass es für sie keine Hoffnung mehr gibt und die Safehouses aufgelöst“, zitierte ihn der Sender.

„Frontal“ sprach mit einem ehemaligen afghanischen Übersetzer der Bundeswehr, der von Grotian kontaktiert wurde. Mit Verweis auf die aktuelle Situation am Flughafen von Kabul habe Grotian den Ortskräften mitgeteilt, dass die Bundesregierung aktuell nicht mehr helfen könne, weshalb er die „sicheren Häuser“ angesichts von Patrouillen der Taliban auflöse. Drei der „sicheren Häuser“ hatte das Patenschaftsnetzwerk mit Hilfe von Spendengeldern eingerichtet.

Laut Aussage des afghanischen Übersetzers, dessen Identität dem ZDF bekannt sei, hielten sich bis zuletzt hunderte afghanische Ortskräfte und ihre Familienmitglieder in insgesamt drei „Safehouses“ in Kabul auf. Diese seien jedoch offensichtlich von den Taliban entdeckt worden. Die Islamisten würden auf den Straßen von Kabul patrouillieren und gezielt nach Ortskräften der internationalen Streitkräfte suchen, von denen viele dort umherirrten, hieß es in dem Bericht weiter. Der afghanische Übersetzer sagte demnach „frontal“, er bedauere zutiefst, für die deutsche Bundeswehr gearbeitet zu haben.

20 Uhr: Merkel: Entwicklung ist „bitter, dramatisch und furchtbar“

Angesichts der instabilen Lage am Flughafen in Kabul hat Bundeskanzlerin Angela Merkel die Hoffnungen auf die Luftbrücke gedämpft, über die deutsche Staatsbürger und besonders gefährdete Afghanen aus Kabul ausgeflogen werden sollen. Zu den Erfolgsaussichten der Evakuierungsmission sagte sie: „Das haben wir leider nicht mehr voll in der Hand.“

Ob Deutschland einheimische Ortskräfte ausfliegen könne, hänge „von der Lage in Kabul ab“, sagte Merkel. Die Lage am dortigen Flughafen sei aber „extrem schwierig“. Ein am Morgen von der Luftwaffe nach Kabul entsandtes Transportflugzeug habe bis zum Abend nicht landen können, sagte Merkel. Die Bundesregierung werde aber „alles in ihrer Macht Stehende“ tun, um die Mitarbeiter deutscher Stellen in Afghanistan auszufliegen.

Jenseits der Bekämpfung des Terrorismus sei alles „nicht so geglückt und nicht so geschafft worden, wie wir uns das vorgenommen haben“. Die Entwicklung sei „bitter, dramatisch und furchtbar“.

Möglichst außer Landes gebracht werden sollten insbesondere auch etwa tausend Menschen, die mit staatlichen deutschen Entwicklungshilfeorganisationen und 500 weitere, die mit Nichtregierungsorganisationen wie der Welthungerhilfe zusammengearbeitet haben, sagte die Kanzlerin. In einer Sitzung des CDU-Parteivorstands am Vormittag hatte Merkel gesagt, inklusive den Angehörigen müssten insgesamt bis zu 10.000 Menschen nach Deutschland in Sicherheit gebracht werden.

17.50 Uhr: Maas: „Wir haben die Lage falsch eingeschätzt“

Hat die Bundesregierung den Ernst der Lage in Afghanistan verkannt? „Es gibt auch nichts zu beschönigen: Wir alle – die Bundesregierung, die Nachrichtendienste, die internationale Gemeinschaft – wir haben die Lage falsch eingeschätzt“, räumte Außenminister Heiko Maas ein.

Zuvor hatte es massive Kritik an der Bundesregierung gegeben. Ihr wird vorgeworfen, den schnellen Vormarsch der Taliban unterschätzt und die Evakuierung afghanischer Ortskräfte zu schleppend vorangetrieben zu haben. Auch die ersten der mehr als 100 noch in Kabul verbliebenen deutschen Staatsbürger verließen das Land erst, nachdem die Taliban Kabul faktisch eingenommen hatten – mit einer US-Maschine flogen 40 Mitarbeiter der deutschen Botschaft nach Doha aus.

Wegen des Chaos auf dem Kabuler Flughafen verzögerte sich der Evakuierungseinsatz der Bundeswehr am Nachmittag. Weil verzweifelte Afghanen, die sich vor den Taliban in Sicherheit bringen wollen, die Landebahn blockierten, wurde der Flugverkehr zeitweise ausgesetzt.

Die Bundeswehrflieger blieben zuerst im aserbaidschanischen Baku hängen. Eine der Maschinen startete dann am Nachmittag von dort nach Kabul, blieb aber zunächst in einer Warteschleife in der Luft. Zivilisten auf dem Flugfeld verhinderten weiterhin die Landung der Maschine, hieß es aus Militärkreisen.

Ein Sprecher des Auswärtigen Amts hatte am Vormittag gesagt: „Wir haben Meldungen dazu gesehen (...), dass dort derzeit keine Flugbewegungen stattfinden können, weil sich dort eine große Zahl verzweifelter Menschen auf dem Rollfeld aufhält.“

Auch das Weiße Haus in Washington teilte mit, dass die US-Truppen am Flughafen Kabul zunächst wieder Ordnung und Sicherheit herstellen müssen, bevor es voraussichtlich ab Dienstag erneut Evakuierungsflüge geben könne.

15.30 Uhr: Evakuierungsmission der Bundeswehr angelaufen

Die Bundeswehr will deutsche Staatsbürger aus Kabul holen. In der Nacht zu Montag landeten 40 Mitarbeiter der deutschen Botschaft mit einem US-Flugzeug in Doha im Golfemirat Katar. Wenige Stunden später starteten am Morgen die ersten drei Militärmaschinen der Bundeswehr mit Fallschirmjägern an Bord Richtung Kabul.

Es ist die bislang wohl größte Mission dieser Art der Bundeswehr – und eine besonders brisante. „Fest steht: Es ist ein gefährlicher Einsatz für unsere Soldatinnen und Soldaten“, schrieb das Verteidigungsministerium am Montag auf Twitter. Die Menschen sollen zunächst nach Taschkent im Nachbarland Usbekistan ausgeflogen werden. Von dort geht es mit zivilen Maschinen weiter nach Deutschland.

Kanzlerin Angela Merkel sagte laut Teilnehmerkreisen bei einer Sitzung des CDU-Vorstands, die Bundesregierung habe vor Monaten bereits 2500 Ortskräfte in Afghanistan identifiziert. Bei 600 davon wisse man derzeit nicht, ob sie in Drittstaaten seien. Weitere 2000 Menschen habe die Bundesregierung identifiziert, die ebenfalls ausreisen sollten, wie etwa Menschenrechtler und Anwälte. Insgesamt gehe es bei dieser Gruppe um 10.000 Menschen, da die Familienmitglieder mitgerechnet würden.

Afghanistan, Kabul: Das vom britischen Verteidigungsministerium herausgegebene Foto zeigt einen Flug mit 265 Personen, die von Mitarbeitern der britischen Streitkräfte an Bord eines Evakuierungsfluges vom Flughafen Kabul begleitet werden.
Afghanistan, Kabul: Das vom britischen Verteidigungsministerium herausgegebene Foto zeigt einen Flug mit 265 Personen, die von Mitarbeitern der britischen Streitkräfte an Bord eines Evakuierungsfluges vom Flughafen Kabul begleitet werden. | Bild: Lphot Ben Shread/Mod/PA Media/dpa

Nach Angaben von Außenminister Heiko Maas wird ein „operatives Kernteam“ der Botschaft in Kabul am militärisch gesicherten Teil des Flughafens bleiben, um die Arbeitsfähigkeit der Botschaft zu erhalten und um die weiteren Evakuierungsmaßnahmen mit begleiten zu können. Das eigentliche Botschaftsgebäude wurde geschlossen. „Wir setzen jetzt alles daran, unseren Staatsangehörigen und unseren ehemaligen Ortskräften eine Ausreise in den kommenden Tagen zu ermöglichen“, sagte Maas. „Die Umstände, unter denen das stattfinden kann, sind aber derzeit schwer vorherzusehen.“ Deshalb stehe die Bundesregierung auch in einem engen Austausch mit den USA und anderen internationalen Partnern.

In der Kabinettssitzung an diesem Mittwoch soll das Mandat für den Bundeswehreinsatz beschlossen werden. Am Tempo der Evakuierungsaktion gibt es heftige Kritik aus der Opposition.

14.30 Uhr: Chaos am Flughafen von Kabul: So ist die aktuelle Lage in Afghanistan

Nach der Übernahme Kabuls durch die militant-islamistischen Taliban haben sich am Flughafen der afghanischen Hauptstadt dramatische Szenen abgespielt. Verzweifelte Menschen versuchten, auf Flüge zu kommen, wie in sozialen Medien geteilte Videos und Bilder zeigten. Sie kletterten unter anderem über Drehleitern, um in ein Flugzeug zu gelangen. Auch Afghanen ohne Reisepässe versuchten ihr Glück, berichteten Bewohner am Montag.

Afghanische Familien am Flughafen von Kabul. Ein Experte sieht wenig Chancen, dass noch Ortskräfte aus Afghanistan nach Deutschland geholt werden können
Afghanische Familien am Flughafen von Kabul. Ein Experte sieht wenig Chancen, dass noch Ortskräfte aus Afghanistan nach Deutschland geholt werden können | Bild: WAKIL KOHSAR

Für Entsetzen sorgten insbesondere Aufnahmen, die zeigen sollen, wie Menschen aus großer Höhe aus einem Militärflugzeug fallen. Es wurde gemutmaßt, dass sie sich im Fahrwerk der Maschine versteckt hatten oder sich einfach am Flieger festhielten. Diese Angaben konnten bislang nicht unabhängig verifiziert werden.

Ein Mann, der in der Nähe des Flughafens lebt, schrieb der Deutschen Presse-Agentur auf Facebook, auf einem benachbarten Dach sei eine dieser Personen gelandet. Es habe gekracht, als habe es eine Explosion gegeben. Er teilte Bilder und Videos der Leiche und schrieb, drei weitere Männer seien in der Nachbarschaft gefunden worden. Auf einem anderen Video soll zu sehen sein, wie Dutzende Menschen am Flughafen Kabul neben einer rollenden US-Militärmaschine laufen. Einige klettern auf das Flugzeug und klammern sich fest.

Hunderte oder vielleicht auch Tausende Menschen hatten sich seit Sonntag zum Flughafen aufgemacht, um aus dem Land zu kommen.

In Usbekistan ist nach Regierungsangaben ein afghanisches Militärflugzeug abgestürzt. „Das Militärflugzeug hat illegal die Grenze zu Usbekistan überquert. Eine Untersuchung ist im Gange“, sagte Bachrom Sulfikarow, Sprecher des usbekischen Verteidigungsministeriums, der Nachrichtenagentur AFP. Zuvor hatten usbekische Medien berichtet, dass am Sonntagabend eine Maschine in der an Afghanistan grenzenden südlichen Provinz Surchondarjo abgestürzt sei.

Die Lage in der Stadt Kabul selbst war am Montag angespannt, aber zunächst ruhig. Die Taliban besetzten überall in Kabul Polizeistationen und andere Behördengebäude, wie Bewohner der Deutschen Presse-Agentur berichteten. Bewaffnete Kämpfer fuhren in Militär- und Polizeiautos sowie anderen Regierungsfahrzeugen durch die Stadt. Gleichzeitig errichteten sie weitere, eigene Kontrollpunkte in manchen Straßen.

Montag, 16. August, 10 Uhr: Die Entwicklungen der vergangenen Tage: Warum die Taliban ein so leichtes Spiel hatten

Binnen Tagen ist ganz Afghanistan praktisch kampflos an die Taliban gefallen. Am Sonntag erreichten die Taliban auch die Hauptstadt Kabul. Unsere Korrespondentin Agnes Tandler hat die Geschehnisse zusammengefasst.

Ungläubig hatten die USA und andere westliche Staaten die rasche Abfolge der Ereignisse wahrgenommen, in der Provinzen und Städte Afghanistans nacheinander wie Dominosteine fielen. Bis zum Sonntagmorgen lag die bange Frage in der Luft, ob die Taliban Kabul mit Gewalt einnehmen wollten. Blutige Straßenkämpfe in der Vier-Millionen-Stadt wären eine humanitäre Katastrophe gewesen. Am Sonntag bereiteten sich Einwohner von Kabul bereits auf die Ankunft der Taliban vor. Vor einem Brautkleidergeschäft im Zentrum der Stadt, wo bislang glückliche Frauengesichter von Plakaten lächelten, malten am Sonntag Arbeiter alle Bilder mit weißer Farbe über. Inhaftierte Taliban-Kämpfer verließen froh das Kabuler Zentralgefängnis Pul-e-Charki, nachdem Wächter ihnen die Türen geöffnet hatten.

Afghanistans Präsident Ashraf Ghani hatte sich noch am Samstag trotz massiven Drucks geweigert, zurückzutreten. Dem 72-jährigen Ökonomen, der 2014 erstmals zum Präsidenten gewählt wurde, war es nicht gelungen, seine Anti-Taliban-Koalition aus Milizenführern und anderen Regionalfürsten zusammenzuhalten, in einem Land, in dem Stammeszugehörigkeiten und regionale Loyalitäten die alles entscheidende Rolle spielen. Gestern wurde bekannt, dass er das Land verlassen hat. Lokale Medien berichteten, er sei nach Tadschikistan geflogen.

Ein Taliban-Kämpfer mit einem Maschinengewehr vor dem Haupttor zum Präsidentenpalast in Kabul.
Ein Taliban-Kämpfer mit einem Maschinengewehr vor dem Haupttor zum Präsidentenpalast in Kabul. | Bild: dpa

Am Ende siegte in Afghanistan der Opportunismus. Die afghanische Armee machte von Beginn der Taliban-Offensive an keinerlei Anstalten zur Gegenwehr. Die 300.000 Mann starke Truppe ergab sich lieber kampflos als für die Regierung in Kabul zu kämpfen, die für viele Armeeangehörige nur ein unbedeutendes Konstrukt fremder Mächte ist. Widerstand schworen alleine die alten Milizenführer, die noch in den 1980er- und 1990er-Jahren gegen die Taliban ins Feld gezogen waren.

Doch auch diese Front bröckelte rasch, als klar wurde, dass die Tage der Regierung in Kabul angesichts des fehlenden Kampfgeistes gezählt waren. Am Samstag wechselte die Stadt Mazar-e-Sharif im Norden ohne viel Aufhebens in die Hände der Taliban – die beiden Ex-Mudjaheddin-Kämpfer Atta Mohammed Noor und Abdul Rashid Dostum, die geschworen hatten, Mazar gegen die Aufständischen zu verteidigen, flohen beide nach Usbekistan.

Das kommende Jahr wird nun weisen, welche Richtung Afghanistan einschlägt. Mit dem Abzug der USA und der NATO sind es nun andere regionale Mächte, etwa China und Russland, die nun Einfluss auf Afghanistan ausüben werden.

 

Fast zwei Jahrzehnte nach ihrer Vertreibung aus Kabul erobern die Taliban auch die Hauptstadt wieder. Ein Rückblick: