Sushi und ihre Herdengenossinnen sind ganz schön forsch. Auf ihrer Weide nahe Freiburg balgen sich die gut ein Jahr alten Vorderwälder Rinder regelrecht um einen Eimer, in dem gerade noch Futter war. Viele von ihnen dürften irgendwann geschlachtet werden – und über eine Freiburger Internet-Plattform namens Cowfunding verkauft werden. Dort wird ihr gesamtes verwertbares Fleisch an die Kundschaft gebracht. Verschwendet werden soll nichts.

Tierische Produkte müssen mehr wertgeschätzt werden

Für die Kühe ist das vielleicht kein Trost, dafür aber für die Landwirte Julie Kosak, 26, und Sven Steiert, 28, die die Tiere auf dem Maierhof Freiburg züchten. „Ein Tier herzugeben ist nie schön“, sagt Steiert. Aber es sei ein gutes Gefühl, dass das Tier bei Cowfunding wesentlich mehr wertgeschätzt werde, als wenn man es an einen Händler verkaufe. „Tierische Produkte waren in den vergangenen Jahren fast nichts wert“, sagt Kosak – es sei höchste Zeit, dass sich das ändere.

Mehr Respekt für das Essen – das wünscht sich auch das Landesernährungsministerium und sieht darin einen der wichtigsten Lösungsansätze gegen das massenhafte Wegwerfen von Nahrungsmitteln. Einen „wertschätzenden Umgang mit Lebensmitteln“, fordert Ernährungsminister Peter Hauk (CDU).

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Jedes Jahr werden Unmengen an Lebensmitteln einfach weggeschmissen

In den privaten Haushalten Baden-Württembergs werden Zahlen zufolge 22 Kilogramm Lebensmittel pro Kopf und Jahr weggeschmissen. In Butterpäckchen ausgedrückt wären das 88 Stück. Die Daten haben Konsumforscher der GfK im Jahr 2017 ermittelt – neuere Zahlen stehen noch aus. Noch einmal fast genauso viel Essen pro Kopf wird demnach im deutschlandweiten Schnitt in der Außer-Haus-Verpflegung – also etwa in Kantinen, Restaurants oder Cafés – weggeworfen.

Lebensmittelreste liegen in der Mülltonne eines Restaurants in Freiburg. 22 Kilo Lebensmittel wirft jeder Baden-Württemberger im Schnitt pro Jahr weg. Die Politik will gegensteuern – genau wie Start-ups und Unternehmen im Land.
Lebensmittelreste liegen in der Mülltonne eines Restaurants in Freiburg. 22 Kilo Lebensmittel wirft jeder Baden-Württemberger im Schnitt pro Jahr weg. Die Politik will gegensteuern – genau wie Start-ups und Unternehmen im Land. | Bild: Philipp von Ditfurth

Baden-Württemberg hat sich zum Ziel gesetzt, die Lebensmittelverschwendung auf Einzelshandels- und Verbraucherebene bis zum Jahr 2030 zu halbieren. Kern der Strategie sei es, die Menschen für das Thema zu sensibilisieren, betonte das Ministerium für Ländlichen Raum. Dazu böten die Landratsämter Workshops und Kochkurse an – etwa zur Verwertung von Lebensmittelresten und zum Haltbarmachen. Seit 2019 gibt es eine Aktionswoche, über die jährlich Tipps zum Thema zugänglich gemacht würden. In diesem Jahr soll zudem eine „Messwoche“ stattfinden: Dabei können Kantinen und andere Einrichtungen der Gemeinschaftsverpflegung ermitteln, wie viel Nahrungsmittel sie entsorgen, und anschließend mit Unterstützung des Ministeriums Lösungsstrategien erarbeiten.

Bei Cowfunding soll vom Rind möglichst wenig ungenutzt wegkommen

Bei dem Start-up können sich Kunden ein Tier teilen. Das Fleisch wird deutschlandweit über Pakete verschickt, in denen nicht nur Filets, sondern auch weniger beliebte Stücke stecken. Ein Tier werde bei Cowfunding erst dann geschlachtet, wenn sein Fleisch verkauft sei, sagt Niklas Kullik. Als Koordinator ist er dafür zuständig, Angebot und Nachfrage miteinander ins Gleichgewicht zu bringen. Sollten vor der geplanten Schlachtung doch noch Fleischpakete übrig sein, sagt Kullik, dann schicke er einen Newsletter raus und finde so auch für den Rest noch Abnehmer.

Rinder stehen auf einer Weide oberhalb eines Freiburger Bauernhofs.
Rinder stehen auf einer Weide oberhalb eines Freiburger Bauernhofs. | Bild: Philipp von Ditfurth

Die Lebensmittelbranche arbeitet an Strategien gegen überflüssige Abfälle

Um das Thema Verschwendung kommt mittlerweile wohl kaum ein Unternehmen herum, das mit Lebensmitteln zu tun hat. Beispiel Edeka Südwest mit Sitz in Offenburg. Das Unternehmen setzt nach Angaben eines Sprechers bei immer mehr Obst und Gemüse auf einen pflanzenbasierten Schutzmantel, der die Produkte länger frisch halten soll. Das sorge auch für weniger Abfälle. Nicht mehr ganz perfektes Obst und Gemüse komme außerdem in die Lebensmittelrettertüte – die dann zu einem geringeren Preis verkauft werde. Ähnliches gelte für Produkte, die kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums stehen. Nicht zuletzt unterstütze man auch die Tafeln.

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Schwarzwaldmilch mit Sitz in Freiburg kooperiert seit kurzem mit der App „Too Good to Go“. Dabei werden Warenpakete aus Überproduktion oder mit kurzer Haltbarkeit angeboten, die die Nutzer dann im Milchladen in Freiburg abholen können. Seit Beginn seien so schon mehrere Hundert Einzelprodukte an Kunden abgegeben und vor der Entsorgung gerettet worden, erklärte ein Sprecher.

Die Landwirte Sven Steiert und Julie Kosak stehen auf einer Weide hinter ihrem Hof bei einigen ihrer Rinder. Steiert und Kosak arbeiten mit dem Start-Up zusammen, das es sich zum Ziel gemacht hat, möglichst alle Teile eines Tieres zu verwenden.
Die Landwirte Sven Steiert und Julie Kosak stehen auf einer Weide hinter ihrem Hof bei einigen ihrer Rinder. Steiert und Kosak arbeiten mit dem Start-Up zusammen, das es sich zum Ziel gemacht hat, möglichst alle Teile eines Tieres zu verwenden. | Bild: Philipp von Ditfurth

Auf dem Maierhof in Freiburg stellen die beiden Landwirte übrigens selbst sicher, dass wirklich nichts von ihren Tieren verschwendet wird. Die wenigen Teile ihrer Rinder, die aus Kühlungsgründen nicht über Cowfunding verkauft werden könnten – etwa Innereien – nähmen sie mit nach Hause und äßen sie einfach selbst, erzählen sie.

(dpa)