Die Unterschiede könnten größer kaum sein. Hier steht Alexander Lukaschenko. Der weißrussische Langzeitdiktator gestikuliert wild und brüllt ins Mikrofon, bis sich die Stimme überschlägt: „Ich werde nicht zulassen, dass unser Land kapituliert, selbst wenn sie mich töten.“ Dort sitzt Swetlana Tichanowskaja. Die Hände ruhen auf dem Tisch. „Ich bin bereit, Verantwortung zu übernehmen“, sagt die Frau, die Lukaschenko herausfordert, mit fester Stimme. Sie bietet an, aus dem litauischen Exil in ihre Heimat zurückzukehren und „unser Land durch diese schwere Zeit zu führen, damit es zur Normalität zurückfinden kann“.

Drei Frauen für den Machtwechsel: Weronika Zepkalo (vorne, von links), Ehefrau des nicht-registrierten Kandidaten Zepkalo, Swetlana Tichanowskaja und Maria Kolesnikowa, Wahlkampfmanagerin des von der Wahl ausgeschlossenen Bankiers Babariko, winken bei einem Treffen von Tichanowskajas Unterstützern.
Drei Frauen für den Machtwechsel: Weronika Zepkalo (vorne, von links), Ehefrau des nicht-registrierten Kandidaten Zepkalo, Swetlana Tichanowskaja und Maria Kolesnikowa, Wahlkampfmanagerin des von der Wahl ausgeschlossenen Bankiers Babariko, winken bei einem Treffen von Tichanowskajas Unterstützern. | Bild: Sergei Grits, dpa

Zwei Auftritte, die keinen Zweifel lassen: Der Widerstand in Weißrussland hat ein weibliches Gesicht. Die Freiheitsrevolte wäre ohne die Frauen an ihrer Spitze nicht denkbar. Nicht ohne Tichanowskaja, aber auch nicht ohne ihre Mitstreiterinnen aus dem Wahlkampf, Maria Kolesnikowa, die 13 Jahre lang als Musikerin in Stuttgart arbeitete, und Weronika Zepkalo. Beide hatten ursprünglich andere, vom Regime aussortierte Kandidaten unterstützt, Zepkalo unterstützte ihren Ehemann. Doch dann stellten sie sich hinter Tichanowskaja. „Es reicht mit der Angst“, entschieden die drei für sich – und riefen diese Botschaft den Menschen im ganzen Land zu. Gemeinsam stemmte sich das Trio dem Diktator entgegen, formte mit den Händen ein Herz, eine Faust und ein Victory-V.

Lukaschenkos letzter Ausweg: Wahlfälschung

Am Ende sah Lukaschenko für sich keine andere Chance mehr, als die Wahl zu fälschen und alle, die gegen den Betrug protestierten, zusammenknüppeln zu lassen. Spezialisten des Geheimdienstes KGB nahmen Tichanowskaja stundenlang in die Mangel und zwangen sie zur Flucht ins Exil. Das jedoch war der Moment, in dem die Frauen an der Basis die Führung übernahmen. Nach vier „Blutnächten“ in Folge, in denen vor allem junge Männer Barrikaden gebaut und Steine geworfen hatten, bildeten mehrere Hundert Frauen in Minsk eine Menschenkette. Am Morgen. Bei Tageslicht. In Weiß gekleidet.

Weronika Zepkalo (vorne, links nach rechts), Ehefrau des nicht-registrierten Kandidaten Zepkalo, Swetlana Tichanowskaja, Kandidatin der Opposition bei den Präsidentschaftswahlen in Weißrussland und Maria Kolesnikowa, Wahlkampfmanagerin des von der Wahl ausgeschlossenen Bankiers Babariko, winken bei einem Treffen von Tichanowskajas Unterstützern.
Weronika Zepkalo (vorne, links nach rechts), Ehefrau des nicht-registrierten Kandidaten Zepkalo, Swetlana Tichanowskaja, Kandidatin der Opposition bei den Präsidentschaftswahlen in Weißrussland und Maria Kolesnikowa, Wahlkampfmanagerin des von der Wahl ausgeschlossenen Bankiers Babariko, winken bei einem Treffen von Tichanowskajas Unterstützern. | Bild: Sergei Grits, dpa

„Das war eine geniale Idee“, urteilt die Politikwissenschaftlerin Olga Dryndowa von der Forschungsstelle Osteuropa in Bremen. Die schwer bewaffneten Sonderpolizisten griffen nicht ein.

Das „arme Ding“

Wie auch anders? Die Frauen schenkten den Polizisten Blumen, legten ihre Hände auf die Schutzschilde, führten sie zu Boden und umarmten die riesenhaften Gestalten in ihren Kampfmonturen. Bei helllichtem Tage auf wehrlose Frauen einprügeln zu lassen, das wäre wohl selbst den skrupellosesten Befehlshabern im männerdominierten Sicherheitsapparat nicht in den Sinn gekommen. Mehr noch: Gerade in einer stark patriarchalisch geprägten Gesellschaft wie der weißrussischen, in der Frauen bis heute als „das schwache Geschlecht“ gelten, wäre eine „Gleichbehandlung beim Verprügeln“ undenkbar gewesen.

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Wie die Rollen in Belarus noch zu Beginn der Revolution definiert waren, zeigt sich wie in einem Brennglas an den Figuren Lukaschenko und Tichanowskaja. Der Langzeitpräsident unterschätzte seine Widersacherin kolossal. Frauen seien grundsätzlich „nicht in der Lage, ein Staatsamt wie das meine auszuüben“, erklärte er und ließ Tichanowskaja, dieses „arme Ding“, als einzige echte Oppositionskandidatin zur Wahl zu. Das aber war der entscheidende Fehler. Denn ohne die 37-Jährige wäre die folgende Freiheitsbewegung kaum ins Rollen gekommen. Erst durch ihre Kandidatur fiel der massenhafte Betrug überhaupt auf.

Tichanowskaja bliebt zunächst im Rollenbild

Aber auch Tichanowskaja selbst fügte sich lange in das klassische Muster. Im Wahlkampf trat sie zunächst als bloße Platzhalterin für ihren Mann Sergei auf. Lukaschenko hatte den populären Blogger ins Gefängnis werfen lassen. Ehefrau Swetlana zog daraufhin mit der Botschaft durchs Land, sie kandidiere nur, um als Präsidentin die Freilassung aller politisch Inhaftierten und eine faire Neuwahl zu organisieren. „Ich bin keine Politikerin“, betonte sie und präsentierte sich vor allem als Hausfrau und zweifache Mutter, obwohl sie ausgebildete Lehrerin und Dolmetscherin ist. In einer vom Regime erpressten Videobotschaft erklärte sie nach ihrer Flucht: „Ich dachte, der Wahlkampf hätte mich abgehärtet. Aber ich bin eine schwache Frau.“ Doch das war der Wendepunkt. Tichanowskaja hatte endgültig genug von der Angst – und auch von der Platzhalterrolle. Gut eine Woche später hat sie längst neuen Mut gefasst. In ihren jüngsten Videobotschaften bezeichnet sie sich als „Anführerin“. Sie sei bereit, die Zukunft von Belarus zu gestalten. Von einem Rückzug aus der Politik ist keine Rede mehr: „Wir alle müssen unsere Wahl treffen in einer Zeit, in der sich Tapferkeit und Brutalität gegenüberstehen, Mut und Verzweiflung, Liebe und Verrat.“ Sie selbst, so scheint es, hat ihre Wahl ein für alle Mal getroffen. Aus der Erklärung, sie sei keine Politikerin, ist der Satz geworden: „Ich wollte keine Politikerin sein, aber die Geschichte hat es so gewollt, dass ich mich an vorderster Front im Kampf mit Willkür und Ungerechtigkeit wiedergefunden habe.“

Lukaschenko zeigte sich am vergangenen Sonntag in seinem Präsidentenpalast mit Waffe in der Hand – einer Kalaschnikow-Maschinenpistole, aber wohl ohne Magazin. Er hat seinen Gegnern stets gedroht, sich notfalls mit Gewalt nach 26 Jahren eine sechste Amtszeit zu sichern.
Lukaschenko zeigte sich am vergangenen Sonntag in seinem Präsidentenpalast mit Waffe in der Hand – einer Kalaschnikow-Maschinenpistole, aber wohl ohne Magazin. Er hat seinen Gegnern stets gedroht, sich notfalls mit Gewalt nach 26 Jahren eine sechste Amtszeit zu sichern. | Bild: Uncredited/State TV and Radio Company of Belarus/AP/dpa

Kommt sie gegen Lukaschenko an?

Hat Tichanowskaja das Zeug dazu, Lukaschenko endgültig zu stürzen? Vielleicht nicht allein. Aber sie ist auch nicht allein. Am Dienstag berief sie aus dem Exil einen „Koordinationsrat“ der Opposition, der den friedlichen Machtwechsel in Belarus organisieren soll. Ganz oben auf der Liste steht wie selbstverständlich der Name einer Frau: Swetlana Alexijewitsch. Die Literaturnobelpreisträgerin von 2015 genießt im Land hohes Ansehen. In ihrem wichtigsten Frühwerk hat sie das Schicksal von Soldatinnen, Sanitäterinnen und zivilen Helferinnen im Zweiten Weltkrieg aufgearbeitet. Der Dokumentarroman trägt den Titel: „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“. Anders als die weißrussische Revolution 2020.

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