Vielleicht haben wir uns schon zu sehr an das Ungeheuerliche gewöhnt. Bereits vor vier Jahren wurde Walter Lübcke, der ermordete Regierungspräsident von Kassel, beschimpft, angefeindet und bedroht, weil er sich hinter die Flüchtlingspolitik von Angela Merkel gestellt hatte. Ein Aufschrei ging nicht durchs Land. Selbst jetzt, nachdem der CDU-Politiker vor seinem Haus von einem Unbekannten hingerichtet wurde, waberten Hass und Häme durchs Netz – weitgehend ungehindert. Die Urheber kamen allesamt aus der rechten Ecke.

Wenn sich erhärten sollte, was die Ermittlungen im Mordfall Lübcke bisher ergeben haben, gibt es allen Grund zum Innehalten. Denn dann steht Deutschland vor einer neuen Dimension politischer Gewalt. Die Republik kennt den Terror der Roten Armee Fraktion in den 70er- und 80er-Jahren. Sie kennt den Schrecken, den islamistische Selbstmordattentäter auf deutschem Boden verbreiten. Und sie müsste auch wissen, welches Gefahrenpotenzial sich am rechten Rand der Gesellschaft aufgetürmt hat. Nicht nur Schlichtdenker mit Springerstiefeln kriechen aus diesem Sumpf hervor, sondern auch eiskalt berechnende Killerkommandos wie das Mördertrio des NSU.

Warum dieser Mord einen Einschnitt markiert

Trotzdem markiert dieser Mord einen Einschnitt. Sollte der Mann, der seit einigen Tagen hinter Gittern sitzt, wirklich der Täter sein, heißt das: Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik wurde ein amtierender Politiker von einem Rechtsextremisten ermordet. Anders als seine Gesinnungsfreunde vom NSU war der 45-Jährige – so er es war – entschlossen, einen Repräsentanten des Staates zu töten: Seine Kugel galt dem Gemeinwesen, dem das Opfer diente. „Entweder diese Regierung dankt in Kürze ab oder es wird Tote geben“, soll der Verdächtige unter falschem Namen bei YouTube geschrieben haben. In seiner Kaltschnäuzigkeit erinnert der Mord von Kassel an das Grauen, das seinerzeit Linksfanatiker wie Andreas Baader und Gudrun Ensslin verbreiteten. Er sollte genauso ernst genommen werden.

Wird er aber nicht. Bisher jedenfalls. Polizei und Verfassungsschutz haben das Treiben am rechten Rand viel zu lange durch getönte Scheiben beobachtet – gerade in Hessen tun sich Abgründe auf. Vor allem aber: Wer Terrorismus wirksam bekämpfen will, muss dessen Ursachen nachgehen und das Umfeld durchleuchten. Schon vor dem Mord von Kassel gab es alarmierende Signale, dass sich das Milieu weiter radikalisiert. Jahrelang fantasierte die militante Rechte vom großen Umsturz, der sie an die Macht bringen sollte. Diese Seifenblasen platzen derzeit reihenweise: Weder in Deutschland noch sonstwo in Europa wollen die Bürger eine Revolution, sondern vor allem ihre Ruhe. Die wachsende Gewaltbereitschaft der Szene erklärt sich auch aus dem Frust über die Aussichtslosigkeit ihres Kampfes. Auch darin sind sich der linke Terrorismus von gestern und der rechte Terrorismus von heute frappierend ähnlich.

Wo die Worte verrohen

Und dann ist da noch die schleichende Brutalisierung der Sprache. Wo die Worte verrohen, ist die Straftat nicht weit, sagt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. So ist es. Ein Blick ins Netz genügt: Überall Hass und Hetze, überall Schaum vor dem Mund. Internet-Riesen wie Facebook, Twitter und YouTube nehmen es weitgehend hin, die Politik wirkt machtlos. So sickert Gift von rechts zur Mitte hin. Die RAF hatte ihre studentische Sympathisantenszene, die ihre Anschläge mit klammheimlicher Freude verfolgte. Die Brandstifter von rechts wissen ein Umfeld von Biedermännern hinter sich, das sie anfeuert und ihnen offen Beifall spendet. Deshalb reicht es nicht, wenn sich die AfD formell von der Gewalt am rechten Rand distanziert. Glaubwürdig klingen solche Bekundungen nur, wenn den Worten Taten folgen. Beispielsweise, indem Hetzer und Gewaltversteher konsequent aus der Partei geworfen werden. Der Kampf gegen Terror verträgt keine Zweideutigkeiten.