Moskau -Russland hält seinen Winterschlaf, es feiert mit Altkirchenslawisch-Gesängen das orthodoxe Weihnachtsfest und bekommt in den Abendnachrichten einen lächelnden Präsidenten präsentiert: Wladimir Putin zu Gast bei Baschar al-Assad in Damaskus, Wladimir Putin zu Gast bei Recep Tayyip Erdogan in Istanbul. Die Krise im Nahen Osten, nachdem US-Truppen den iranischen General Kassem Soleimani getötet hatten, hat den Kreml prompt aus den staatlichen Winterferien zurückkommen lassen.

Überraschend mutet da auch der Arbeitsbesuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel an diesem Samstag in Moskau an. In der kritischen Zeit brauchen die beiden Staaten einander. Berlin weiß um die Einflussmöglichkeiten der Russen in Iran, Moskau hofft auf Beeinflussung der Amerikaner durch die Deutschen.

Russland hat sich längst als unumgänglicher Machtfaktor im Nahen Osten etabliert und sortiert, zusammen mit der Türkei, auch weiterhin die Verhältnisse in der Region neu. Der russische Außenpolitik-Experte Fjodor Lukjanow sprach bereits vor einigen Wochen von einem russischen „Pragmatismus“, der auf Diplomatie, militärischer Gewalt und Skrupellosigkeit basiere. In Syrien ist Moskaus Macht zu einem Dreh- und Angelpunkt des Konflikts geworden. Es hat den sunnitischen Golfstaaten, den USA und der EU die Grenzen ihrer Macht aufgezeigt und auch Ankara dazu bewegt, Assad, den eigentlichen Feind der Türken, als Syriens Herrscher anzuerkennen. Ähnliches versucht es nun in Libyen. Obwohl Moskau den aufständischen General Chalifa Haftar unterstützt und Ankara die von der UN anerkannte Regierung von Fajis al-Sarradsch, macht die Inaktivität der EU und der USA die beiden Kontrahenten zu zentralen Spielern im öl- und gasreichen Land. Sie, die den Konflikt mitbefeuern, geben sich gleichzeitig als Konfliktlöser. Bei ihrem Treffen am Mittwoch riefen Putin und Erdogan zu einem Waffenstillstand in Libyen auf, der ab Sonntag gelten soll. „Fehler der anderen erkennen und sie für sich nutzen“, nennt Lukjanow die Methode, mit der der Taktiker Putin ohnehin stets zu reagieren weiß. Ein Stratege war der russische Präsident nie.

Der Bürgerkrieg in Libyen destabilisiert auch die angrenzende Sahel-Zone. Moskau weiß hier, dass es mehr Einfluss auf zentrale Migrationsrouten in die EU gewinnen kann. Ein Bereich, der Kanzlerin Merkel ebenfalls interessieren dürfte. Vor allem aber dürfte es in den Gesprächen mit Putin, bei denen auch der deutsche Außenminister Heiko Maas dabei sein wird, um den Iran gehen. Bereits beim Ausstieg der Amerikaner aus dem Atomabkommen mit Iran waren sich Berlin und Moskau darin einig, an der Vereinbarung weiter festzuhalten. Auch nun hofft Berlin wohl darauf, Moskau möge Teheran zur Deeskalation bewegen.

In den Spannungen zwischen den USA und Iran liegt für Russland durchaus Profit. Doch obwohl die Ölpreise steigen und Iran bei Verschärfung des Konflikts gezwungen wäre, russische Waffen zu kaufen und die Verträge mit dem russischen Staatskonzern Rosatom, der an der iranischen Golfküste den Kernreaktor Buschehr baut, abzuschließen, würde die Untergrabung oder gar Zerstörung der Macht in Teheran Russlands Rolle als Regimewechsel-Verhinderer Nummer Eins schwächen.

Der Kreml fürchtet sich vor Regimewechseln jeder Art. So ist Moskau vielmehr daran gelegen, als Sicherheitsgarant in der Region wahrgenommen zu werden. Ägypten und die Vereinigten Arabischen Emirate hatten sich bereits mehrmals an Russland gewandt, um Unterstützung für deren Agenda in Libyen zu gewinnen. Saudi-Arabien habe nichts dagegen, wenn Russland im Jemen vermittelt, schreibt der russische Nahost-Experte Kirill Semjonow. Die Ambition des Kreml ist es, den Einfluss regionaler und vor allem überregionaler Mächte wie den USA im Nahen Osten zu minimieren, nicht der kurzfristige wirtschaftliche Nutzen.