Sehr geehrte Frau Baerbock,

ich habe Ihr Buch noch nicht gelesen, aber nach allem, was man jetzt so hört, ist mein Drang dazu auch nicht allzu groß. Ehrlich gesagt, war er das auch vorher nicht. Ich bin nämlich der Meinung, dass Sie im Zuge des Wahlkampfs, zahlreicher Talkshowauftritte und noch mehr Interviews reichlich Gelegenheit haben werden, uns zu erklären, wie Sie sich die Zukunft Deutschlands vorstellen. Ein Buch hätte es meines Erachtens dafür nicht gebraucht. Aber andere ticken da offenbar anders – ihr Werk steht auf der Spiegel-Bestsellerliste immerhin auf Platz acht.

Annalena Baerbock ist Kanzlerkandidatin von Bündnis 90/Die Grünen. Die 40-Jährige ist verheiratet und hat zwei Töchter. Studiert hat sie Politikwissenschaften und Internationales Recht. In ihrer Jugend betrieb sie Trampolinspringen als Leistungssport.
Annalena Baerbock ist Kanzlerkandidatin von Bündnis 90/Die Grünen. Die 40-Jährige ist verheiratet und hat zwei Töchter. Studiert hat sie Politikwissenschaften und Internationales Recht. In ihrer Jugend betrieb sie Trampolinspringen als Leistungssport. | Bild: Fabian Sommer, dpa

Der vermeintliche Schmuck verkehrt sich in hässliche Kratzer

Warum also das Buch? Abgesehen davon, dass es sich gut verkaufen lässt, gilt so ein Sachbuch gemeinhin als Ausweis von intellektueller Kraft, von erheblicher Fachkenntnis und auch von tugendhaftem Fleiß. Es schmückt den Autor. Normalerweise. In Ihrem Fall droht der Effekt gerade ins Gegenteil zu kippen.

Was wiederum ungerecht ist, schließlich fand der professionelle österreichische Plagiatsjäger nicht einmal zwei Dutzend Stellen, an denen Sie sich wohl bedient haben. In Vergleich zum Copy-and-Paste-Artisten Karl-Theodor zu Guttenberg ist das ein Klacks. Und doch hinterlässt die neuerliche Affäre genau wieder dort hässliche Spuren, wo Sie eigentlich Ihr größtes Kapital haben – bei Ihrer Glaubwürdigkeit.

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Ihre Partei stürzt sich nun in die Vorwärtsverteidigung, hat den Medienanwalt Christian Scherz beauftragt, um sich mit juristischen Mitteln gegen alle Vorwürfe zu wehren. Nur wird das wenig helfen. Denn letztlich bleibt immer etwas hängen. Der Wahlkampf ist in seine schmutzige Phase eingetreten – und Sie und Ihre Partei haben dafür unfreiwillig die Steilvorlagen geliefert. Das war unnötig und lässt Ihr Wahlkampfteam seltsam unprofessionell wirken. Und das nach dem geradezu perfekten Auftakt, den Sie und Ihr Co-Vorsitzender Robert Habeck hinlegten.

Vergessen sind Maskenaffären und unwürdiges Buhlen bei der Union

Seien wir mal ehrlich: Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet hätte sich das gar nicht schöner ausdenken können. Vergessen sind Maskenaffären und unwürdiges Buhlen um die Kanzlerkandidatur bei der Union. Oder auch der Umstand, dass CDU/CSU als letzte Partei mit einem Wahlprogramm um die Ecke kam. Überhaupt, die Inhalte – wo sind Sie geblieben?

Auch Ihre Grünen haben sich, so scheint es, nach der missglückten Spritpreis-Debatte aus dem inhaltlichen Feld zurückgezogen. Das allerdings wäre ein schwerer Fehler. Auch wenn die Wähler unangenehme Wahrheit nicht gerne hören mögen: Wenn Sie nicht jetzt nicht dafür einstehen, dass der Sprit teurer werden muss, dass es Klimaschutz nicht umsonst gibt, dann weiß ich nicht, wie Sie als Kanzlerin Ihre Inhalte durchsetzen wollen. Die Frage, die sich Deutschland im September stellt, lautet: In welchem Land wollen wir leben? Nicht: Laschet, Baerbock oder Scholz?

In diesem Sinne warte ich gespannt auf Inhalte, muss nicht in Buch-Form sein!