Als Russlands Präsident Wladimir Putin Anfang März mit seiner Rede an die Nation seinen Wahlkampf einläutete, sagte er einen bemerkenswerten Satz: „Niemand hatte uns zugehört. Hört uns jetzt zu.“ In diesen Worten steckt vieles von Russlands heutiger Politik – und vom unbedingten Wunsch, mit allen Mitteln auf der Weltbühne wahrgenommen zu werden. Womöglich sogar auch mit Giftgas, das alles vernebelt, was zu vernebeln ist. Das Giftgas von Salisbury, das Giftgas von Syrien. Die Verantwortlichen für die Substanzen sind nicht zweifelsfrei festzustellen, die Beweislage basiert auf so vielen Beweisen, dass dieses Wort allein seine Bedeutung zu verlieren droht. Die Mehrfachdeutungen nutzt Moskau, das Widersprüche mit Absicht und Beharrlichkeit pflegt, um die Bruchstellen im Westen zu verstärken.

In den März-Sätzen Putins stecken die als überaus schmerzlich empfundene Zurückweisung, die ertragene Demütigung, auch eine Enttäuschung gegenüber dem Westen, jedoch ebenfalls der Wille, dass das, was man zu sein glaubt, endlich anerkannt werde: eine Weltmacht. Sie markieren das Ende der Kooperation, das Ende von Normen und Prinzipien internationaler Politik. Sie deuten an: „Ihr habt uns nichts mehr zu sagen, wir sagen nun, wo es lang geht.“ Es sind die Sätze einer längst ramponierten Beziehung. Sätze der Sprachlosigkeit zwischen Russland und dem Westen. Jeder präsentiert seine Sicht der Dinge, und es besteht vielfach nicht einmal mehr der Ansatz, den jeweils anderen auch nur anzuhören und verstehen zu wollen.

Nach dem Militärschlag der USA, Großbritanniens und Frankreichs auf Syrien, sieht Moskau seine Version, vom Westen bedroht zu sein, als bestätigt an. Der Westen sei der Aggressor, der die Angst vor einem neuen Krieg schüre. Russland dagegen, so pflegt es in den Staatsmedien kundzutun, sei die vernünftige weltpolitische Kraft, die das internationale Recht achte und sich für den Erhalt funktionierender internationaler Beziehungen einsetze. Im russischen Verständnis ist das, was im Westen als vollkommen absurd anmutet, durchaus konsequent: Es wehrt sich gegen böse Mächte, die es umzingeln, und tut es auf eine nüchterne Art und Weise. Kritik am Verhalten Moskaus tut es – mit Genuss – als „antirussische Kampagne“ ab.

Der Regelbruch ist zur Norm geworden. So empfindet Russland das Verhalten des Westens und verweist immer wieder auf Kosovo, Irak, Libyen. Es hält dem Westen all das vor, was der Westen Moskau spätestens seit der Ukraine-Krise vorwirft: Fakten beugen, Tatsachen verschleiern, mehrere Versionen einer Tat verbreiten, Verwirrung stiften, lügen und betrügen. Kriegsverbrechen stuft Russland als Fake-News ein, Nachrichten, die sich nicht eindeutig überprüfen lassen, legt es zu seinen Gunsten aus und präsentiert sich gern als der Besonnene in einer Welt, in der es an vielen Stellen brennt. Was es selbst dazu beigetragen hat, dass es zu diesen Bränden gekommen ist, hinterfragt es natürlich nicht. Selbstzweifel sind in einem kraftstrotzenden Land nicht angebracht.