Wer bei einer Debatte im Britischen Parlament Mäuschen spielen darf, glaubt wahrscheinlich im falschen Jahrhundert angekommen zu sein. Wirres Geschrei, altmodisches Mobiliar und merkwürdige Gegenstände stehen dort nämlich an der Tagesordnung. Doch das Schauspiel hat für die traditionsbewussten Briten ihre Rechtfertigung: Seit dem Mittelalter werden diese Gepflogenheiten nicht nur aufrecht erhalten, sondern gelebt.

Es geht im Britischen Unterhaus stets um einen Wettkampf, kunstvoll geführt und unterhaltsam gewiss. Aber oft fehlt den Briten die Ernsthaftigkeit in der politischen Debatte. Zur parlamentarischen Kultur gehört auch, dass nach dem Polit-Schauspiel von Medien und politischen Beobachtern stets ein Gewinner und ein Verlierer ausgemacht wird. In den Zeitungen folgen Rezensionen wie nach dem Besuch eines Theaterstücks.

 

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Goldenes Zepter als Zeichen der königlichen Autorität

Ein goldenes Zepter liegt im britischen Unterhaus auf einem Tisch zwischen den beiden Lagern der Parlamentarier. Es ist etwa 1,5 Meter lang, ziemlich schwer und stammt aus der Zeit von König Charles II. aus dem 17. Jahrhundert. Vor jeder einzelnen Tagung des Parlaments, wird das Zepter von einem augewählten Mitarbeiter zeremoniell dem Vorsitzenden vorangetragen und im Unterhaus am vorgesehenen Platz deponiert. Das Zepter wird stets an der vorderen Tischkante – für alle Angeordneten gut sichtbar – platziert. 

Ohne den königlichen Zeremonienstab kann das Britische Parlament nicht tagen.
Ohne den königlichen Zeremonienstab kann das Britische Parlament nicht tagen. | Bild: House Of Commons (PA Wire)

Wenn das Zepter geklaut wird

Ist der königliche Zeremonienstab ("The Mace") nicht an seinem Platz, kann nicht getagt werden. So geschehen im vergangenen Dezember, als der Labour-Abgeordnete Lloyd Russell-Moyle seinen Unmut über die Verschiebung der Abstimmung zum Brexit-Deal ohne vorherige Befragung des Parlaments zum Ausdruck bringen wollte. Kurzerhand entwendete er den Zeremonienstab und ging damit in Richtung Ausgang. Weit kam er allerdings nicht: Parlamentsmitarbeiter nahmen Russell-Moyle das Zepter wieder ab und brachten es an seinen vorgesehenen Platz in der Mitte der Parlamentskammer zurück.

Platzverweis für den Abgeordneten

Für den Abgeordneten endete sein versuchter Diebstahl mit einem Platzverweis: Er wurde für den Rest des Tages von den Verhandlungen ausgeschlossen. Es gilt als außergewöhnliche Form des Protestes, wenn Abgeordnete versuchen das Symbol der königlichen Autorität im Parlament zu entwenden. 

Der britische König darf das Unterhaus nicht betreten

Weil der Britische König das Unterhaus nicht betreten darf, soll das Zepter seither die königliche Autorität im Parlament darstellen. Sollte das Zepter fehlen, können keine Gesetze verabschiedet werden. Neben dem Zepter liegen Gesetzestexte und viele andere Akten auf dem Tisch.

Abgestimmt wird mit den Füßen

Wer im Britischen Unterhaus für oder gegen eine Beschlussvorlage ist, signalisiert dies mit den Füßen. Denn abgestimmt wird, indem die Abgeordneten die Kammer entweder durch die Aye-Lobby oder durch die No-Lobby verlassen. Dabei handelt es sich um zwei Flure in entgegengesetzter Richtung. Die Abgeordneten werden dabei gezählt. Dass alles korrekt abläuft, dafür gibt es die Teller (Stimmenauszähler), zwei Parlamentarier von jeder Seite, die die Auszählung überwachen und die jeweiligen Abgeordneten zählen. Ihre Ergebnisse teilen sie dem Speaker (Sprecher) mit, der dieses dann verkündet. 

Wenn das Britische Parlament voll ist, kann es mitunter ganz schön eng auf den Plätzen werden.
Wenn das Britische Parlament voll ist, kann es mitunter ganz schön eng auf den Plätzen werden. | Bild: Mark Duffy (House of Commons)

Zwei Degenlängen Abstand

Vor den beiden ersten Sitzreihen sind rote Linien auf dem Teppich aufgemalt, die „Bianca-Line“ genannt werden. Der Abstand ist nicht willkürlich. Er muss genau zwei Degenlängen betragen. Die Begrenzung stammt noch aus dem Mittelalter. Eine Erinnerung an die Zeit, als kontroverse Debatten nicht mit Worten, sondern mit Waffen ausgetragen wurde. Aber auch heute soll sie verhindern, dass politische Kontrahenten im Wortgefecht handgreiflich werden.

"Hear, hear"

Legendär sind die Debatten im Britischen Parlament mit ihrem Geraune, Gegrunze und Gegröle. Dabei ist Beifall nicht nur verpönt, sondern genauso verboten wie die direkte Anrede mit Namen, weshalb sich die Abgeordneten mit „The Right Honourable“ ansprechen, also der oder die Ehrenwerte. Für die Reden der Abgeordneten wird grundsätzlich nicht applaudiert. Das ist streng verboten. Zustimmung wird etwa durch die Worte „Hear, hear“ von allen Abgeordneten lauthals verkündet. Auch die Wörter „aye“, das ja und „no“, das nein bedeutet, werden bei Abstimmungen geäußert. Erlaubt – manche würden sagen erwünscht – sind Beleidigungen, Demütigungen und das Lächerlichmachen der Kontrahenten.

Zu wenige Sitzplätze für 650 Abgeordnete

Die Regierung und Opposition sitzen auf zehn grünen Bankreihen. Sie sind treppenartig angeordnet. Egal ob ganz vorn oder eher im hinteren Bereich – Abgeordnete schauen ihrem politischen Gegner immer ins Auge. Das fördert die Konfrontation. Das Unterhaus im historischen Palace of Westminster hat zwar 650 Sitze, aber nur Platz für 427 Abgeordnete. Jeden Mittwoch stehen 223 Personen bei der halbstündigen Befragung der Premierministerin am Rand oder sogar vor dem Sitzungsraum des Unterhauses. Damit alle das Spektakel verfolgen können, werden vor dem Plenarsaal Fernseher aufgestellt.

Für 650 Abgeordnete stehen im Britischen Unterhaus lediglich 427 grüne Sitze zur Verfügung.
Für 650 Abgeordnete stehen im Britischen Unterhaus lediglich 427 grüne Sitze zur Verfügung. | Bild: House Of Commons (PA Wire)

Regierung wie Opposition trainieren ihre Auftritte

Erst muss die Premierministerin sechs Fragen vom Oppositionsführer beantworten, danach stellt sie sich anderen Abgeordneten, aufgerufen vom Sprecher des Hauses, dem Speaker, der fast wie ein Monarch auf einem Thron über Anstand und Ordnung wacht. Sowohl Regierung als auch Opposition trainieren für diese Auftritte.

"Despatch Boxes" ersetzen das Rednerpult

Auch die zwei sogenannten „Despatch Boxes“, also Versandboxen stehen auf dem Tisch. Eine auf der Seite der Regierungspartei und eine auf der Seite der Opposition. Sie ersetzen das Pult für die jeweiligen Redner. In den schön verzierten Boxen wurden früher Unterlagen der Parlamentarier ins Unterhaus transportiert. Sie enthielten religiöse Texte und die Rede, die sie im Unterhaus hielten. Die Boxen, die heute auf dem Tisch im Unterhaus stehen sind Geschenke aus Neuseeland. Sie wurden von Sir Giles Gilbert Scott entworfen und sollen Boxen, die während des Zweiten Weltkriegs zerstört wurden, ersetzen. Die "Despatch Boxes" sind aus neuseeländischem Puriri-Holz gefertigt. 

Die Premierministerin Theresa May spricht im britischen Unterhaus, nachdem sie am Dienstag, den 15. Januar 2019, eine Abstimmung über ihren Brexit-Plan verloren hat. Dabei steht sie vor einer der beiden "Despatch Boxes".
Die Premierministerin Theresa May spricht im britischen Unterhaus, nachdem sie am Dienstag, den 15. Januar 2019, eine Abstimmung über ihren Brexit-Plan verloren hat. Dabei steht sie vor einer der beiden "Despatch Boxes". | Bild: Mark Duffy (House of Commons)

Eine Briefablage für König und Königin

Das sogenannte "silver gilt letter rack, ink wells and pen rest" steht bei den meisten Tagungen des Parlaments auf dem Tisch. Die Briefablage war ein Geschenk von der Regierung von Simbabwe. Die Initialien "GE" stehen für König George VI und seine Königin Elisabeth. Die gleichen Initialien sind auch auf den "despatch boxes" zu sehen. Auch die Briefablage wurde von Sir Giles Gilbert Scott entworfen. Er orientierte sich dabei wohl an einer silbernen Briefablage, die vor über 100 Jahren von A.W.N. Pugin entworfen wurde und im Palace of Westminster steht. (Mit Material von dpa)