„Heute war der furchterregendste Tag meines Lebens“, sagt Olga Obernikhina dem SÜDKURIER. Die Ukrainerin lebt in Charkow, der mit 1,5 Millionen Menschen zweitgrößten Stadt des Landes, welche nur etwa 30 Kilometer von der russischen Grenze entfernt ist. Von dort feuert Putins Armee seit Donnerstagfrüh Raketen auf die Millionenmetropole ab, Blitze und Flammen erhellen den Nachthimmel.

„Die Stadt begann gleich nach dem ersten Bombenangriff um 5 Uhr morgens in Panik zu geraten. Ich wohne im Norden der Stadt und es war laut genug, dass die Fenster zu klappern begannen“, sagt die 30-Jährige. Sie habe auch Schüsse in der Nähe der Stadt wahrgenommen, in der hauptsächlich Russisch gesprochen wird, das gemeinsam mit Ukrainisch auch ihre Muttersprache sei.

Die meisten Geschäfte seien geschlossen und es gebe bereits am ersten Kriegstag keine Lebensmittel mehr. Lange Schlangen würden sich vor den Tankstellen bilden. Am Nachmittag verließ sie mir ihrer Familie Charkow, um am Land bei ihrer Großmutter Schutz zu suchen.

Am zweiten Tag der Invasion sei die Situation in der Millionenstadt Charkow noch schlimmer. Nun werde die Innenstadt angegriffen und die Menschen würden sich in Kellern und Luftschutzbunkern verstecken. „Wir haben alle wirklich Angst und hoffen auf die Unterstützung Europas. Ich bin kein Befürworter des Krieges, aber ich hoffe wirklich, dass unsere Armee stark bleibt. Wir wollen kein Teil Russlands werden und nicht unter Putins Diktatur leben“, sagt Obernikhina.

Ruhe vor dem Sturm in der Ostukraine?

Bisher ruhig ist die Situation im ostukrainischen Konstantinovka im Landkreis Donezk, 30 Kilometer von der Frontlinie zu den pro-russischen Rebellengebieten. „Dort hat 2014 der Krieg begonnen, als Putin Donezk erobert hat“, sagt Konstantin Zemtsov dem SÜDKURIER. Viel Militär und Polizei seien in der 70.000-Einwohner-Stadt, schildert der Lehrer an einem Gymnasium. Nur Banken und Postämter seien geschlossen.

Blick in eine ungewisse Zukunft: Konstantin Zemtsov in seinem Büro an einem Gymnasium im ostukrainischen Konstantinovka
Blick in eine ungewisse Zukunft: Konstantin Zemtsov in seinem Büro an einem Gymnasium im ostukrainischen Konstantinovka | Bild: Konstantin Zemzow

Angriffe oder Feindseligkeiten gebe es in Konstantinovka bisher nicht, im 40 Kilometer entfernten Kramatorsk hingegen schon. „Hier ist noch Ruhe, wahrscheinlich weil das Ziel Putins Kiew ist, dort werden jetzt schreckliche Schlachten geführt“, sagt Zemtsov. Von Freunden und Bekannen in Kiew wisse er, dass es in der Nacht auf Freitag wegen der Raketenangriffe auf die Drei-Millionen-Metropole fast unmöglich gewesen sei, zu schlafen.

„Will Putin wie Hitler Europa erobern?“

„Zivilisten suchen Schutz in Luftschutzbunkern, russische Panzer rücken auf Kiew vor, während ukrainische Streitkräfte erbitterten Widerstand leisten. Eine europäische Hauptstadt im Jahr 2022 im Belagerungszustand. Ich weiß nicht, was ich noch sagen soll“, so der 43-Jährige.

Auch er versteht nicht, welche Ziele Putin genau verfolgt. „Vielleicht will er wie Hitler die ganze Ukraine und vielleicht sogar Europa erobern? Aber das ist verrückt! Es sieht so aus, als wäre Putin verrückt geworden“, sagt Zemtsov.

Sollte Russland tatsächlich die Ukraine übernehmen, dann wisse er nicht, was er tun soll. „Zur Armee bin ich noch nicht eingezogen. Ich muss mich auch um meine kranke Mutter kümmern, die das Haus nicht verlassen kann. Wir wissen nicht, was als Nächstes passieren wird, wir haben keinen Plan“, sagt der Lehrer aus Konstantinovka.

Wie jeder der Ukraine helfen kann

Olga Obernikhina aus Charkiw hingegen hat sich bereits eine Überlebensstrategie zurecht gelegt. „Ich werde versuchen, nach Polen zu fliehen, sobald es sicher genug ist“, sagt die 30-Jährige.

Sie hofft trotz allem, dass die Ukraine es schaffen wird, sich zu verteidigen, und dass es konkrete Hilfe von der EU und den USA geben wird. „Ich möchte nach allem, was sie getan haben, nicht in Russland leben. Ich möchte nach Hause in die Ukraine zurückkehren“, sagt Obernikhina.

Die 30-Jährige Olga Obernikhina lebt in Charkiw und flüchtete aufs Land zu ihrer Oma.
Die 30-Jährige Olga Obernikhina lebt in Charkiw und flüchtete aufs Land zu ihrer Oma. | Bild: Olga Obernikhina

In einem sozialen Netzwerk hat sie auf Englisch einen Aufruf gestartet, wie jeder die Ukraine unterstützen könne: „Wenden Sie sich an Ihre lokalen Behörden und fordern Sie strenge Sanktionen gegen Russland. Schreiben Sie Ihren russischen Freunden, damit sie wissen, dass ihr Präsident einen Krieg begonnen hat – sie verstehen möglicherweise aufgrund der russischen Propaganda nicht, was passiert“, so die Ukrainerin. Und sie bittet um Spenden für die ukrainische Armee.