Braucht die darbende SPD einfach nur einen beherzten Rechtsruck, um aus dem Jammertal herauszukommen? Findet sich das Vorbild für ihr Comeback in Dänemark? Es ist bezeichnend für die Verzweiflung in der deutschen Sozialdemokratie, dass nun eine so gefährliche wie sinnlose Debatte die nächste ablöst. Je tiefer die SPD sank in den vergangenen Monaten, umso lauter wurden ja die Stimmen, die fordern, die Partei müsse weiter nach links rücken, um wieder erfolgreich zu werden. Dabei blieben die Anhänger dieser These, etwa Juso-Chef Kevin Kühnert, gute Argumente schuldig.

Den SPD-Funktionären steht das Wasser bis zum Hals

Vieles spricht dafür, dass ein Linksruck den Niedergang sogar noch beschleunigen könnte. Nachdem die dänischen Sozialdemokraten nun mit einem strammen Rechtskurs stärkste Kraft bei den Parlamentswahlen wurden, kippt die Diskussion ins andere Extrem. Ex-Parteichef Gabriel spricht sich wie Bundestagsvize Thomas Oppermann für eine striktere Migrationspolitik der SPD aus. Doch auch einen Rechtsschwenk nach Dänen-Manier braucht die Partei so dringend wie einen Wasserrohrbruch im Willy-Brandt-Haus. Wo den Funktionären das Wasser ohnehin schon bis zum Hals steht.

Klar, die SPD hat in den letzten Jahren auch an die AfD viele Wähler verloren. Sie hat aber auch an die Linke, die Grünen, die Union und ans Lager der Nichtwähler Stimmen abgegeben. Passiert ist das, weil sie nicht mehr integrieren kann. Weil der Partei in einem jahrzehntelangen Prozess der Kompass dafür abhandengekommen ist, für wen sie eigentlich Politik machen will.

Wer war einmal die Hauptklientel der SPD?

Ursprünglich war das einmal, sehr grob gesagt, der wirtschaftlich schwächere Teil der Bevölkerung, je nach Definition also eine ziemlich große Gruppe, allemal die Mehrheit. Menschen, die etwa durch Arbeitslosigkeit wirklich arm sind, gehörten da zwar stets dazu, das Hauptklientel der SPD bildeten aber Berufstätige, die hoffen konnten, dass sie selbst und ihre Kinder es immer besser haben würden, wenn sie der SPD vertrauen. Erreicht haben die Sozialdemokraten viel und deshalb werden sie jetzt nach hohen Maßstäben gemessen.

Unbarmherzig treten so die Felder hervor, in denen die SPD von heute keine überzeugenden Antworten hat. Dass die SPD die Flüchtlingspolitik von Bundeskanzlerin Merkel mittrug, ist nicht die Hauptursache für ihren Niedergang. Doch das Thema Migration spielt in einigen wichtigen Themen ein Rolle. In der Debatte um Hartz-IV etwa, das als ungerecht empfunden wird, weil es Menschen, die lange gearbeitet haben, die auch Eigentum aufgebaut haben, innerhalb weniger Jahre nach unten durchreicht. Und sie gleichstellt mit jenen, die nie in das Sicherungssystem eingezahlt haben, ob das nun Einheimische oder Zuwanderer sind.

Bürger fürchten Zuwanderer als Konkurrenten

In sozial schwächeren Teilen der Bevölkerung wurde die Begeisterung, die unter SPD-Funktionären auf dem Höhepunkt des Flüchtlingszustroms herrschte, mit Skepsis gesehen. Viele Bürger fürchten Zuwanderer als Konkurrenten um Jobs, Wohnungen und Sozialleistungen. Weil unter den Migranten junge Männer in der Mehrzahl sind, eine Gruppe, in der ungeachtet von Nationalität oder Hautfarbe Kriminalität geballt auftritt, kommen Sorgen um die Sicherheit hinzu. Und in Ostdeutschland wären die verbreiteten Vorbehalte gegen Zuwanderer wohl weniger ausgeprägt, wenn nicht auch drei Jahrzehnte nach der Wende vielerorts noch große wirtschaftliche Probleme herrschen würden.

Sich langfristig auf vernünftige, menschliche, in der Praxis aber auch handhabbare Grundsätze bei der Zuwanderung zu einigen, ist nur eine von vielen SPD-Hausaufgaben. Dass auch in der Migrationspolitik Regeln notfalls hart durchgesetzt werden müssen, wie es Oppermann fordert, ist eine Binsenweisheit. Für die Einhaltung von Gesetzen einzutreten, sollte selbstverständlich sein. Ein Rechtsruck aber im Sinne einer Politik, die nach Art der AfD gegen Zuwanderung und Migranten gerichtet ist, wäre der Partei, die sich einst Hitler in den Weg gestellt hat, nicht würdig.