Die Israeliten brauchten 40 Jahre, um von Ägypten ins Gelobte Land zu gelangen. Ortskundige haben sich über diese Geschichte im Alten Testament immer wieder gewundert, denn im Grunde ist die Strecke über den Sinai weit schneller zu schaffen, selbst wenn man sie mühselig zu Fuß zurücklegt. Die Erklärung ist einfach: In der Sprache der Bibel stehen 40 Jahre für eine Generation. So lange dauert es, bis Menschen das Alte hinter sich lassen und in einer neuen Welt ankommen.

Der Mauerfall von 1989 liegt inzwischen ebenfalls eine Generation zurück. Wer ins Alter kommt, eine Familie zu gründen, hat das Bauwerk, das Deutschland teilte, nicht mehr gesehen. Trotzdem ist die Mauer irgendwie immer noch da. In vielen Köpfen gibt es weiterhin ein Hüben und Drüben. Mehr noch: Der Osten droht uns wieder abhanden zu kommen. Ein Blick nach Thüringen zeigt, wie die Entfremdung wächst: Die AfD gibt es auch im Westen, doch im Osten ist die Anfälligkeit für rechte Parolen zweifellos größer. Fast jeder Vierte stimmte für einen Demagogen wie Björn Höcke, der die Bundesrepublik mit der DDR gleichsetzt – so als gehöre sie weg. Daraus spricht nicht die Forderung nach einer anderen Politik, sondern der Kampf um eine andere Gesellschaftsordnung. Fällt da auseinander, was zusammengehört?

30 Jahre nach den Ereignissen, die den Deutschen die Einheit brachten, ist das ein verstörender Befund. Den Menschen im Osten geht es wirtschaftlich so gut wie nie zuvor. Trotzdem sind viele von ihnen unzufrieden. Aber warum? Den meisten Bundesbürgern im Westen fehlen bis heute dafür die Antennen. Statt sich mit den Ursachen des Unbehagens auseinanderzusetzen, flüchten sie in Schuldzuweisungen. Warum lauft ihr Pegida hinterher? Was habt ihr gegen Migranten? Warum wählt ihr Faschisten? Die Sorge, die aus solchen Fragen spricht, mag berechtigt sein. Doch das moralische Tremolo, mit dem sie vorgetragen wird, vertieft die Gräben nur. Im Osten kommen solche Tonlagen als Vorwurf an, nicht als Versuch, etwas zu verstehen.

Dabei ist Ursachenforschung nötiger denn je. Vieles, was den Osten vom Westen unterscheidet, reicht mehr als 30 Jahre zurück – aber eben nicht alles. Der Sozialismus hat ein zerstörtes Land und zerstörte Seelen hinterlassen. Doch der Frust, der den Osten heute umtreibt, sammelte sich zu einem großen Teil erst nach der Wiedervereinigung an. 80 Prozent der Beschäftigten in Ostdeutschland verloren nach dem Fall der Mauer ihren Job. Studien zufolge fühlen sich viele Menschen dort als Bundesbürger zweiter Klasse, sie leiden bis heute unter einem Gefühl von Benachteiligung und mangelnder Wertschätzung. In ihren Augen blicken die Landsleute im Westen naserümpfend auf sie herab, in der arroganten Überzeugung, sie wüssten besser, was man zu denken, zu reden und zu wählen hat.

Die AfD spielt virtuos mit diesen Minderwertigkeitsgefühlen. Ihre Botschaften sind so simpel wie gefährlich. Sie klingen etwa so: Früher haben euch Mielke und Honecker gesagt, was gut und richtig ist, heute sind es Merkel, Gauck, Steinmeier und die Multikulti-Schnösel im Westen. Wählern, die für solche Parolen anfällig sind, erscheint die AfD als eine Art Widerstandspartei, die als einzige sagt, was Sache ist, und deshalb verfemt wird. Deshalb zieht im Osten auch die Kampfvokabel vom Faschisten Höcke nicht. Vielmehr erinnert sie dessen Wähler an die Gepflogenheit der SED, Regimegegner als Faschisten zu verunglimpfen. In Thüringen ist diese Taktik für die AfD voll aufgegangen, obwohl ihr Spitzenkandidat aus dem Westen kommt und laut Umfragen keineswegs beliebt ist. Bei den Wahlen in Sachsen und Brandenburg war es kaum anders.

Der Protest rückt nach rechts

Deutschland, das zeigt sich drei Jahrzehnte nach dem Fall der Mauer, rückt im Lauf der Generationen nicht zwangsläufig zusammen. Manche Risse werden wieder größer. Politiker, die Hassbotschaften verbreiten und Stimmung gegen Minderheiten machen, werden auch im Westen zur Genüge gewählt. Doch im Osten ist ihr Resonanzboden aufgrund völlig anderer geschichtlicher Erfahrungen größer. Ihren besonderen Erfolg im Osten verdankt die AfD weniger ihrem völkischen Geschwätz, sondern weit mehr ihrem geschickt konstruierten Image als Stimme gegen die da oben – eine Rolle, die bis vor wenigen Jahren die Linke innehatte. Die Flüchtlingskrise von 2015 hat den Groll endgültig nach rechts verschoben. Wenn die etablierten Parteien dagegenhalten wollen, sollten sie um diese Wähler kämpfen, anstatt sie pauschal verloren zu geben. Über Rassismus, Menschenwürde und die Sicht auf die Nazi-Verbrechen gibt es nichts zu diskutieren. Über Themen wie Zuwanderung und soziale Gerechtigkeit hingegen schon. Die Demokratie wird es aushalten.

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