Sehr geehrte Frau Merkel,

freut mich sehr zu hören und zu sehen, dass es Ihnen gut geht! Nach dem 16-jährigen Regieren scheinen Sie jedenfalls in kein Loch zu fallen. Stattdessen: Endlos-Spaziergänge am Ostseestrand, Shakespeare als Hörbuch, Tag „rumbringen“ leicht gemacht. So stellt man sich doch den Ruhestand vor: Endlich all die Bücher lesen, zu denen man im stressigen Berufsalltag nicht kommt.

Da musste etwas raus

Jetzt haben Sie sich dann doch zu Wort gemeldet. Irgendwie rissen die Fragen wohl nicht ab nach einem Statement zu Putin, zur Ukraine und der Rolle, die Ihre Politik spielte. Auch wenn Sie der amtierenden Regierung nicht reinpfuschen wollen und sich deshalb bislang zurückhielten: Beim Interview mit dem Spiegel-Journalisten Alexander Osang konnte man schon den Eindruck bekommen, dass da etwas rausmusste. Dass Sie die mal unterschwelligen, mal deutlichen Vorwürfe nicht so stehen lassen wollten. Recht haben Sie!

Sie wussten längst, wie Putin tickt

Hinterher wissen es nämlich immer alle besser, meine Zunft eingeschlossen. Wie wir jetzt erfahren haben, hat Ihnen Putin schon 2007 erzählt, dass er den Zerfall der Sowjetunion für die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts hält. Aber hätte man Russland deshalb ausgrenzen sollen, nicht mehr mit Putin reden? Bestimmt nicht.

Wie Sie im Interview schildern, waren nicht alle Entscheidungen 100 zu Null – also ganz klare Fälle, sondern manchmal nur 52 zu 48. Sie haben mit sich gerungen, als es um die Nato-Mitgliedschaft der Ukraine ging und aus damals nachvollziehbaren Gründen dagegen gestimmt.

Russlands Präsident Wladimir Putin gemeinsam mit Angela Merkel im August 2020.
Russlands Präsident Wladimir Putin gemeinsam mit Angela Merkel im August 2020. | Bild: EVGENY ODINOKOV, AFP

Im Nachhinein ist nicht alles richtig gewesen, was Sie entschieden haben, aber wer will schon von sich behaupten, immer richtig zu liegen?

Eine Sache aber muss ich Ihnen doch vorhalten: Nord Stream 2. Dass Sie trotz allem, was Sie über Putin wussten, dass er „Europa zerstören will“, wie Sie sagen, der noch engeren Gas-Kooperation zustimmten, dass Sie das Risiko eingingen, endgültig abhängig zu werden von russischem Gas – das war ein schwerer Fehler, den Sie bei Ihrem Auftritt nonchalant unter den Teppich kehren.

Er lässt sich auch nicht damit erklären, dass während Ihrer Amtszeit ohne Frage eine Krise die nächste jagte. Dafür gibt es einen anderen Grund: Deutschland mit seinem großen Energiehunger wollte möglichst billig an Gas kommen. Politische Vernunft ließ man dabei außer acht.

So nüchtern wie Scholz? Blödsinn

Übrigens: Ihr Amtsnachfolger Olaf Scholz wird in seiner nüchternen Art ja des Öfteren mit Ihnen verglichen. Wenn ich Ihnen so lausche, muss ich sagen: Blödsinn. Sie sind unterhaltsam, direkt, emotional. Das mag daran liegen, dass Sie nicht mehr in Amt und Würden sind. Dennoch: Ein derartig munteres Interview mit Scholz kann ich mir nicht vorstellen – auch nicht zehn Jahre nach Ende seiner Amtszeit.

In diesem Sinne: Weiter gute Erholung!