Herr Professor Möller, am Freitag wurde eine Handgranate vor einem Flüchtlingsheim in Villingen-Schwenningen entdeckt. Was passiert denn da gerade in Deutschland?

Wenn Waffen zum Einsatz kommen, scheint eine besondere Form von Gewalt vorzuliegen: instrumentelle Gewalt. Gewalt wird dann eingesetzt zur Durchsetzung von Ideologie. Das ist anders als bei situativer Gewalt, wo es eine plötzliche Konflikt-Eskalation gibt, etwa zwischen jugendlichen Herkunftsdeutschen und jugendlichen Geflüchteten. Hier in Villingen-Schwenningen muss man annehmen, dass bei dem Täter oder den Tätern eine verfestigte Ideologie vorliegt und die Tat geplant war. Denn Granaten liegen ja nicht einfach so herum. Sie sind jedenfalls nicht so leicht zu besorgen wie Benzinkanister und Streichhölzer. Das hat in dieser Hinsicht augenscheinlich schon eine gewisse Ähnlichkeit mit dem NSU-Terror.

Sie würden von einem terroristischen Akt sprechen, nicht von einem Anschlag?

Das kann man noch nicht sagen. In jedem Fall scheint mir aber im Hintergrund eine aufgeheizte Stimmung zu stehen, in der immer mehr rechtspopulistische Diskurse um sich greifen. Wut, Hass, Hetze, Verachtung, Abwertung – irgendwelche Tiraden verbreiten sich viel stärker, als es früher der Fall war, vor allem über Internetkommunikation. Wenn man in soziale Netzwerke hineingeht, sieht man, wie sich Einzelne im Schutz der Anonymität enthemmt zeigen.

Hier haben wir es aber mit einer anderen Qualität zu tun?

Ja, man muss sich klar machen, dass man sich in den Foren wechselseitig bestätigt und gegenseitig übertrumpft in seinen Hasstiraden, sodass so etwas wie die Entgrenzung der politischen Meinungsäußerung stattfindet. Damit meine ich nicht nur das Verletzen ganz normaler Anstandsgrenzen, sondern auch das Verletzen von Grundsätzen politischer Ethik. Dadurch, dass es viele solcher Beiträge gibt, wird eine Art Fiktion von Akzeptanz hergestellt – als sei es ganz normal, sich auf diese Art und Weise zu äußern. In der Folge wird die Stimmung immer stärker aufgeheizt. Gewalttäter, die dort verkehren, sehen sich dann letztlich als so etwas wie Vollstrecker des Volkswillens.

In einem Weblog schreibt jemand: „Was muss eigentlich noch passieren, bis der der Staat Pegida und AfD als das bekämpft, was sie sind: die Wiege des rechten Terrorismus!“ Hat er recht?

Ich glaube, das Problem liegt viel tiefer. Schon seit der Sinus-Studie von 1981 wissen wir, dass rechtes Denken eher in seltenen Fällen zu rechtsextremer Organisierung führt. Aktuell wissen wir: 43 Prozent derjenigen, die sich zur politischen Mitte rechnen, haben rechtspopulistische, teils rechtsextreme Orientierungen, und keineswegs nur die, die sich rechts verorten.

Schaut man mal in die großen Volksparteien hinein, stellt man fest, dass von den Sympathisanten von CDU/CSU und SPD etwa jeder Vierte bis Fünfte nationalistisch und ausländerfeindlich eingestellt ist. Auch in der Mitte der Gesellschaft entsteht eine Akzeptanz für extrem rechte Meinungsäußerungen. 70 Prozent derjenigen, die 2015 Straftaten gegen Flüchtlingsunterkünfte begangen haben, sind laut BKA-Erkenntnissen vorher keine politisch motivierten Täter gewesen. Etwa drei Viertel kommen aus dem unmittelbaren Wohnumfeld, sind also anscheinend sogenannte ganz normale Leute. Mir scheint, dass die Gewalt in die Mitte der Gesellschaft gerückt ist oder wenigstens dort zunehmend Akzeptanz erhält. Das ist das eigentliche Problem, nicht nur eines von AfD und Pegida.

Woher rühren die regionalen Unterschiede, warum Villingen-Schwenningen?

Villingen-Schwenningen ist seit Langem eine Hochburg der Rechtsextremen. In Baden-Württemberg kann man sehen, dass sich diese Tradition in manchen Regionen offenbar auch von Generation zu Generation sozial weitervererbt. Das ist zum Beispiel in Pforzheim so und auch auf der Baar. Mir macht Sorgen, dass laut neuesten Aufstellungen des BKA die Zahl der Anschläge auf Asylbewerberheime in Baden-Württemberg inzwischen höher ist als in Sachsen. Daran sieht man, dass sich die regionalen Zuspitzungen auch rasch ändern können. Pointiert: Wo's heute noch nicht brennt, kann's sehr wohl morgen brennen.