In manchen Dingen ändert sich die Menschheit nie. Als im Mittelalter die Pest Europa erreichte, traf sie auf eine völlig unvorbereitete Gesellschaft, die über Nacht aus ihrem Alltag gerissen wurde. Obwohl die Menschen nichts über die Ursache wussten, reagierten sie im Grunde ähnlich wie heute. Nach einer Schrecksekunde versteckten sie sich in ihren Häusern, mieden den Kontakt zum Nachbarn und scheuten öffentliche Plätze.

Als sie zu Atem gekommen waren, folgte die nächste, nicht minder gefährliche Phase – die Suche nach Sündenböcken. Mal wurden die Juden für das Unglück verantwortlich gemacht, mal heilkundige Frauen, die angeblich mit dem Teufel in Verbindung standen. Als Erklärung ebenso beliebt: die Seuche als Strafe Gottes für die Sünden der Vergangenheit. Bußprediger zogen durch die Lande und predigten die große Umkehr.

Die Wutwelle kommt

So gesehen, befinden wir uns im Kampf gegen das Coronavirus an der Schwelle zu Phase zwei: Der Viruswelle droht eine Wutwelle zu folgen. Das erste Kapitel mit verwaisten Innenstädten und Krankenhäusern im Ausnahmezustand geht zu Ende. Die Wirtschaft liegt zuckend am Boden, der Griff der Einschränkungen wird gelockert. Zugleich werden die Zweifel lauter, angeheizt durch die Filterblasen im Internet. Waren die Gegenmaßnahmen übertrieben? Folgen sie gar einem großen, undurchschaubaren Plan, um die Demokratie abzuschaffen und einen Überwachungsstaat zu etablieren? Und vor allem: Wer steckt dahinter? An allen Ecken und Enden melden sich Corona-Pöbler, Verschwörungstheoretiker und selbsternannte Grundrechts-Guerilleros.

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Rechte, Linke, Esoteriker, Merkel-Hasser und Putin-Fans marschieren in dieser Frage Seite an Seite. Keine Theorie ist abwegig genug, um nicht verbreitet zu werden. Corona sei in einem Labor als Biowaffe entwickelt worden, heißt es da. Oder: Hinter allem stecke Microsoft-Milliardär Bill Gates, weil er der Welt lmpfstoff verkaufen wolle. Im Netz tauchen Bilder mit gelben David-Sternen auf, garniert mit Hetzparolen wie „Coronavirus heißt Judenkapitalismus“. Krisenzeiten waren schon immer anfällig für Antisemitismus.

Noch eine Minderheit

Auch jetzt verbreiten sich die Feindbilder schneller als der Erreger selbst. Noch muss man dies nicht überbewerten. Die Hetze kommt von einer kleinen, lautstarken Minderheit. Das Internet gibt ihr die Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen. Aber: Die Parolen treffen auf ein verunsichertes Publikum. Bisher hält sich die Mehrheit der Bundesbürger mit bemerkenswerter Disziplin an die Corona-Regeln, die Regierungsparteien sonnen sich in Zustimmung. Das wird nicht ewig so bleiben.

Demonstranten für sogenannte „Querdenken“-Initiative in Stuttgart.
Demonstranten für sogenannte „Querdenken“-Initiative in Stuttgart. | Bild: Christoph Schmidt/dpa

Breite Teile der Gesellschaft haben Fragen, weil sie die Folgen des Corona-Schocks bis in die Knochen spüren – Gewerbetreibende, Autozulieferer, Kulturschaffende, Gastwirte. Sie stellen ihre Fragen immer drängender. Was soll die Kanzlerin darauf antworten? Gerade weil die Schutzmaßnahmen so streng waren, ist die Katastrophe in deutschen Krankenhäusern ausgeblieben. Waren sie deshalb unnötig, wie die Stillstands-Kritiker behaupten? Man möchte nicht wissen, was in Deutschland los wäre, wenn die Regierung die Dinge hätte laufen lassen, so wie es Donald Trump in den USA versucht hat.

Freiheit nicht mit Sorglosigkeit verwechseln

Selbst Fachleute wissen nicht, wie gefährlich das Virus wirklich ist. Niemand kann deshalb mit Gewissheit sagen, welche Strategie die richtige ist. Sie muss immer wieder neu verhandelt und angepasst werden. Das ist der Weg, den Deutschland und viele Nachbarländer jetzt eingeschlagen haben. Er führt nur dann zum Ziel, wenn die Bürger ihn in eigener Verantwortung mitgehen.

Die Maßnahmen zu lockern, setzt voraus, dass die Menschen ihre neuen Freiheiten nicht mit Sorglosigkeit verwechseln und selbst einschätzen, wo sie besser auf Abstand bleiben. Auch für die Wirtschaft wäre nichts fataler als eine neue Infektionskette, hervorgerufen durch Lockerungen, die sie eigentlich retten sollen.

Hoffnung auf den Zusammenbruch

Somit bleibt die Maske vorerst oben. Deutschland steht vor der Aufgabe, das Virus einzugrenzen und zugleich die Wirtschaft auf die Beine zu bringen. Das wird nicht einfach, aber es ist machbar, solange das Land immun bleibt gegen falsche Einflüsterer. In den Pestzeiten des Mittelalters folgte der Suche nach Sündenböcken meist eine dritte, letzte Phase, in der die gesellschaftliche Ordnung zusammenbrach.

Die Corona-Hetzer von heute scheinen genau darauf zu hoffen. Man braucht sie ebenso wenig wie jene Bußgestalten, die der Industriegesellschaft ihre Sünden vorhalten und von einer neuen Staatswirtschaft träumen. Es wäre der Weg in Armut und Elend. Deutschland kommt besser durch diese Krise, wenn Regierende und Bürger Augenmaß bewahren. Das ist uns, gemessen an anderen Ländern, bisher gelungen. Die meisten beneiden uns darum.

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