Nach der Verletzung eines Kleinkindes bei einer Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen im bayerischen Schweinfurt haben die Gewerkschaft der Polizei sowie der Kinderschutzbund Eltern scharf kritisiert, die ihren Nachwuchs auf diese Weise in Gefahr bringen. Der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers, nannte das Verhalten der Eltern unverantwortlich. Laut dem Bundesvorsitzenden der Gewerkschaft der Polizei, Oliver Malchow, versuchen Eltern vermehrt, ihre Kinder als Schutzschilde gegen Polizisten einzusetzen.

Kein Einzelfall bei Corona-Demos?

Bei der unangemeldeten Demonstration in Schweinfurt war es am Abend des zweiten Weihnachtsfeiertages zu Ausschreitungen gekommen, acht Menschen wurden festgenommen. Neben acht Beamten, die durch Faustschläge und Fußtritte verletzt wurden, erlitt auch ein vierjähriges Kind leichte Verletzungen durch Pfefferspray. Laut Polizei hatte dessen Mutter zusammen mit dem Kind versucht, eine Polizeiabsperrung zu überwinden. Die Mutter, laut Polizei eine Anhängerin der Querdenkerszene, hatte sich mit ihrem Kind unter den Mob gemischt, der in der Deckung eines Linienbusses gewaltsam eine Polizeikette durchbrechen wollte.

Polizist kümmert sich als Ersthelfer

Obwohl die Einsatzkräfte angekündigt hatten, dass sie Schlagstöcke und Pfefferspray einsetzen werden, blieb die Frau. Das Kind bekam eine Nebelwolke ab. Ein Polizeibeamter löste sich aber sofort aus der Absperrreihe, brachte das Kind aus der Gefahrenzone und kümmerte sich als Ersthelfer um das Kleine. Das Kind blieb nach einer Augenspülung unverletzt.

Aufgeheizte Stimmung beim unangemeldeten Protest in Schweinfurt am Abend des zweiten Weihnachtsfeiertages: Demonstranten beschimpften Polizeibeamte, beleidigten und bespuckten sie und griffen sie tätlich an.
Aufgeheizte Stimmung beim unangemeldeten Protest in Schweinfurt am Abend des zweiten Weihnachtsfeiertages: Demonstranten beschimpften Polizeibeamte, beleidigten und bespuckten sie und griffen sie tätlich an. | Bild: Josef Lamber

Nach Polizeiangaben beteiligten sich mehrere hundert Menschen aus der Querdenker- und Impfgegnerszene an der nicht angemeldeten Demonstration. Mehrere Teilnehmer versuchten demnach mit massiver Gewalt, Absperrungen zu durchbrechen. Acht Demonstrationsteilnehmer wurden unter anderem wegen Widerstands, versuchter Gefangenenbefreiung, Körperverletzung und tätlichen Angriffs gegen Polizeibeamte vorläufig festgenommen.

Im Schnellverfahren zu Geld- und Bewährungsstrafen verurteilt

Bereits einen Tag nach den Ausschreitungen mussten sich vier Teilnehmer vor Gericht verantworten. Das Amtsgericht Schweinfurt verurteilte die drei Männer und eine Frau am Montagabend in einem beschleunigten Verfahren zu Geld- beziehungsweise Bewährungsstrafen, wie ein Sprecher mitteilte.

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Das Amtsgericht sprach die vier Beschuldigten im Alter zwischen 22 bis 50 Jahren unter anderem wegen tätlichen Angriffs auf Vollstreckungsbeamte, Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und Körperverletzung schuldig. Ein 22-Jähriger wurde zu einer Geldstrafe von 1600 Euro verurteilt. Die anderen beiden Männer und die Frau erhielten Freiheitsstrafen zwischen sechs Monaten und einem Jahr, die jeweils zur Bewährung ausgesetzt wurden. Die Urteile sind noch nicht rechtskräftig. Gegen die Mutter wurde wegen des Kinderwagen-Vorfalls Anzeige erstattet, sie gehörte nicht zu den Verurteilten.

Polizeipräsident sorgt sich wegen „aggressiver Grundstimmung“

Polizeipräsident Detlev Tolle beobachtet die Entwicklung mit Sorge: „Unsere Einsatzkräfte sahen sich, anders als noch vor einer Woche, einer aggressiven Grundstimmung gegenüber und sie wurden von Beginn an wiederholt beschimpft, beleidigt, bespuckt und tätlich angegriffen“, sagte der unterfränkische Polizeichef. Laut Tolle bereitet „der wachsende Zulauf aus dem rechten Spektrum“ der Polizei Sorge. Wer sich an den sogenannten Spaziergängen beteilige, wisse, „dass sie nicht spazieren gehen, sondern an einer nicht angezeigten Versammlung teilnehmen. Und zwar zusammen mit unfriedlichen Störern und Personen aus dem rechten Spektrum“.

Mehrere hundert Menschen aus der Querdenker- und Impfgegnerszene waren bei dem Protest dabei.
Mehrere hundert Menschen aus der Querdenker- und Impfgegnerszene waren bei dem Protest dabei. | Bild: Josef Lamber

Thorsten Grimm, Bezirksvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) wurde noch deutlicher. „Man muss sich schon die ernsthafte Frage stellen, was eine Mutter dazu bewegt, ihr Kind im Kinderwagen auf eine solche Versammlung mitzunehmen und sich dann auch noch in vorderster Front zu bewegen“, sagte Grimm. „Ein Kind als ‚Schutzschild‘ zu missbrauchen ist ein Akt der Unmenschlichkeit und das muss das Jugendamt auf den Plan rufen.“ Ähnlich reagierte Katharina Schulze, Fraktionschefin der Grünen im Landtag. „Es ist absolut unverantwortlich, Kinder in radikalisierten Aufmärschen mitzunehmen und zu gefährden und hat mit friedlichem Protest rein gar nichts zu tun.“ Polizeigewerkschafter Thorsten Grimm sprach von einer „brandgefährlichen Entwicklung.

Auch in Baden-Württemberg gingen an den Feiertagen rund 2200 Menschen bei 29 Versammlungen gegen die Corona-Politik auf die Straßen. In Reutlingen und Bad Mergentheim kamen Demonstranten zu „Spaziergängen“ zusammen, obwohl diese zuvor von den Behörden verboten worden waren.