Sehr geehrte deutsche Polizei,

meine allererste Bekanntschaft mit Ihnen machte ich als Grundschüler in den 70er-Jahren. Da stand auf der Kinderseite unserer Tageszeitung immer samstags ein Comic-Strip, der uns zu folgsamen Staatsbürgern erziehen sollte: „Oscar, der freundliche Polizist“, hatte den für damalige Polizisten typischen Oberlippenbart, trug eine blaue Uniform und war genau das, was uns über die Polizei vorgebetet wurde: „Dein Freund und Helfer.“

Zwei Polizeibeamte kontrollieren in Stuttgart die Einhaltung der Corona-Regeln. Die Pandemie hat den Dienst der Beamten zusätzlich erschwert.
Zwei Polizeibeamte kontrollieren in Stuttgart die Einhaltung der Corona-Regeln. Die Pandemie hat den Dienst der Beamten zusätzlich erschwert. | Bild: Sebastian Gollnow/dpa

Goldene Zeiten, möchte man fast sagen. Inzwischen frage ich mich, was junge Männer und Frauen – vom sicheren Job und ordentlicher Pension abgesehen – heute dazu motiviert, Polizist werden zu wollen.

Da braucht man ein dickes Fell, um allein die Provokationen wegzustecken: Angemault zu werden, Beleidigungen zu hören, Stinkefinger zu sehen, angespuckt oder von aggressivem Volk eingekreist zu werden. Die Bürger scheinen solche Gewaltphänomene passiv hinzunehmen und erwartet eine Lösung immer von oben. Aber wie wär‘s mal mit: Danke, Polizei, für Tag-und-Nacht-Bereitschaft im Problem-Revier?

Wo ist der Respekt hin?

Nach den körperlichen Attacken auf Polizisten während der Stuttgarter Krawallnacht wird verständlich, warum laut einer Umfrage mehr als 80 Prozent aller Befragten über die zunehmenden Angriffe auf Beamte besorgt sind. In der Tat: Der Respekt vor der Polizei – wie überhaupt der Respekt vor Autoritäten generell – ist auf dem Rückzug. Wer als Bürger am Erhalt unserer öffentlichen Sicherheit interessiert ist, sollte dieser Tendenz die Stirn bieten.

Indes ist es auch billig, die allgemeine Erosion von Ruhe und Anstand zu beklagen und darüber zu vergessen, dass sich die Polizei auch früher gegen gefährliche Attacken und blanken Hass wappnen musste. Dafür stehen Namen wie Brockdorf, Wackersdorf und Startbahn-West. Bei diesen teilweise blutigen Konflikten mit zahlreichen Verletzten sahen sich die Beamten in der Defensive, weil man ihnen martialisches Auftreten und Provokation vorwarf, wobei sich das linke politische Spektrum als besonders kritisch hervortat.

Dunkle Ecken in Sachsen

Sie als Polizisten, konnten damals nur bei CDU, CSU und dem rechten Teil der SPD auf Rückhalt rechnen. Unvergessen Otto Schily mit Helm und Knüppel! So steht es in einer gewissen Tradition, wenn die SPD-Co-Chefin Saskia Esken zu pauschalen Vermutungen über Rassismus bei der Polizei neigt. Die Empörung in Ihren Reihen war groß. Indes ist unbestreitbar, dass etwa in den Reihen der sächsischen Beamten rassistische Sprüche hoffähig wurden und keine Einzelfälle darstellten.

Das könnte Sie auch interessieren

Vielleicht ist das ja eine Erklärung: Die politische Gesinnung und geistige Haltung in einem Bundesland bleibt nicht ohne Wirkung auf den Geist von Polizisten. Sicher auch ein Thema für die Polizeihochschulen und die Personalgewinnung.

Berliner Übertreibungen

Schauen wir jedoch in die USA, muss man der deutschen Polizei ein gutes Zeugnis ausstellen. Gewaltanwendung oder Schusswaffeneinsatz ist hierzulande nur der letzte Schritt.

Daher ist es mir ein Rätsel, warum der Berliner Senat so wenig Vertrauen in seine Ordnungshüter hat, dass er sie unter Diskriminierungsverdacht stellt. Immerhin war Berlin einst preußische Hauptstadt und die Polizei Ordnungsmacht Nummer 1. Das war übertrieben, doch war jetzt folgt, ist es ebenso. In diesem Sinne: Vermeiden wir die Extreme! Dann gelingt Sicherheit am besten.