Herr Professor Clark, in Ihrem neuen Buch ziehen sie einen weiten und gewagten Bogen – er reicht vom König Nebukadnezar II. zu Donald Trump. Was verbindet den alten Babylonier mit dem US-Präsidenten?

Das Mysterium der Macht! Macht ist ein höchst interessanter Stoff. Man sieht sie nicht, sie hat keine Farbe, kein Gesicht. Man spürt aber deutlich ihre Wirkung. Menschen verbeugen sich vor Mächtigen, sie buhlen um die Gunst der Mächtigen, damals wie heute. Sie bleibt aber geheimnisvoll. Sie ist flüssig, sie nimmt ab und nimmt zu. Stabil ist sie nie. Das Amt des US-Präsidenten ist heute sehr machtvoll, es gab aber Zeiten, da hatte das US-Repräsentantenhaus klar die Oberhand.

Sehen sie andere Parallelen zwischen dem Nebukadnezar und Trump?

Gut möglich. Bei Trump können wir eines sehen: Die Macht hat ihn aufgefressen. Diese Beobachtung machte im Grundsatz bereits Michel Foucault: Paradoxerweise muss derjenige, der Macht ausübt, sich vor der Macht verbeugen. Die Potentaten sind Knechte ihrer Macht. Von Trump wird nichts übrigbleiben. Wenn er das Amt bald verlassen muss, wird er nur eine leere Hülle sein, mehr nicht. Diese Hülle wird man im Januar aus dem Weißen Haus entfernen.

Und Nebukadnezar II.?

Er lebte im siebten Jahrhundert vor Christus. Interessant an diesem Großkönig ist die Tatsache, dass er der wichtigste Mann der Erde war. Dieser Potentat hatte Angst vor seinen Träumen – vor Dingen also, die in ihm stecken. Und der Außenseiter Daniel erklärt ihm das alles, dabei war Daniel ein ohnmächtiger Mensch. An diesem Vorgang erkennen wir die Verflüssigung von Macht.

Den Verfall von Trumps Status konnte man in den vergangenen Tagen an Kleinigkeiten ablesen. Einige Fernsehsender brachen einfach die Übertragung einer Trump-Rede ab.

Darunter war auch Fox News, die bisher in Vasallentreue an Trumps Seite standen, vier Jahre lang. In diesem Augenblick wurde ein medial-politisches Bündnis gebrochen. Fox sprang ab. Und Trumps Sockel splitterte.

Nun sind Sie Historiker – und sprechen doch über die Gegenwart. Wie kommt das? Kann es sein, dass der noch amtierende US-Präsident in diesen Tagen selbst Geschichte wird?

Er ist Geschichte, und ich überlege: Wie werden Historiker die Chronik dieser Zeit schreiben? Es ist eine bewegte Zeit, eine sehr interessante. Zu interessant, finde ich. Mir wäre es lieber, wenn unserer Zeit weniger bewegt wäre. Im Übrigen: Geschichte ist nichts Abgetrenntes, sondern die Gegenwart ist die Fortführung der Geschichte. Geschichte ist nicht Vergangenheit.

Sind Sie dann froh, dass dieser Mann das Weiße Haus und damit das große Parkett erlässt?

Ich war oft bei Dinnerpartys, auf denen es verboten war, das Thema Trump anzuschneiden. Die Leute dort waren es einfach müde, immer über dieselben Dummheiten zu sprechen. Eine Trump-Verdrossenheit war deutlich zu spüren.

Sie stellen in Ihrem neuen Buch noch einen Vergleich auf: Sie stellen Kaiser Wilhelm II. und Trump nebeneinander. Wie kommen Sie darauf?

Beide Persönlichkeiten ähneln sich. Dem Kaiser wird häufig Gefühlskälte attestiert. Wilhelm II. hat alles auf sich bezogen, sei es Lob oder auch Kritik. Er musste immer in der Mitte des Bildes stehen. Bei Trump ist das gleich, es geht immer nur um ihn. Beide sind und waren extrem reizbar, sind unfähig, sich mit einem Thema länger zu beschäftigen. Dann die Impulsivität; alles, was durch den Kopf schießt, muss gleich raus.

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Und die Unterschiede?

Wilhelm II. war deutlich intelligenter als der US-Präsident. Über Frauen hätte der letzte deutsche Kaiser nicht die Dinge gesagt, die ein Trump bisher sagte. Und Wilhelm II. hatte ernsthafte Interessen. Er war belesen und in mancher Materie durchaus sattelfest. Als ich mich erstmals mit diesem Kaiser beschäftigte und die Fachliteratur studierte, wurde er oft als typisch deutsch charakterisiert, vor allem das Nassforsche. Wenn ich mir Trump anschaue, dann sind diese negativen Charakterzüge gar nicht so typisch deutsch. Da wiederholt sich doch vieles. Selbst eine alt eingespielte Demokratie kann so einen Typus ins wichtigste Amt wählen.

Schauen wir auf Wilhelms Nachkommen. Die Familie Hohenzollern fordert bedeutende Vermögenswerte und Nutzungsrechte zurück – Bilder, Möbel sowie ein dauerhaftes Wohnrecht für Schloss Cäcilienhof.

Ich bin insgesamt gegen die Rückgabe dieser Kunstwerte in private Hand. Das Vorgehen der Hohenzollern betrachte ich als Kampagne. Natürlich kann das Haus Hohenzollern jene Artefakte und Rechte zurückfordern, die während der sowjetischen Besatzung nach 1945 enteignet wurden. Dieses Recht gilt unabhängig davon, ob diese Familie adlig oder bürgerlich sein sollten. Doch sollten wir die Geschichte nicht rückgängig machen wollen. Die Objekte, um die es geht, stehen längst im musealen Raum. Sie sind Teil des deutschen Gedächtnisses, sind in Geschichtsbüchern abgedruckt. Sie gehören nicht in mehr in private Hände.

Vor einer Rückgabe dieser Schätze steht noch ein anderes Hindernis: Wichtige Vertreter der Hohenzollern arbeiteten für die NS-Bewegung.

Grundlage für eine Rückgabe ist ein Gesetz von 1994 – ein recht komplexes Gebilde. Denn in diesem Gesetz überlagern sich Recht, Geschichte und Moral, was bei der Umsetzung dann schwierig wird. Im Zentrum steht Kronprinz Wilhelm, der Sohn des letzten Kaisers. An den Machenschaften, die Hitlers 1933 ins Amt des Reichskanzlers brachten, war Wilhelm nicht beteiligt. Doch in den Jahren zuvor spielte er durchaus eine Rolle. An der Aushöhlung der Weimarer Republik war der Kronprinz aktiv beteiligt. Dadurch zählt er zu denen, die die Bedingung für Hitlers Aufstieg geschaffen haben.

Wir leben in der Ära Corona. Werden wir uns in zehn oder 20 Jahren noch an die Pandemie erinnern? Andere verheerenden Krankheiten gerieten auch Vergessenheit.

Das ist eine spannende Tatsache, und ich weiß noch nicht, warum das so ist. Während der amerikanischen Revolution 1776 starben mehr Menschen an Pocken als bei Kriegshandlungen. Im I. Weltkrieg kamen mehr Amerikaner durch die Spanische Grippe um als an der europäischen Front. Solche Massenkrankheiten sind nicht für die Schlagzeilen geschaffen.

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