Fehlende Sprachkenntnisse sollen Fachkräfte nicht länger davon abhalten nach Deutschland zu kommen, findet die FDP. In einem Zehn-Punkte-Programm zur Erleichterung der Zuwanderung schlagen die Liberalen vor, dass auf Behörden künftig neben Deutsch auch Englisch gesprochen werden soll.

Amtsdeutsch lässt auch manchen Muttersprachler verzweifeln. Wie sollen das erst Zuwanderer ohne Deutschkenntnisse bewältigen?
Amtsdeutsch lässt auch manchen Muttersprachler verzweifeln. Wie sollen das erst Zuwanderer ohne Deutschkenntnisse bewältigen? | Bild: Bernd Thissen, dpa

Der Vorschlag sorgt für Diskussionen – auch in der SÜDKURIER-Redaktion:

Wer Arbeitskräfte nach Deutschland locken will, muss etwas bieten. Dass auf Rathäusern auch Englisch gesprochen wird, wäre ein guter Anfang, meint Politikredakteurin Angelika Wohlfrom:

Deutschland braucht Nachschub! Schon heute sind qualifizierte Arbeitskräfte im Handwerk, in der Industrie, in der IT oder im Gesundheitswesen Mangelware. Ist erst die Generation der Babyboomer in Rente, dürfte es ganz finster werden in vielen Branchen. Ob dann die Freibäder vollends dicht machen, weil keine Bademeister mehr vorhanden sind? Welche Dienstleistungen noch eingeschränkt werden, steht in den Sternen. Eins ist aber heute schon klar: Sollte es uns nicht gelingen, massiv Arbeitskräfte nach Deutschland zu holen, wird mancher heute alltägliche Komfort zukünftig nicht mehr selbstverständlich sein.

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Die 400.000 Arbeitskräfte, die pro Jahr erforderlich wären, kommen aber nicht ohne weiteres zu uns. Um qualifiziertes Personal buhlen schließlich alle alternden Industriestaaten. Hier konkurriert Deutschland mit Ländern wie Kanada, USA oder Großbritannien, die es mit der Landessprache Englisch (und im Fall Kanadas Französisch) Einwanderern deutlich einfacher machen. Deutsch belegt schließlich nur Platz elf der am meisten gesprochenen Sprachen der Welt – hinter Mandarin, Spanisch, Hindi, Englisch und Arabisch.

Wer gute Leute nach Deutschland locken will, muss ihnen etwas bieten. Das fängt bei ganz banalen Dingen an – wie Behördengängen, die man nicht komplizierter machen sollte als sie ohnehin sind. Die Beamten haben in der Schule alle mal Englisch gelernt. Es sollte nicht schwierig sein, in jeder Amtsstube ein, zwei zu finden, die ihre Kenntnisse gerne anwenden.

Zu Recht gelten Deutschkenntnisse als unabdingbar für gelingende Integration. Doch das gilt für alle Milieus, meint hingegen Kulturredakteur Johannes Bruggaier:

Muss deutsch sprechen, wer in Deutschland leben will? Bei den Freien Demokraten schien die Haltung zu dieser Frage lange Zeit sehr klar.

So wurde Parteichef Christian Lindner in der Flüchtlingskrise nicht müde zu betonen: Wer bleiben will, müsse vor allem „die deutsche Sprache sprechen“. Und FDP-Fraktionsvize Konstanin Kuhle forderte jüngst: „Es muss einen Unterschied machen, ob sich ein geduldeter Ausländer um Sprachkenntnisse bemüht oder nicht.“

Entweder gibt es zwei grundverschiedene Parteien namens FDP. Oder aber wir haben es im Weltbild dieser Partei mit zwei grundverschiedenen Sorten von Migranten zu tun: die einen sollen gefälligst deutsche Grammatik pauken, sonst geht‘s direkt zurück nach Syrien! Die anderen werden auf der Behörde in ihrer Muttersprache bedient, damit sie bitte, bitte unsere Softwareprobleme beheben.

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Zwar kommt gute Migrationspolitik an der Berücksichtigung des Fachkräftebedarfs nicht vorbei. Sollte der führende Stammzellenforscher aus Harvard einen Umzug nach Berlin erwägen: An deutscher Kommasetzung darf und wird es kaum scheitern.

Doch wem schon der Crashkurs für die notwendigsten Brocken zu viel der Mühe ist, der hilft unserer Wirtschaft kaum weiter. Dass bereits heute manche Berliner Lokale Bestellungen nurmehr auf Englisch annehmen, offenbart hingegen ein Problem: Kulturelle und soziale Spaltung ist eben nicht nur ein Phänomen der Unterschicht. Sie betrifft zunehmend auch die Elite.