Angesichts der Infektionslage hätte Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz allen Grund, in seinem Land sämtliche Schotten dicht zu machen. Trotzdem öffnet er die Türen – weil er sieht, wie die Corona-Einschränkungen die Menschen zermürben. „Es macht keinen Sinn, in einem strikten Lockdown zu verharren, bei gleichzeitig sinkender Bereitschaft der Bevölkerung mitzumachen“, sagt Kurz.

Coronavirus Lockdown
Bild: Frank Rumpenhorst (dpa)

Seine Kanzlerkollegin in Berlin sieht es bekanntlich anders: Angela Merkel steht im Kampf gegen die Pandemie für einen harten Kurs, der kein Lockerlassen erlaubt. Doch sie muss aufpassen. Wenn die Zeichen nicht trügen, nimmt die Geduld in der Bevölkerung spürbar ab. Je länger der Zwangsstillstand dauert, desto größer der Unmut. Es muss in Deutschland nicht so dramatisch kommen wie in den Niederlanden, wo sich der Ärger über den Lockdown auf der Straße entlud. Aber eine Warnung sollte das Gewitter im Nachbarland schon sein. Der Impfstart ist verpatzt, der Aufschrei gegen die jüngsten Corona-Beschlüsse lauter denn je zuvor. Allmählich droht die Republik mit Ausgangssperren, Homeoffice und Schulschließungen kirre zu werden.

Die Ungereimtheiten lassen sich nicht länger übersehen

Die Ungereimtheiten der Corona-Politik in Bund und Ländern tragen zu dieser Vertrauenserosion bei. Sie lassen sich nicht übersehen. Der Bund wollte den Impfstoff besorgen, die Länder sollten währenddessen die Impfzentren aufbauen. Die einen haben geliefert, die anderen nicht: Deshalb gibt es in Deutschland perfekt eingerichtete Impfzentren, aber kaum Impfungen. Die Liste lässt sich mühelos fortsetzen. Friseure dürfen am 1. März öffnen, alle anderen Geschäfte bleiben zu, bis ein Inzidenzwert von 35 erreicht ist. Aber wann wird das der Fall sein? Alles vage, alles unklar. Immer mehr Existenzen stehen auf der Kippe, vor allem Familienunternehmen sind am Verzweifeln. Für Gastronomie und Kulturschaffende ist erst recht kein Land in Sicht. Dort ist das große Sterben längst im Gange.

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Ist das alles noch nötig – bei sinkenden Infektionszahlen? Tatsache ist: Die Zahl der Neuansteckungen geht nach unten, ebenso die Auslastung von Krankenhäusern. Die Intensivstationen leeren sich. Gut so. Das spricht dafür, dass die Maßnahmen richtig waren und sich jetzt auszahlen. Trotzdem müssen die Begründungen für immer neue Restriktionen nachvollziehbar bleiben: Die Menschen nehmen Entbehrungen nur dann in Kauf, wenn das Ziel klar ist. Ist es das? Unser Gesundheitswesen kollabiert, wenn wir nichts tun, hieß es im vergangenen Frühjahr. Später rückten andere Kriterien in den Vordergrund: Sieben-Tage-Inzidenzen, eine drohende dritte Welle, neuerdings die Virusmutationen aus England und Südafrika. Von der Hand zu weisen ist keine dieser Gefahren; es wäre unverantwortlich, die Warnungen der Virologen in den Wind zu schlagen. Trotzdem muss die Politik bei all ihren Therapien auf die Nebenwirkungen achten. Andernfalls verhärtet sich bei den Bürgern der Eindruck, es sei egal, was sie machen, denn am Ende bleibt immer alles zu.

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Warum eigentlich müssen alle Läden schließen?

Nachhaltig ist Corona-Politik daher nur, wenn die Mehrheit sie als ausbalanciert empfindet. Nur dann sind die Menschen bereit, den schweren Weg bis zum Ende mitzugehen. Der Kampf gegen das Virus wird trotz Impfungen noch geraume Zeit dauern, daran lassen Wissenschaftler keinen Zweifel. Sich wieder und wieder im Lockdown einzumauern, sobald die Zahlen nach oben schnellen, kann nicht die Lösung sein. Die Republik braucht zielgenauere Antworten, die das Virus ebenso effektiv bekämpfen, dabei aber weniger Schaden anrichten. Warum müssen alle Läden schließen? Wäre stattdessen eine kontrollierte Öffnung nicht machbar, zumindest für kleinere Geschäfte? Die Zahl der Kunden, die gleichzeitig im Laden sind, lässt sich begrenzen. Masken lassen sich vorschreiben. Selbst eine Terminvereinbarung könnte helfen. Ein Blick nach Tübingen zeigt, was möglich ist. Der dortige Oberbürgermeister Boris Palmer setzt vor allem auf Schnelltests, die umgehend Klarheit geben, wer ansteckend ist und wer nicht. Man mag von diesem Rathauschef und seinem überreizten Auftreten halten, was man will, aber die Infektionszahlen in seiner Stadt geben ihm Recht.

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Alles eine Frage der Abwägung

Der Kampf gegen diese Herausforderung zwingt alle zur Bescheidenheit. Welche Maßnahmen angemessen sind und welche nicht, ist immer eine Frage der Abwägung – Irrtümer niemals ausgeschlossen. Die Wissenschaft kann allenfalls Fakten liefern. Die Entscheidung, welche Schlussfolgerungen aus ihnen zu ziehen sind, müssen Politiker treffen, denn sie sind ihren Wählern verantwortlich. Gerade deshalb braucht es beim Thema Corona in besonderer Weise die demokratische Auseinandersetzung. Die Bundesrepublik hat sie sich ein Stück weit abgewöhnt. Es wird Zeit, sie wieder zu erlernen.