Plötzlich sind alle für Klimaschutz. An der Ahr werden noch die Keller leergepumpt und die Trümmer beiseite geräumt, in Berlin beginnt der Wettbewerb, wer das beste Konzept hat, damit sich solche Katastrophen nicht wiederholen. Selbst FDP-Chef Christian Lindner inszeniert sich als Kämpfer wider die Erderwärmung und versucht, die Grünen auf der Öko-Spur zu überholen.

Zwei Monate vor der Bundestagswahl verschiebt die Aufarbeitung der Flutkatastrophe die Themenlage. Das kann den Grünen nützen und sie aus ihrem Tal der Tränen führen – muss aber nicht. Denn ganz so simpel sind die Gleichungen und Folgerungen in der Klimapolitik nicht, auch nicht während eines Wahlkampfs. Noch deutet nichts darauf hin, dass Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock wieder ins Spiel kommt. Die Aufregung um Lebenslauf und Nebeneinkünfte verblasst zwar angesichts der neuen, ungleich gewaltigeren Probleme, die die Republik jetzt umtreiben. Doch der Ruf ist ramponiert. Die Kandidatin kann derzeit nur zuschauen, wie Kontrahent Armin Laschet als Ministerpräsident durch den Schlamm watet und den Menschen Hilfen zusagt. Wer kein Regierungsamt hat, steht in Krisenzeiten immer im Schatten, weil die Scheinwerfer woanders hin leuchten.

Nicht an jedem überfluteten Keller ist der Klimawandel schuld

Auch was ihr Programm betrifft, sollten sich die Grünen nicht zu viel versprechen. Es grenzt zwar an Unverfrorenheit, wie die Klimabremser von gestern plötzlich grüne Forderungen abkupfern, nur weil das Thema mit einem Donnerschlag in der Mitte der Wählerschaft ankommt. Trotzdem eignet sich ein komplexes Feld wie der Klimawandel nicht für Populismus, auch nicht für grünen. Hört man den Klimaforschern zu, liegen die Dinge komplizierter. Dass es auf der Erde immer wärmer wird, ist zwar wissenschaftlich erwiesen, ebenso, dass die modernen Industriegesellschaften dazu beitragen, weil sie seit 150 Jahren Kohle, Öl und Gas verfeuern. Doch nicht an jedem überfluteten Keller ist der Klimawandel schuld. Wer so argumentiert, macht es sich zu leicht – und übertüncht ungewollt andere Versäumnisse, die ebenso dringend nach Abhilfe rufen.

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So liegt es auf der Hand, dass Deutschland in den vergangenen Jahren die Katastrophenvorsorge sträflich vernachlässigt hat. Flusstäler wurden zu Baugebieten, Kellergeschosse zu Wohnungen, Streuobstwiesen zu Maisäckern. Klare Absprachen unter den Behörden, wer im Notfall die Bevölkerung warnt, gibt es nicht. Zu allem Überfluss wurden in den Dörfern die Sirenen von den Rathausdächern abmontiert, als gäbe es kein Feuer und kein Wasser mehr. Im Unglücksgebiet zeigte sich: Das Handy ist kein Ersatz. Gerade ältere Leute haben, wenn sie zu Bett gehen, ihr Telefon nicht auf dem Nachttisch liegen. Sie sind mit Sirenen erreichbar, nicht mit Warn-Apps.

Baerbock ist vorerst entzaubert

Slogans für Wahlplakate ergeben sich daraus nur bedingt: Klimaschutz ist das eine, Katastrophenvorsorge das andere. Beim Kampf gegen die Erderwärmung wird den Grünen allen Umfragen zufolge die größte Kompetenz zugeschrieben, nicht aber, wenn es um die Frage geht, wer in Notlagen die Zügel in die Hand nehmen kann. Auch aus diesem Grund ist die Entzauberung ihrer Spitzenkandidatin für die Grünen bitter. Für einen Wahlsieg braucht Baerbock Stimmen aus konservativen Wählerschichten. Diese aber legen Wert auf Führungsqualitäten – die sie ihr nicht zutrauen.

Laschet im Stresstest

Das bedeutet nicht, dass Armin Laschet aufatmen kann. Seit die Fluten durch sein Bundesland rauschten, folgen ihm Kameras und fragende Blicke. Für den CDU-Kandidaten ist aus dem Hochwasser-Management längst ein Stresstest für die Kanzlerschaft geworden. Anders als Malu Dreyer in Rheinland-Pfalz macht er dabei nicht immer eine glückliche Figur. Die Bilder, die einen feixenden Ministerpräsidenten zeigen, haben Laschet zweifellos geschadet, aber sie sind verzeihlich: Auch ein Politiker ist nur ein Mensch. Irritierender ist sein Wanken und Schwanken, wenn es um die Folgen für die Klimapolitik geht. Selbst die Kanzlerin räumt ein, ihre Regierung habe bei dieser Jahrhundertaufgabe zu wenig getan. Laschet hingegen reagiert auf kritische Fragen patzig. Auf diesem Terrain, so der Eindruck, scheint er wenig trittsicher. Wenn der CDU-Kandidat angreifbar ist, dann hier.

Deshalb kann sich noch vieles bewegen: Gelaufen ist diese Wahl noch nicht. Baerbock kämpft mit dem Rücken zur Wand, doch Laschet gelingt es nur schwer, seinen Vorteil auszuspielen. Beide haben das Problem, dass sie dem Vergleich mit Merkel nicht standhalten. Schon jetzt heißt der lachende Dritte Olaf Scholz. Mit stoischer Miene besichtigt er die Flutgebiete und verteilt dank seines Amtes als Finanzminister Geld. Glaubt man den Umfragen, zahlt es sich für die SPD bereits aus.