Ein Abstrich aus dem Rachen und schon wenige Stunden später weiß der Patient, ob er an einer normalen Grippe leidet oder mit dem neuen Corona-Virus infiziert ist. Kein Zweifel möglich. So zumindest die Theorie. Doch nun deuten Erkenntnisse von Wissenschaftlern der Uniklinik Freiburg darauf hin, dass die Methode weit weniger genau ist als bislang vermutet.

Seit die Pandemie sich ab Januar langsam von China in der Welt auszubreiten begann, arbeiteten Wissenschaftler rund um die Welt an Methoden, das Virus möglichst schnell und sicher nachweisen zu können, um Betroffene zu isolieren und eine weitere Ausbreitung zu verhindern. Die gängige Methode heißt abgekürzt PCR. Das Kürzel steht für Polymerase-Kettenreaktion. Unterschiedliche Hersteller von Tests für Labore entwickelten also Erkennungssysteme für jeweils verschiedene Genabschnitte des Virus.

Die Methode soll mit Hilfe von Abstrichen des Sekrets aus Mund-, Nase- und Rachenraum Erbgut des Virus nachweisen. Sie funktioniert durch eine Vervielfältigung des Erbguts. Auf diese Weise arbeiten auch kriminaltechnische Labore, um DNA-Spuren zu entschlüsseln und einer Person zuzuordnen. Im Fall von Krankheiten kann es das Erbgut des Virus nachweisen.

Rätselhafter Fall

Doch ein einziger Fall an der Uniklinik Freiburg stellt die Methode in Frage. Der 46-jährige Patient kam nach etwa sieben Tagen mit den Symptomen Fieber und Husten in die Klinik. Sein Hausarzt hatte ihm wegen des Verdachts auf eine Lungenentzündung Antibiotika verabreicht, doch das Medikament zeigt keine Wirkung. Er wird in die Klinik verwiesen, dort erkennt man Symptome von Covid-19, doch der Rachenabstrich bleibt negativ.

Die Ärzte sind sich sicher, testen erneut. Doch auch ein weiterer, diesmal tieferer Abstrich aus dem Rachen fällt negativ aus. Dagegen deutet eine Röntgenaufnahme auf eine atypische Lungenentzündung hin, wie sie von dem neuen Coronavirus häufig ausgelöst wird. Auch eine Computertomografie (CT) lässt die dafür typische milchige Trübung erkennen, die ebenfalls auf die Krankheit Covid-19 hinweist. Dennoch fällt auch ein dritter Test negativ aus. Erst der Abstrich des Atemwegsekrets aus der Lunge bringt sechs Tage nach seiner Einlieferung den Nachweis des Krankheitserregers Sars-CoV-2.

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Inzwischen ist der Patient schon wieder auf dem Weg der Besserung. Eine Quarantäne wird in diesem besonderen Fall nicht angeordnet, weil „der Patient offensichtlich keine Viren ausschied“, wie die Wissenschaftler in der „Deutschen Medizinischen Wochenschrift“ schreiben. Inzwischen „mehren sich Hinweise auf Limitationen hinsichtlich der Sensitivität der Untersuchung“, schreiben der Mediziner Daniel Hornuß und seine Kollegen von der Klinik für Innere Medizin II am Universitätsklinikum Freiburg in ihrem Bericht.

Mediziner fordert alternative Testmethoden

Sie warnen davor, sich ausschließlich auf die gängige Testmethode zu verlassen. Hornuß empfiehlt, die Tests zusätzlich mit Proben aus dem tieferen Rachen oder sogenannten tiefen Atemwegssekreten, die etwa beim Husten ausgeworfen werden, zu testen. Auch Stuhlproben sollten ergänzend genutzt werden, fordert der Mediziner.

Eine Kombination aus dem Erkennen der typischen Symptome, dem Abgleichen mit Blutwerten und Röntgenbilder der Lunge könne mit hoher Genauigkeit eine Infektion nachweisen. Hornuß und seine Kollegen weisen zudem darauf hin, dass ein CT-Scan im Vergleich zur typischen PCR-Analyse eine „hohe Sensitivität“ nachweise, wie erste Studien bestätigten.

Trotz aller Kritik verweisen Hornuß und seine Kollegen aber darauf, dass die PCR-Analyse weiter als erste Testmethode genutzt werden sollte – wegen der einfachen Anwendung.

Antikörpertests als späte Testmethode

Inzwischen haben viele Hersteller auch Antikörpertests auf den Markt gebracht. Diese Tests bieten sich an, wenn bereits ein längerer Zeitraum seit der Infektion verstrichen ist. Die meisten dieser Testhersteller geben aber an, dass der Test erst zwei bis drei Wochen nach einer Infektion angewendet werden könne.

Grundsätzlich gelte: Je größer der Zeitraum zwischen akuter Infektion und dem Test ist, desto geringer sei die Wahrscheinlichkeit, dass die PCR-Methode anschlage – und desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass der Antikörpertest positiv ausfalle.

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„Es gibt einen großen Graubereich“, sagt auch Antonia Zapf vom Institut für Medizinische Biometrie und Epidemiologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Sie bestätigt, wovor die Freiburger Wissenschaftler warnen: Falsch negative Tests, obwohl ein Patient infiziert ist. Sie betont, dass die bisherigen Angaben zur Genauigkeit vor allem auf Schätzungen beruhten, keine bestätigten Daten.

Das ist möglich, weil Hersteller Tests noch bis Mai 2022 selbst zertifizieren können, wie das Paul-Ehrlich-Instituts als Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel bestätigt: So sollten schnell Tests auf den Markt kommen. Doch ihre Zuverlässigkeit wird wohl erst nach der Coronakrise auf den Prüfstand kommen.

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