Sehr geehrter Herr Lindner,

heute sind Sie mal dran mit einem Brief, nicht nur weil Sie bei der Traditionstante FDP den Hut aufhaben, sondern weil Sie – neben ihrem Parteifreund Wolfgang Kubicki – der Einzige bei den Liberalen sind, der für einen offenen Brief prominent genug ist.

Christian Lindner, 41, Bundesvorsitzender der FDP, hat derzeit keinen leichten Stand. In Thüringen zeigt die Partei Nähe zur AfD, in der Corona-Krise fehlt eine klare Linie – und in den Sonntagsumfragen dümpelt die FDP bei mageren fünf Prozent.
Christian Lindner, 41, Bundesvorsitzender der FDP, hat derzeit keinen leichten Stand. In Thüringen zeigt die Partei Nähe zur AfD, in der Corona-Krise fehlt eine klare Linie – und in den Sonntagsumfragen dümpelt die FDP bei mageren fünf Prozent. | Bild: Bernd Von Jutrczenka/dpa

Das ist eine hoch traurige Tatsache für eine Partei, die früher große und prägende Köpfe in die Bundespolitik geschickt hat und die mit Theodor Heuss sogar den ersten Bundespräsidenten stellte. Lange her.

Gerade jetzt bräuchte man Sie!

Dabei ist geistige Orientierung durch die FDP gerade in den Corona-Zeiten wieder gefragt, da die Freiheit – die ja in ihrem Parteinamen verankert ist – nicht nur durch Regelungen beschnitten, sondern grundlegend ethisch diskutiert wird. Etwa in der Frage, wie viel ein Staat unternehmen muss oder darf, um Menschenleben zu schützen. Diese brisante Frage wurde indes von Wolfgang Schäuble, aber nicht von Ihnen, Herr Lindner, gestellt.

Statt dessen ist aus der FDP kaum mehr als Stammtisch-Getöse zu vernehmen. Wie etwa von Wolfgang Kubicki, der in einer Talkshow blafft: „Wer Angst hat, soll zuhause bleiben.“ Sind sie eigentlich auch der Meinung ihrer Parteifreunde in Baden-Württemberg, die Boris Palmer nach seiner Entgleisung ein liberales Parteibuch andienen wollen?

Wo ist Ihr politischer Instinkt?

Da muss man sich dann schon fragen: Wie weit ist es unter Ihrer einst so hoffnungsvoll gestarteten Führung mit der FDP gekommen? Schon die Thüringer Skandal-Wahl des Nobodys Thomas Kemmerich zum Regierungschef hat Sie alt aussehen lassen. Von politischem Instinkt war in diesem Fall nichts zu sehen, und von Führungsstärke erst Recht keine Spur. Jetzt kuschelt der Erfurter Problembär bei Demos mit der AfD.

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Wo sollen denn da die Wähler sein, die der FDP bei der nächsten Bundestagswahl über die Fünfprozenthürde helfen? Sollen das die Rechten besorgen? Besinnt sich die Partei inzwischen auf die Tradition Ihres Urahnen im Parteivorsitz, Erich Mende, der nichts dabei fand, als Erster wieder öffentlich mit Hitlers Ritterkreuz herumzulaufen?

Werfen Sie Kemmerich über Bord!

Überlassen Sie diese Geschichtsvergessenheit lieber der AfD und Alexander Gauland. Machen Sie am kommenden Montag bei der Bundesvorstandssitzung Ihrer Partei klar Schiff und leiten Sie ein Parteiausschlussverfahren gegen Kemmerich ein. Solche Männer helfen den Liberalen nun wirklich nicht aus der Krise. Werfen Sie sie über Bord.

Sie sind doch jemand, der am liebsten kritisch nach vorne denkt. Dann beziehen Sie in der von Ihnen eigentlich gewohnten Scharfzüngigkeit Stellung gegen staatliche Allmachtsfantasien, für die der Lockdown eine fragwürdige Folie für die Zukunft abgeben könnte. Die Lufthansa fordert Milliarden, der Staat soll sich aber heraushalten; die Steuer-Gier des Finanzministers ist unverschämt hoch; die SPD verlinkst im Eiltempo; die Umverteilung des Wohlfühlstaats schaufelt gigantische Beträge von der Mitte nach unten. Ist mit Corona nun auch die Globalisierung passé, wie von Ideologen zu hören ist?

Herr Lindner, wir vermissen einen liberalen, vernünftigen und gelassenen Ton in der wirren Debatte. Lassen Sie uns bitte nicht im Stich. Die FDP wird auch weiter gebraucht.

Ihr Alexander Michel 

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