Die Nachricht im August ließ aufhorchen: Thomas Oppermann kündigte an, im kommenden Jahr nicht wieder für den Bundestag zu kandidieren. „Nach 30 Jahren als Abgeordneter im Niedersächsischen Landtag und im Deutschen Bundestag ist für mich jetzt der richtige Zeitpunkt, noch einmal etwas anderes zu machen und mir neue Projekte vorzunehmen“, erklärte der SPD-Politiker damals. Diesem neuen Weg, den der Bundestagsvizepräsident damals im Auge hatte, setzte sein überraschender Tod am Sonntagabend ein jähes Ende.

Seine politische Karriere begann in Niedersachsen

Die politische Laufbahn des Westfalen Oppermann begann in Niedersachsen. 1990 zog der Jurist in den Landtag in Hannover ein, war lange Zeit rechtspolitischer Sprecher seiner Fraktion. Acht Jahre später machte ihn der damalige Ministerpräsident Gerhard Schröder (SPD) zum Wissenschaftsminister. Nach der SPD-Wahlniederlage 2003 musste er das Amt abgeben. 2005 wechselte Oppermann in den Bundestag, wo er zwei Jahre später Erster Parlamentarischer Geschäftsführer seiner Fraktion wurde.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) spricht mit dem damaligen SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann im Bundestag.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) spricht 2015 mit dem damaligen SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann im Bundestag. | Bild: Michael Kappeler (dpa)

Nach der Bundestagswahl 2013 übernahm er als Nachfolger von Frank-Walter Steinmeier den Fraktionsvorsitz, den er nach der Wahl 2017 an Andrea Nahles abgab und Vizepräsident des Bundestags wurde. Oppermann machte keinen Hehl daraus, dass er gern Bundesinnenminister geworden wäre. Steinmeier hatte ihn als Kanzlerkandidat auch mit dem Bereich Innenpolitik betraut, das Amt blieb aber bei der Union. Den Wahlkreis Göttingen gewann Oppermann viermal in Folge.

Er war einer der führenden Köpfe der SPD

Die SPD verliert mit Oppermann einen ihrer profiliertesten Politiker. Ein Parteisoldat war er indessen nie. Das zeigte er schon als Wissenschaftsminister in Hannover, wo er 1999 ein Modell für sozial gestaffelte Studiengebühren vorlegte - und damit die eigene Partei gegen sich aufbrachte. Die SPD-Bundesvorsitzende Edelgard Bulmahn warf ihm sogar „parteischädigendes Verhalten“ vor. Er akzeptiere die Beschlusslage der SPD, sagte Oppermann seinerzeit in einem dpa-Gespräch. „Ich akzeptiere aber weder als Sozialdemokrat noch als Wissenschaftsminister Denkverbote für die Zukunft.“

Ein Bild vom 4. Juli 2017, aufgenommen in Berlin.
Ein Bild vom 4. Juli 2017, aufgenommen in Berlin. | Bild: Michael Kappeler (dpa)

Auch als Vizepräsident des Bundestags wollte sich der Sozialdemokrat keine Denkverbote auferlegen lassen. Wie dessen Präsident Wolfgang Schäuble (CDU) drang er auf eine Wahlrechtsreform, um das Parlament wieder zu verkleinern. Er warnte vor einem Glaubwürdigkeitsverlust. Und er stellte im vergangenen Jahr den Vorschlag in den Raum, notfalls eine Reform unter Umgehung der blockierenden Union durchzudrücken. Im vergangenen Juni drohte er dann damit, notfalls für den Gesetzentwurf von FDP, Linken und Grünen zu stimmen, wenn sich Union und SPD zu keiner Einigung durchringen könnten.

Oppermann war ein leidenschaftlicher Kämpfer für die Demokratie und den Parlamentarismus. Als im Sommer bei einer Demonstration gegen die Corona-Beschränkungen Demonstranten bis an das Reichstagsgebäude vordrangen, verurteilte er dies scharf: „Wenn ein Mob von radikalen Demonstranten die Treppe des Westportals des Reichstags stürmt, dann wird der Eindruck erweckt, unsere Demokratie kann einfach mal so hinweggefegt werden. Dabei ist das Gegenteil richtig.“

Die Ankündigung, sich aus der Politik zurückzuziehen, kam für viele auch deshalb so überraschend, weil Oppermann stets jünger aussah und wirkte als er war. Sein erwartungsvoller Blick auf „neue Projekte“ passte dann schon wieder. „Wer Thomas Oppermann zuletzt traf, erlebte einen Mann, der gerade nach der Ankündigung seines Abschieds aus der aktiven Politik im kommenden Jahr in sich zu ruhen schien und gleichzeitig voller Vorfreude auf kommende Projekte war“, erklärte Bundestagspräsident Schäuble am Montag.

Schock für die SPD

Eine von Oppermanns besonderen Leidenschaften galt dem Sport. Am Montag würdigten ihn die Teamkameraden des „FC Bundestag“ als guten und fairen Fußballer. Im vergangenen Jahr übernahm er den Vorsitz der Ethikkommission des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), setzte sich für Gehaltsobergrenzen im Profi-Fußball ein. Am Montag erinnerte sich der SPD-Abgeordnete Dennis Rohde auch an intensive Diskussionen über Basketball - Oppermanns letzter Tweet galt dem BG Göttingen.

Für die SPD ist der unerwartete Tod „ein schwerer Schock“, wie der Parteivorsitzende Norbert Walter-Borjans auf Twitter schrieb. Wie geschätzt Oppermann über die eigenen Reihen hinaus war, zeigen die Reaktionen aus den anderen Parteien. „Er war ein feiner Mensch, geschätzter Kollege und überzeugter Demokrat, der uns sehr fehlen wird“, schrieb der Vizevorsitzende der FDP-Bundestagsfraktion, Alexander Graf Lambsdorff, auf Twitter. Auch Kanzlerin Angela Merkel zeigte sich bestürzt und tief traurig. „Ich habe ihn über viele Jahre als verlässlichen und fairen sozialdemokratischen Partner in großen Koalitionen geschätzt“, sagte sie nach Angaben von Regierungssprecher Steffen Seibert über Oppermann. Als Vizepräsident des Bundestags habe sich der SPD-Politiker „in turbulenter Zeit um unser Parlament verdient gemacht“.

SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil schrieb auf Twitter, er habe Oppermann als Gesprächspartner und Ratgeber sehr geschätzt. „Man konnte lachen mit ihm. Seine Leidenschaft für Politik war für jeden spürbar. Sein viel zu früher Tod schockt mich.“ Die Parteivorsitzenden Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken sprachen der Familie, Oppermanns Frau und seinen vier Kindern, ihre Anteilnahme aus.

Oppermann war nach ZDF-Angaben am Sonntag zum Thema „Bundestag und Corona“ als Live-Interviewgast in die Sendung „Berlin direkt“ eingeladen. Er sollte aus dem Göttinger Max-Planck-Institut in die Sendung geschaltet werden. Während der erste Beitrag lief, sei er aber plötzlich zusammengebrochen. Oppermann sei dann in die Universitätsklinik Göttingen gebracht worden. „Das ganze Team von "Berlin direkt" ist bestürzt und tief betroffen“, teilte der Leiter des ZDF-Hauptstadtstudios, Theo Koll, mit. Noch im Vorgespräch habe Oppermann wie gewohnt entspannt gewirkt. Oppermann war Vater von vier inzwischen erwachsenen Kindern. Er wurde 66 Jahre alt. (dpa)

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