Bürgerlich und bescheiden: „Helmut Schmidt“ steht bis heute auf der Klingel. Und auch sonst hat sich hier kaum etwas verändert, seit Loki und Helmut Schmidt eingezogen sind. Seit sie hier gelebt haben, geraucht, geliebt, gefeiert, getrauert. Seit sie hier gealtert sind und gestorben – nach mehr als 70 gemeinsamen Jahren.

Ganz bürgerlich: Das Messingschild von Helmut Schmidt über der Klingel am Doppelhaus.
Ganz bürgerlich: Das Messingschild von Helmut Schmidt über der Klingel am Doppelhaus. | Bild: Michael Stifter Augsburger Allgemeine

Einfach in dieses Haus gehen und in das Privatleben des Altkanzlers eindringen? Die Schmidts wollten es so. Es war ihr Letzter Wille. In ihrem Testament – Loki starb 2010 mit 91, Helmut Schmidt 2015 mit 96 Jahren – haben sie verfügt, dass ihr Wohnhaus so erhalten bleiben soll, wie sie es verlassen haben.

Alles blieb an seinem Platz

Und die Schmidts wollten, dass ihr Haus für Besucher geöffnet wird. Das ist dreieinhalb Jahre nach dem Tod des Politikers nun der Fall. Alles ist noch an seinem Platz. Als wären die Schmidts nur mal eben übers Wochenende an den Brahmsee gefahren, wo sie ein Ferienhaus hatten.

Das Wohnzimmer mit Couch-Ecke, Tisch und der zentralen Bücherwand. Darüber Landschaftsgemälde. Rechts hinten der Durchgang zum Esszimmer der Schmidts.
Das Wohnzimmer mit Couch-Ecke, Tisch und der zentralen Bücherwand. Darüber Landschaftsgemälde. Rechts hinten der Durchgang zum Esszimmer der Schmidts. | Bild: Michael Stifter Augsburger Allgemeine

Unten der Perser, oben Bildung und Gemütlichkeit mit Kissen auf dem Ledersofa. Berühmte und mächtige Männer saßen in Hamburg-Langenhorn auf der Couch, wenn sie etwa zum Staatsbesuch in der Bundesrepublik waren.

Hierher wurden illustre Gäste eingeladen. Von rechts in bester Laune: SPD-Chef und Raucher Willy Brandt, der sowjetische Staats- und Parteichef Leonid Breschnew, Hannelore "Loki" Schmidt, Raucher Helmut Schmidt und der stellvertetende sowjetische Ministerpräsident Nikolai Tichonow im Mai 1978.
Hierher wurden illustre Gäste eingeladen. Von links in bester Laune: SPD-Chef und Raucher Willy Brandt, der sowjetische Staats- und Parteichef Leonid Breschnew, Hannelore "Loki" Schmidt, Raucher Helmut Schmidt und der stellvertetende sowjetische Ministerpräsident Nikolai Tichonow im Mai 1978. | Bild: dpa / Lothar Heidtmann

Das Büro des Altkanzlers ist vollgepackt mit Büchern, Bildern und Nippes. Dazu gehört eine wichtige Erinnerung: Das Schachbrett samt Figuren, das Helmut Schmidt in britischer Kriegsgefangenschaft geschnitzt hat.

Blick in die Vitrine mit Preziosen und Erinnerungen: Helmut Schmidt kam als Leutnant der deutschen Wehrmacht bei Kriegsende 1945 in englische Gefangenschaft. Zum Zeitvertreib fertigte er sich dort ein Schachspiel an. Die schwarzen Figuren färbte er im Kaffeesatz.
Blick in die Vitrine mit Preziosen und Erinnerungen: Helmut Schmidt kam als Leutnant der deutschen Wehrmacht bei Kriegsende 1945 in englische Gefangenschaft. Zum Zeitvertreib fertigte er sich dort ein Schachspiel an. Die schwarzen Figuren färbte er im Kaffeesatz. | Bild: Michael Stifter Augsburger Allgemeine

Im Büro sieht es noch immer nach Arbeit aus. Als sei der Hausherr nur kurz nach draußen gegangen. Hier feilte er an seinen Reden, schrieb Artikel für die "Zeit" und verfasste zahlreiche Bücher.

Der Schreibtisch des Altkanzlers. Hier glimmte oft bis spät in die Nacht die Zigarette. Der Schreibtisch hatte es mit zahlreichen Brandflecken zu büßen.
Der Schreibtisch des Altkanzlers. Hier glimmte oft bis spät in die Nacht die Zigarette. Der Schreibtisch hatte es mit zahlreichen Brandflecken zu büßen. | Bild: Michael Stifter Augsburger Allgemeine

Die Tischplatte in Schmidts Büro ist übersät von kleinen Brandflecken, Spuren des größten Lasters des Ehepaars, das hier lebte: Im ganzen Haus findet man silberne Schatullen mit Tabakwaren, vornehmlich die Menthol-Zigaretten des berühmtesten Rauchers der Republik.

Eine Kiste mit Tabakwaren: Zigaretten – oben in der Mitte die bei SPD-Parteitagen trotz Rauchverbots zugelassenen Menthol-Glimmstängel von Reyno – dazu Pfeifentabak und Zigarren. Alles da, was des Rauchers Lunge begehrt!
Eine Kiste mit Tabakwaren: Zigaretten – oben in der Mitte die bei SPD-Parteitagen trotz Rauchverbots zugelassenen Menthol-Glimmstängel von Reyno – dazu Pfeifentabak und Zigarren. Alles da, was des Rauchers Lunge begehrt! | Bild: Michael Stifter Augsburger Allgemeine

An einem Aschenbecher klebt verbrannter Tabak. Daneben steht eine Kerze in einem Halter. Nicht der Romantik wegen, sondern für den Fall eines Stromausfalls. Deshalb findet sich im Regal eine verbeulte Taschenlampe.

Vorgesorgt: Durch den Krieg geprägt, war man bei Schmidts für einen Stromausfall gut gerüstet. Hier eine verbeulte Taschenlampe auf dem Bücherregal, dahinter ein paar vom Hausherr selbst geschriebene Bücher wie "Strategie des Gleichgewichts". Schmidt hatte immer den Blick fürs große Ganze.
Vorgesorgt: Durch den Krieg geprägt, war man bei Schmidts für einen Stromausfall gut gerüstet. Hier eine verbeulte Taschenlampe auf dem Bücherregal, dahinter ein paar vom Hausherr selbst geschriebene Bücher wie "Strategie des Gleichgewichts". Schmidt hatte immer den Blick fürs große Ganze. | Bild: Michael Stifter Augsburger Allgemeine

In seinem Arbeitszimmer vergaß Schmidt oft die Zeit, und so stehen auf dem Fenstersims ein Spiegel, ein Elektrorasierer und ein Fläschchen Aftershave. So konnte er sich notfalls schnell frisch machen. Schmidt war immer irgendwie im Einsatz . . .

Eine Art Ersatz-Badezimmer findet sich in Schmidts Büro: Rasierspiegel, Rasierwasser und Rasierapparat liegen griffbereit. Es hätte ja sein können, dass der Kanzler ganz geschwind zum Außendienst gerufen wird.
Eine Art Ersatz-Badezimmer findet sich in Schmidts Büro: Rasierspiegel, Rasierwasser und Rasierapparat liegen griffbereit. Es hätte ja sein können, dass der Kanzler ganz geschwind zum Außendienst gerufen wird. | Bild: Michael Stifter Augsburger Allgemeine

Jedes Stück hat eine eigene Inventarnummer, sogar der Stapel Taschentücher auf dem Schreibtisch. Mehr als ein Jahr lang erfasste ein Historiker über 6000 Gegenstände und legte sie zurück an Ort und Stelle.

Flügel und Rosenschere

Von einer Fensterfront umrahmt, steht ein Konzertflügel, auf dem Helmut Schmidt gerne – und gut – spielte.

Der Flügel von Helmut Schmidt vor dem Fenster zum Garten. Der Kanzler war ein talentierter Pianist und passionierter Liebhaber klassischer Musik.
Der Flügel von Helmut Schmidt vor dem Fenster zum Garten. Der Kanzler war ein talentierter Pianist und passionierter Liebhaber klassischer Musik. | Bild: Michael Stifter Augsburger Allgemeine

Der Flügel war ein Weihnachtsgeschenk von Loki. Die Botanikerin bekam damals ein Gewächshaus für den Garten. Auf der Fensterbank liegt die Rosenschere. Loki Schmidt war eine engagierte Pflanzenschützerin.

Werkeug für die Blumenpflege. Die Scheren liegen auf der Fensterbank, als habe Loki Schmidt sie nur mal kurz abgelegt.
Werkeug für die Blumenpflege. Die Scheren liegen auf der Fensterbank, als habe Loki Schmidt sie nur mal kurz abgelegt. | Bild: Michael Stifter Augsburger Allgemeine

Wenn Gäste kamen, hat Loki Schmidt schon mal spontan für alle gekocht. Es gab dann Hausmannskost, Eintopf oder Bratkartoffeln mit Roastbeef. Die Küche blieb in den fünf Jahrzehnten, in denen das Paar hier lebte, dieselbe. Die Schmidts stammen aus einer Generation, in der man nichts weggeworfen oder ohne Not erneuert hat. So findet man im Hängeschrank über der Arbeitsplatte alte Senfgläser, aus denen getrunken wurde.

Bar mit Buddelschiff

Der intimste und geheimnisvollste Ort im Haus ist die Bar im Stil einer Buddelschiff- und Seemanns-Spelunke à la St. Pauli. Sie liegt nicht im Keller, sondern in einem fensterlosen Raum zwischen Wohn- und Esszimmer. Auch hier empfing Gastgeber Schmidt große Leute.

Plauderei zu später Stunde an der Bar: Hinter der Theke rauchend Helmut Schmidt, davor auf einem Barhocker Frankreichs damaliger Staatspräsident Valery Giscard D'Estaing. Man schreibt das Jahr 1978. Beide Politiker sind auf dem Höhepunkt ihrer Macht.
Plauderei zu später Stunde an der Bar: Hinter der Theke rauchend Helmut Schmidt, davor auf einem Barhocker Frankreichs damaliger Staatspräsident Valery Giscard D'Estaing. Man schreibt das Jahr 1978. Beide Politiker sind auf dem Höhepunkt ihrer Macht. | Bild: Getty Images / Régis Bossu

Dort entstand ein legendäres Bild. Spätabends, eingehüllt in den Rauch von Zigaretten und das schummrige Licht der Hängelampen, unterhält sich Schmidt mit seinem Freund, dem französischen Präsidenten Valéry Giscard d’Estaing. Eine Momentaufnahme zweier Männer, die ins Gespräch versunken sind? Oder hat der Fotograf die Szene arrangiert? Aber was ist das?

Als Schmidt sich die Figur des schwarzen Barkeepers auf die Theke stellte, galt das noch als netter Gag. Im Hintergrund ein Buddelschiff und an der Wand Bilder von Segeljachten, mit denen der Kanzler auch gerne schipperte.
Als Schmidt sich die Figur des schwarzen Barkeepers auf die Theke stellte, galt das noch als netter Gag. Im Hintergrund ein Buddelschiff und an der Wand Bilder von Segeljachten, mit denen der Kanzler auch gerne schipperte. | Bild: Michael Stifter Augsburger Allgemeine

Auf dem Tresen eine Figur von Louis Armstrong, die auf Knopfdruck den Klassiker „What a wonderful world“ singt. Ein Geschenk von Tochter Susanne, die in England wohnt. Loki und Helmut wollten, dass ihre kleine Welt sie überlebt. Alles ist an seinem Platz geblieben. Alles ist in Ordnung.

Welcher Name steht für mehr Normalität in Deutschland als Schmidt? Schnappschuss von der Strukturtapete in der Kanzler-Bar.
Welcher Name steht für mehr Normalität in Deutschland als Schmidt? Schnappschuss von der Strukturtapete in der Kanzler-Bar. | Bild: Michael Stifter Augsburger Allgemeine

So macht man das in Hamburg-Langenhorn, wo sich die Menschen noch an Regeln halten. Nur eines hat sich verändert: Draußen an der Haustür klebt jetzt ein „Rauchen verboten“-Schild. Wenn das der Altkanzler wüsste.