Es ist ein trüber Tag, dieser 15. Januar, an dem in Berlin ein 42-jähriger Mann zum ersten Mal verurteilt wird. Etliche Verfahren gegen ihn waren eingestellt worden. Jetzt erhält er eine geringe Strafe: zehn Monate Gefängnis auf Bewährung, weil er einen Hausmeister angegriffen hatte. Eigentlich könnte er heim gehen.

Doch dann sorgt dieser Prozesstag bundesweit für Aufsehen. Denn Polizisten und eine Staatsanwältin verhaften den Mann wegen eines anderen Verdachts. Es geht um eine angeblich geplante Entführung von Kindern des Rappers Bushido. Der 42-Jährige kommt sofort nebenan ins Untersuchungsgefängnis in Berlin-Moabit. Für Oberstaatsanwältin Petra Leister und die Polizei ist es ein Tag des Triumphes.

Ein Polizeiwagen fährt am Dienstag (03.02.2008) in Berlin an der Justizvollzugsanstalt Moabit vorbei. Der wegen Kindesmissbrauchs angeklagte Liedermacher Kurt Demmler hat sich im Gefängnis das Leben genommen. Der DDR-Nationalpreisträger wurde am Morgen tot in seiner Zelle im Untersuchungsgefängnis Moabit entdeckt. Wenige Stunden später hätte der Prozess gegen Demmler fortgesetzt werden sollen. Demmler war wegen sexuellen Missbrauchs von Mädchen von 1995 bis 1999 in mehr als 200 Fällen angeklagt. Foto: Gero Breloer dpa/lbn +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit
Ein Polizeiwagen fährt in Berlin an der Justizvollzugsanstalt Moabit vorbei. | Bild: Gero Breloer (dpa)

Geplante Kindesentführung

Was passiert war, schien lange kaum denkbar: ein spektakulärer Schlag gegen die Clan-Kriminalität. Denn der Inhaftierte ist nicht irgendwer. Er gilt als einer der Chefs der arabischstämmigen Großfamilie Abou-Chaker. Längst nicht alle Mitglieder sind kriminell, aber es gibt verurteilte Mehrfachtäter.

Der Clan-Boss wurde an diesem grauen Dienstag abgeführt, weil er hinter dem angeblichen Plan zur Kindesentführung stecken soll. Eine Anfrage der dpa an seinen Anwalt blieb unbeantwortet. Bushido, 40 und erfolgreicher Musiker mit tunesischen Wurzeln war sein langjähriger Geschäftspartner, wie er berichtet hat. Dann kam es zum Bruch, der Rapper rechnete 2018 in einem Lied und Interviews mit ihm ab.

ARCHIV - 03.02.2010, Berlin: Der Rapper Bushido (l) posiert mit Arafat Abou-Chaker bei der Premiere des Films "Zeiten ändern Dich" in Berlin. (zu dpa: "dpa-Story - Clan-Kriminalität in Berlin" vom 05.02.2019) Foto: Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Verwendung weltweit
Der Rapper Bushido (l) posiert im Jahr 2010 mit Arafat Abou-Chaker bei der Premiere des Films "Zeiten ändern Dich" in Berlin. | Bild: Jens Kalaene (ZB)

Kriminalität als Haupteinnahmequelle

Über Jahrzehnte hatten Clans ihre Macht in der Hauptstadt ausgebaut und eine Parallelwelt geschaffen, in der Männer mit teuren Uhren, Goldketten und Luxusautos bewundert werden - die staatlichen Gesetze aber weniger. Schwerpunkte sind die Stadtteile Neukölln, Wedding, Moabit und Kreuzberg.

Die Behörden gehen davon aus, dass viele Gelder aus illegalen Geschäften stammen. Politik, Polizei und Justiz geben inzwischen zu, folgenschwere Fehler gemacht zu haben. Und dass eine misslungene Integrationspolitik den Aufstieg der Clans begünstigte. Viele kurdisch-arabische Flüchtlinge aus dem Libanon durften in Deutschland lange nicht arbeiten. Sie erhielten Sozialhilfe. Kriminalität wurde daneben zu einer Haupteinnahmequelle: Diebstahl, Drogenhandel, Schutzgelderpressung und illegales Glücksspiel.

Strukturen erschweren Polizeiarbeit

Auch die Struktur der Familien, deren Mitglieder meist untereinander heirateten, erschwert bis heute vieles: die Integration ebenso wie die Aufklärungsarbeit. „Die Großfamilie ist alles und der Rest ist nichts“, schreibt Islamwissenschaftler Mathias Rohe. Die Neuköllner Grundschuldirektorin Astrid-Sabine Busse hat mit dem „Nachwuchs der großen Familien und auch der großen Namen“ zu tun.

Das könnte Sie auch interessieren

Sie meint, bei vielen fehle der Wille zur Integration und zum Arbeiten. „Wenn der Papi nach Hause kommt, von seiner langen Reise in den Libanon und dann liegt der Geldhaufen auf dem Tisch und dann zählen wir, das ist doch schön“, sagte die resolute Frau bei einer Anhörung im Herbst 2018 ironisch. Für Polizei und Gerichte hieß das lange: Mit herkömmlichen Methoden kommen sie nicht ran an die Strippenzieher im Inneren der Familien. Dann kippte etwas. Immer dreister waren die Coups geworden, die den oft kurdisch-libanesischen Familien zugerechnet werden.

Die aktuellen Fälle der Berliner Clans

2014: Überfall auf die Schmuckabteilung im KaDeWe und Juweliergeschäfte 

ARCHIV - 20.12.2014, Berlin: Polizisten stehen vor dem Kaufhaus KaDeWe hinter einer Absperrung. Dieser Überfall auf die Schmuckabteilung wird Clan-Mitgliedern zugerechnet. (zu dpa: "dpa-Story - Clan-Kriminalität in Berlin" vom 05.02.2019) Foto: Paul Zinken/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Verwendung weltweit
Polizisten stehen vor dem Kaufhaus KaDeWe hinter einer Absperrung. Dieser Überfall auf die Schmuckabteilung wird Clan-Mitgliedern zugerechnet. | Bild: Paul Zinken (dpa)

2014: Sparkassen-Einbruch mit einer Beute von mehr als neun Millionen Euro 

ARCHIV - 19.10.2014, Berlin: Ein Polizeibeamter sichert das Umfeld vor einer Sparkassenfiliale in Berlin. Unbekannte hatten in den frühen Morgenstunden in der Filiale am Mariendorfer Damm eine Explosion ausgelöst und Schließfächer ausgeräumt. Der große Einbruch gab den Anstoß zu den aktuellen Ermittlungen gegen einen arabischen Clan und die Beschlagnahmung von Vermögen. 77 Immobilien wurden beschlagnahmt, teilte die Staatsanwaltschaft am Donnerstag mit. Foto: Wolfgang Kumm/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Verwendung weltweit
Ein Polizeibeamter sichert das Umfeld vor einer Sparkassenfiliale in Berlin. Unbekannte hatten in den frühen Morgenstunden in der Filiale am Mariendorfer Damm eine Explosion ausgelöst und Schließfächer ausgeräumt. Der große Einbruch gab den Anstoß zu den aktuellen Ermittlungen gegen einen arabischen Clan und die Beschlagnahmung von Vermögen. 77 Immobilien wurden beschlagnahmt, teilte die Staatsanwaltschaft am Donnerstag mit. | Bild: Wolfgang Kumm (dpa)

2017: Einbruch ins Bode-Museum und Diebstahl einer 100 Kilo schweren Goldmünze

ARCHIV - 08.12.2010, Berlin: Die 100 Kilogramm schwere Goldmünze «Big Maple Leaf» steht im Bode-Museum in Berlin. Die 100-Kilo-Goldmünze wurde aus dem Berliner Bode-Museum gestolen. Dieser Einbruch wird Clan-Mitgliedern zugerechnet. (zu dpa-Story - Clan-Kriminalität in Berlin vom 05.02.2019) Foto: Marcel Mettelsiefen/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Verwendung weltweit
Die 100 Kilogramm schwere Goldmünze "Big Maple Leaf" steht im Bode-Museum in Berlin. Die 100-Kilo-Goldmünze wurde aus dem Berliner Bode-Museum gestolen. Dieser Einbruch wird Clan-Mitgliedern zugerechnet. | Bild: Marcel Mettelsiefen (dpa)

2018: Überfall auf einen Geldtransporter 

ARCHIV - 19.10.2018, Berlin: Polizeibeamte stehen an einem Geldtransporter mit aufgebrochenen Türen in Mitte. Mehrere Maskierte hatten das Fahrzeug in der Nähe des Alexanderplatzes eüberfallen. Dieser Einbruch wird Clan-Mitgliedern zugerechnet. (zu dpa-Story - Clan-Kriminalität in Berlin vom 05.02.2019) Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Verwendung weltweit
Polizeibeamte stehen an einem Geldtransporter mit aufgebrochenen Türen in Mitte. Mehrere Maskierte hatten das Fahrzeug in der Nähe des Alexanderplatzes überfallen. | Bild: Bernd von Jutrczenka (dpa)

Fünf-Punkte-Plan gegen Clans

Die Fälle erregten Aufmerksamkeit: Es gab große Berichte, die Politik kam unter Druck. Jetzt wird Entschlossenheit demonstriert - in Berlin und andernorts. Der rot-rot-grüne Senat hat einen Fünf-Punkte-Plan gegen Clan-Kriminalität entwickelt. Die Generalstaatsanwaltschaft stellt neue Leute ein für die Suche nach illegalem Vermögen. Das Landeskriminalamt baut ein Zentrum zum Kampf gegen illegale Strukturen auf. Der Konsens: Die Kriminellen müssen dort getroffen werden, wo es richtig weh tut - beim Geld. 

Wie Berlin vorgeht, wird auch in anderen Bundesländern mit Interesse verfolgt. Bei der bislang größten Clan-Razzia in Nordrhein-Westfalen habe man auch auf Erfahrungen aus der Hauptstadt gebaut, wissen Juristen. Zwischen zwölf und 20 Clans mit mehreren tausend Mitgliedern sollen in Deutschland agieren, etwa im Ruhrgebiet, in Niedersachsen und Bremen.

Das könnte Sie auch interessieren

Die Polizei nennt in der Regel nur Nachnamen: wie Remmo, Miri, Al-Zein oder Abou-Chaker. Beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden soll erstmals im sogenannten Lagebild zur Organisierten Kriminalität ein Kapitel „Kriminelle Mitglieder von Großfamilien ethnisch abgeschotteter Subkulturen“ erstellt werden.

Auf der Spur des Geldes

„Wir haben sie viel zu lange in Ruhe gelassen, es wurde zu wenig Unruhe geschaffen in einer Szene, die machen konnte, was sie wollte“, sagt der Berliner Oberstaatsanwalt Sjors Kamstra.

30.07.2018, Berlin: Sjors Kamstra, Oberstaatsanwalt, äußert sich bei einem Pressegespräch zu den Vorwürfen gegen LKA-Beamte im Zusammenhang mit dem Mord in der Rockerszene. Demnach sollen Beamte 2014 einen Mord billigend in Kauf genommen haben, um anschließend gegen das Rockermilieu vorgehen zu können. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Verdachts auf «Totschlag durch Unterlassen» gegen drei Mitarbeiter des Landeskriminalamtes. Foto: Paul Zinken/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Verwendung weltweit
Sjors Kamstra, Oberstaatsanwalt, ist ebenfalls an den Ermittlungen zu den Clans ins Berlin beteiligt. | Bild: Paul Zinken (dpa)

„Seit Jahren beobachten wir die gleichen arabischen Großfamilien, die Probleme machen.“ In Berlin seien es acht bis zehn Clans, von denen einige Mitglieder kriminell sind. Der Schwachpunkt sei das Geld, sagt Kamstra. Entscheidend sei die Frage: „Wie können wir deren Lebensstil, diese Protzerei vereiteln?“

Deutliche Kampfansage 

Eine Gesetzesreform hilft den Ermittlern an diesem Punkt: Seit dem 1. Juli 2017 kann der Staat vorläufig und unter bestimmten Bedingungen Vermögen bereits einziehen, wenn die Herkunft unklar ist. Früher musste erst bewiesen werden, dass das Geld aus Verbrechen stammte.

Das könnte Sie auch interessieren

So folgte die erste deutliche Kampfansage an die stadtweit bekannte Berliner Clanfamilie Remmo: 77 Häuser und Wohnungen im Wert von 9 Millionen Euro wurden im Sommer 2018 beschlagnahmt. Konten, Konten und wieder Konten sowie Grundbücher wurden gecheckt, bis sich aus dem Riesenpuzzle ein Bild formte, wie Staatsanwälte berichten.

Die Suche nach Beweisen

Das Geldwäsche-Verfahren richtet sich gegen 16 Mitglieder der Familie. Hatten sie sich zu sicher gefühlt? Auf die Spur des Geldes kam die Polizei, weil auffiel, dass ein Mitglied, das von Hartz IV und Kindergeld lebte, Wohnungen und Grundstücke kaufte.

Vermutet wird, dass dabei große Beträge aus dem Millionen-Sparkasseneinbruch von 2014 in den legalen Wirtschaftskreislauf gebracht werden sollten. Doch wie die Ermittlungen ausgehen, ob jemand ins Gefängnis wandert, ist offen. Ein Problem bei der Suche nach Beweisen ist, dass Angehörige der Clans sich nicht verpfeifen. Selbst dann nicht, wenn sie nicht selbst Teil der kriminellen Strukturen sind. Wer mit dem Staat kooperiert, gilt als Verräter und verliert leicht die gesamte Familie.

Das könnte Sie auch interessieren

Entzug der Statussymbole

Das juristische Tauziehen könnte hier also noch Jahre dauern, ist zu hören. Und keiner weiß, ob die Beschlagnahme der Immobilien, die jetzt unter Zwangsverwaltung des Staates stehen, Bestand haben wird. Seit dem neuen Gesetz haben Berliner Gerichte angeordnet, Werte von mindestens 109 Millionen aus illegalem oder unklarem Vermögen einzuziehen, so berichten die Staatsanwälte.

Darunter sind Autos, Bargeld, Häuser. Dass der Verlust eines Statussymbols junge Männer an einem heiklen Punkt trifft, davon geht Staatsanwältin Leister aus: „Ohne Rolexuhr und teures Auto möchte man ungern das Haus verlassen. Bahnfahren ist ohnehin sehr uncool.“

Ermittlungsmethoden sind überholt

Petra Leister ist eine schlanke Frau Mitte 50, sie trägt eine rote Ponyfrisur, tritt energisch auf und spricht schnell. Sie leitet eine Abteilung für Organisierte Kriminalität. Immer wieder seien Angehörige arabischer Großfamilien aufgefallen, „ohne dass wir ihnen die Taten nachweisen können“, sagt Leister.

ARCHIV - 06.11.2018, Berlin: Oberstaatsanwältin Petra Leister, zuständig für die Ermittlung gegen die Clans in der Hauptstadt, spricht bei einem Pressegespräch über eine Razzia der Bundespolizei gegen mutmaßliche Schleuser.   (zu dpa-Story - Clan-Kriminalität in Berlin vom 05.02.2019) Foto: Paul Zinken/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Verwendung weltweit
Oberstaatsanwältin Petra Leister ist zuständig für die Ermittlung gegen die Clans in der Hauptstadt. | Bild: Paul Zinken (dpa)

Nach Einbrüchen und Überfällen würden kaum eindeutige Spuren gefunden. Ihr Kollege Kamstra meint, klassische Ermittlungsmethoden verfingen hier nicht. Telefone abhören? „Die wechseln die Handys schneller, als wir gucken können, und treffen sich in irgendwelchen Shisha-Bars.“ Das Bestechungs- und Drohpotenzial der Clans sei gut genug, um Zeugen verstummen zu lassen. Und es gelinge eigentlich nie, verdeckte Ermittler in eine Großfamilie einzuschleusen.

Beweise statt Zeugen

Bei der neuen Strategie schauten die Kollegen jetzt gezielt nach Verfahren, die „ermittlungstaktisch Potenzial“ haben - es könnten auch ganz kleine sein. „Die Klopperei eines 14-Jährigen auf dem Schulhof, der einen Totschläger benutzt, kann Anlass für eine Durchsuchung bei einem Clan-Haushalt sein.“

Das könnte Sie auch interessieren

Für den sportlich wirkenden Ermittler sind kleine Aktionen nicht einfach Nadelstiche, sondern haben auch andere Zwecke. „Wir müssen so viel wie möglich objektive Beweismittel kriegen, so dass wir die Zeugen nach Möglichkeit nicht brauchen“, sagt er. Zu diesem Werkzeug gehört auch die Standortdaten-Bestimmung von Handys. „Manche Fälle haben wir nur so aufgeklärt - so den Überfall auf ein Pokerturnier - sonst wäre es nie zur Verurteilung von Hintermännern gekommen.“ 

Versammlung der Clan-Familien

Doch die Gegenseite zeigte 2018 ebenfalls Stärke. Damals war Nidal R., der zu einer weniger bekannten Familie gehörte, erschossen worden. Zur Beerdigung im September kamen sie alle: Oberhäupter und Freunde mehrerer Großfamilien. Rund 2000 Männer strömten auf den Zwölf-Apostel-Friedhof im Stadtteil Schöneberg. Sie kamen aus vielen Teilen Deutschlands.

ARCHIV - 13.09.2018, Berlin: Zahlreiche Trauergäste kommen zur Beerdigung von Nidal R. auf dem Neuen Zwölf-Apostel-Kirchhof in Schöneberg. Das Clan-Mitglied Nidal R. wurde auf offener Straße erschossen. (zu dpa-Story - Clan-Kriminalität in Berlin vom 05.02.2019) Foto: Paul Zinken/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Verwendung weltweit
Zahlreiche Trauergäste kommen zur Beerdigung von Nidal R. auf dem Neuen Zwölf-Apostel-Kirchhof in Schöneberg. Das Clan-Mitglied Nidal R. wurde auf offener Straße erschossen. | Bild: Paul Zinken (dpa)

Der Friedhof wurde an diesem Vormittag zum Zeichen einer anderen Realität - einer Männerwelt, in der Älteren die Hand geküsst wird. Frauen waren erst später zugelassen. Polizisten identifizierten 128 Besucher, die direkt der Organisierten Kriminalität zugeordnet werden, die meisten davon aus dem Netzwerk der Clan-Kriminalität. Festgenommen wurde bei dem Schaulaufen niemand. Ohne aktuelle Vorwürfe und Beweise auch kein Haftbefehl.

Aus dem Gerichtssaal nach Hause

Wie manche der Großfamilien ihre Abschottung von der Gesellschaft leben und wie schwer es ist, sie juristisch zu packen, lässt sich im Strafgericht in Moabit besichtigen. Immer wieder sitzen dort kriminelle Clan-Mitglieder auf der Anklagebank. Meist geben sie sich unbeeindruckt von Richtern und Ermittlern. An ihrer Seite: mehrere Verteidiger aus teuren Kanzleien, die sie häufig rauspauken. Bei den verhandelten Delikten geht es quer durch das Gesetzbuch - von Diebstahl bis Mord.

Derzeit läuft am Landgericht etwa der Prozess gegen zwei Brüder und einen Cousin aus der Familie Remmo wegen des Diebstahls der Zwei-Zentner-Goldmünze mit Millionenwert.

ARCHIV - 10.01.2019, Berlin: Der angeklagte Denis W. sitzt zum Prozessauftakt im Zusammenhang mit dem Diebstahl der Goldmünze "Big Maple Leaf" aus dem Bode-Museum neben seinen Anwälten. Der spektakuläre Diebstahl der zentnerschweren Goldmünze aus dem Berliner Bode-Museum war vor knapp zwei Jahren groß in den Schlagzeilen. Nun beginnt am Landgericht der Prozess gegen vier junge Männer. Dieser Einbruch wird Clan-Mitgliedern zugerechnet. (zu dpa-Story - Clan-Kriminalität in Berlin vom 05.02.2019) Foto: Paul Zinken/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Verwendung weltweit
Der angeklagte Denis W. sitzt zum Prozessauftakt im Zusammenhang mit dem Diebstahl der Goldmünze "Big Maple Leaf" aus dem Bode-Museum neben seinen Anwälten. | Bild: Paul Zinken (dpa)

Die Beute wurde vermutlich zerlegt und verkauft. Gleich zum Auftakt gingen die Verteidiger in die Offensive und sagten, die Polizei habe keinen durchgreifenden Beweis für die Beteiligung ihrer Mandanten erbracht. Zu den Verhandlungen kommen die Angeklagten von zu Hause, in U-Haft saßen sie nicht lange. Sie geben sich entspannt. Bart und Haare akkurat geschnitten, lauschen sie den Ausführungen. Bis auf den gelegentlichen Anflug eines Grinsens geben die jungen Männer wenig zu erkennen und schweigen.

"Der illegale Weg muss steinig sein"

Der Stadtbezirk Neukölln gilt als Brennpunkt - sowohl bei sozialen Problemen als auch bei der Clan-Kriminalität. Etwa 330 000 Einwohner leben hier. Zehn Prozent sind arabischstämmig, ein großer Teil hat inzwischen die deutsche Staatsangehörigkeit. Bezirksbürgermeister Martin Hikel ist 32 Jahre alt und noch nicht lange im Amt.

ARCHIV - 28.01.2019, Berlin: Martin Hikel (SPD), Bezirksbürgermeister von Neukölln, spricht bei der Pressekonferenz auf der Jobbörse für Geflüchtete und ausländische Arbeitssuchende im Estrel Hotel. (zu dpa-Story - Clan-Kriminalität in Berlin vom 05.02.2019) Foto: Gregor Fischer/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Verwendung weltweit
Martin Hikel (SPD), Bezirksbürgermeister von Neukölln. | Bild: Gregor Fischer (dpa)

„Der illegale Weg muss immer steinig sein, und der Staat muss derjenige sein, der genau die Steine in diesen Weg reinlegt“, sagt Hikel, der schon durch seine Größe von 2,06 Meter auffällt. Er präsentiert eine lange Liste mit dem, was wirken kann: Wachschutz vor Schulen, Kontrollen in Shisha-Bars, Schulpflicht durchsetzen, spezielle Staatsanwälte. „Das klingt erstmal nach Nadelstichen, aber ich kann es sagen: Es lohnt sich. Und es nervt die entsprechenden Menschen.“

Mühsame Ermittlungen erwartet

Doch auch wenn die Tonlage im Kampf gegen das Phänomen hart geworden ist, Berlins Innensenator Andreas Geisel rechnet mit mühsamen Ermittlungen. „Man braucht hier einen langen Atem, auch über Jahre hinweg“, sagt der SPD-Mann. „Die eigentliche Herausforderung wird sein, die Aufmerksamkeit für das Thema wachzuhalten, auch wenn Serien wie "4 Blocks" nicht mehr ausgestrahlt werden.“ Die TV-Reihe läuft bei TNT Serie und zeigt das Leben eines Clans in Neukölln.

Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) gibt sich optimistisch, sieht aber eine Schwierigkeit: So wie sich die Justiz neu aufstelle, so würden auch die Kriminellen neue Wege für ihr Geld suchen. „Es wird mehr ins Ausland gehen.“ Auch Staatsanwalt Kamstra ist Realist: „Wir glauben nicht, dass wir Clan-Kriminalität beseitigen können. Aber wir haben den Anspruch zu zeigen, dass der Staat sich wehren kann.“

Das könnte Sie auch interessieren

Clan-Chef wieder auf freiem Fuß

Wie Rapper Bushido die Auseinandersetzung mit seinem früheren Clan-Freund klärt, ist offen. Der Musiker und seine Frau Anna-Maria Ferchichi hatten im September 2018 in einem Interview des Magazins „Stern“ gesagt: „Falls mir etwas passieren sollte, ist für meine Frau und meine Kinder gesorgt.“ Zudem sprach er über Kontakte zu einem Mitglied einer anderen Großfamilie.

Einen Rückschlag mussten Polizei und Staatsanwaltschaft am 31. Januar hinnehmen. Ein Richter hob den Haftbefehl gegen den Clan-Chef der Abou-Chakers auf, zwei Wochen nach dem vielbeachteten Abführen im Gericht. Ganz so dringend tatverdächtig scheint er nicht mehr zu sein. Der Verdächtige verließ das Untersuchungsgefängnis. Die Ermittlungen gehen weiter - wie so oft.